Logik und Kognition

Datum: -

Ort: Alte Jakobstr. 12 / Ecke Ritterstr. (Tiyatrom Theater), 10969 Berlin

Unser Kopf: Schaltplan oder Geheimnis?
Unser Kopf: Schaltplan oder Geheimnis?

Logik und Wirklichkeit

Logik scheint die Funktion eines Prüfmoduls zu haben, mit der der Wahrheitsgehalt von Aussagen ermittelt werden kann. Solange die Logik mit abstrakten, inhaltsleeren Symbolen operiert, erfüllt sie tatsächlich diese Anforderung. Sobald es um Inhalte („Bedeutung“) geht, muss Logik passen.

Was hat Logik mit Wahrheitsfindung zu tun? Sie ist sicherlich ein mächtiges, aber entgegen ihrem Anspruch kein verlässliches Instrument. Es gibt formal korrekte Scheinlogik und schillernde Mehrdeutigkeit („tanzende Logik“), und für das Weltverständnis, wo gerade das Erkennen von Inhalten wichtig wäre, ist sie keine sichere Hilfe.
In diesem Vortrag soll eine neurobiologische Darstellung der menschlichen Kognition versucht werden, sie soll den Zusammenhang zwischen Erkennen, Wahrheit und den Grenzen (dem Versagen) der Logik erhellen.

Kognition als biologischer Prozess

Maturana und Varela zeigten, dass Kognition ein biologischer Prozess ist. Dem Erkennen wird dabei eine sehr allgemeine Definition zu Grunde gelegt: Eine Erkenntnis liegt vor, wenn sie eine erfolgreiche Handlung (im weitesten Sinne) ermöglicht. Ein Bakterium, welches in seiner Umgebung Glukose entdeckt und verstoffwechselt, hat sein Substrat „erkannt“, ohne zu wissen, dass es sich um Glukose handelt.

Menschliche Kognition hat eine lange evolutionäre Vorgeschichte. Vorangegangene Arten haben Schritt für Schritt neues Können und Wissen evolviert und über den genetischen Code an darauf folgende Arten weitergegeben. Das menschliche Genom schließlich birgt einen reichen Schatz an ererbtem „Knowhow“. Die Säuglingsforschung konnte nachweisen, dass der Mensch mit einem erstaunlichen kognitivem Vorwissen zur Welt kommt (das ist übrigens die Bestätigung des kantischen transzendentalen Postulats des apriorischen Vorwissens). Es ist in genetisch vorverdrahteten neuronale Strukturen implementiert. Diese strukturieren die Sinneswahrnehmung und analysieren sie auf ihren biologischen Bedeutungsgehalt. Dazu hat R.Mausfeld die These aufgestellt: „Was wir als Kategorien der Außenwelt wahrnehmen, sind die uns biologisch vorgegebenen Kategorien des Wahrnehmungssystems“.

Die angeborene kognitive Grundausstattung reicht bei weitem noch nicht aus für eine selbständige Lebensbewältigung, das Gehirn muss sich weiterentwickeln, wachsen und lernen. Im rasanten nachgeburtlichen Größenwachstum des Gehirn spiegelt sich die Installation neuronaler Strukturen, welche die Interaktion mit der Welt ermöglichen und als neuronales Äquivalent des Selbst angesehen werden können. Der entscheidende Mechanismus ist dabei die synaptische Verknüpfung, weshalb Damasio und LeDoux vom „synaptischen Selbst“ sprechen.

Die präverbale Quelle unserer Begriffe

Einfache Verhaltensbeobachtungen zeigen, dass das Erkennen mit einem präverbalen Weltverständnis beginnt. Kleinkinder können ihre Welt explorieren und manipulieren, ohne dass zunächst Sprache eine wesentliche Roll spielt. Der Spracherwerb knüpft an das präverbale Weltverständnis an, es ist sein Vorläufer und seine notwendige Voraussetzung. Dabei kommt ein eminent wichtiger Umstand zum Tragen: Begriffe werden nicht mit singulären, isolierten Inhalten assoziert, sondern mit präverbal erfassten, komplexen, in ihrem Umfang nicht scharf definierten Szenerien. Der Begriff ist assoziert mit ausgedehnten Netzwerken, deren Aktivität keine bewusste Inhalt erzeugt, die aber das neuronale Prozessieren mitbestimmen. Sie repräsentieren den komplexen Bedeutungsgehalt.

Empirisch wird dies gestützt durch die Theorie der Semantischen Netze (R.Quillian) und insbesondere auch durch die Theorie der Grounded Cognition (L.W. Barsalou). Im Kern sagt letztere aus, dass das, was im Gehirn bewusst ist, nur die Spitze eines Eisbergs ist. Darunter lagert eine breite Basis von unbewussten, aber mitaktivierten, d.h. das kognitive Geschehen beeinflussende Inhalten. Diese Inhalte lassen sich nicht vollständig und exakt explizieren, sie verflüchtigen sich ins Unbewusste. Um mit Heidegger zu reden: die Sprache ist das Haus des Seins – es gewährt aber nur begrenzten Einblick in sein Inneres.

Was bedeutet das für die Logik? Um stringente Schlüsse ziehen zu können, müssen abstrakte Symbole verwendet werden. Deren „Bedeutung“ soll und kann nicht weiter definiert werden, dieses Problem elimiert die Logik. Im Alltag kommt es aber auf den Inhalt an, bei Entscheidungen müssen implizite Bedeutungen berücksichtigt werden. Für diese ist (macht sich) die formale Logik blind. Das Gehirn hingegen kann mit komplexen, variablen und impliziten Inhalten umgehen. Die Verbindung formaler Schlüsse mit dem Weltgeschehen, ihre Anwendung auf die reale Welt, ist also höchst problematisch.

* * *

Dr. Helmut Beck

Dr. Helmut Beck (Jg 1947), ursprünglich Studium von Physik und Philosophie, ist niedergelassener Facharzt für psychotherapeutische Medizin. Er lebt in Landshut/Bay. und Berlin. Interessenschwerpunkt: Neurobiologie, welche einen tieferen Einblick in Geist und Psyche verspricht.

Zurück