Affektschaum

Über das reine, ständige Geschmacksurteil

Regressiver Speichelfluss beim Anblick neuer Industrieprodukte
Speichelfluss beim Anblick neuer Industrieprodukte

Wenn Menschen andauernd etwas "echt schön!!", "supertoll!!!" oder "total hässlich!!" finden (bitte viele Emoticons hinzudenken), ist das solange ihre letztlich belangslose Privatsache, wie sie auf die mögliche Nachfrage nach den Gründen einer solchen Bemerkung keine weiterführende Antwort geben können: Willkommen im bunten, häufig aufgeregten und manchmal nervigen Zirkus der reinen Geschmacksurteile.

Philosophisch fallen solche Urteile in das Gebiet der Ästhetik. Selbstverständlich hat diese Disziplin eine lange und ehrwürdige Geschichte, die am Beginn der Moderne eine entscheidende Erneuerung durch Immanuel Kant in seiner Kritik der Urteilskraft erfuhr. Dort unterscheidet Kant Geschmacksurteile von sogenannten Erkenntnisurteilen dadurch, dass erstere nicht von Interessen geleitet seien, letztere dagegen immer. Dies führt ihn zu der bekannten Charakterisierung des Geschmacksurteils, wenn es denn positiv ausfällt, als "interesseloses Wohlgefallen" (Kritik der Urteilskraft [KdU], § 2). Dabei richten wir laut Kant unsere Vorstellung nicht “auf das Object zum Erkenntnisse“, sondern vielmehr “auf das Subject und das Gefühl der Lust oder Unlust desselben“ (KdU, § 1). Darum soll es hier im Weiteren gehen.

Was Kant nicht ahnen konnte

Wenn wir Alltagsmenschen uns einmal kritisch betrachten, endet die Relevanz von Kants Überlegungen zur Struktur und Qualität von Geschmacksurteilen - und das gilt unvermindert auch für die zahlreichen Theorien aller Philosophen, die ihm thematisch und methodisch darin nachfolgten - meist sehr abrupt, kaum dass wir etwas als "superschön", "wow!" oder "bäh!" bezeichnet haben. Häufen sich solche Äußerungen in einer Situation, bezeichne ich diese als 'Affektschaum'. Seine einzelnen Geschmacksurteile bleiben unbegründet, weil sie meist spontan und sehr schlicht aus den Tiefen unserer Emotionalität wie flüssiges Magma aus unseren Hirnspalten an die soziale Öffentlichkeit dringen. Daran wäre nichts auszusetzen, wenn viele Zeitgenossen an ihre derartigen Beiträgen zur Weltgeschichte nicht mit gleicher Kraft den Anspruch koppeln würden, ihr Empfinden sei "wahr" oder "wirklich", sprich: keineswegs nur ihr subjektives Empfinden, sondern eine Eigenschaft der beurteilten Dinge oder Verhältnisse. Dann wird's gefährlich. Mit dieser Anmaßung hat schon Kant, ihm sei dafür ganz herzlich gedankt, ein für allemal aufgeräumt. Einem "leckeren" Apfel haftet keineswegs seine Leckerheit an und ein "hässlicher" Mensch ist keineswegs 'wirklich' hässlich. Wir schreiben ihnen diese Qualitäten nur zu, d.h. man könnte sie auch ganz anders empfinden. Und solche Zuschreibungen haben Gründe.

Das Problem der schieren Ballung von Geschmacksurteilen ist aber noch ein weiteres: Das heute von umsatzgetriebener, entfesselter Werbung gegenüber Konsumenten im Überfluss produzierte ästhetische Empfinden des Zielpublikums und die Verbreitung dieser Empfindungen über unzählige Kommunikationskanäle führt zur Verstopfung dieser Kanäle auf eine besonders nervige Art. Es drängt sich hier der Verdacht auf, dass Menschen, an denen sich der Pawlow'sche Speichelfluss beim Anblick neuer, "geiler" Produkte beobachten lässt, zu keinem anderen Denken mehr imstande sind, solange sie in dieser Sphäre des reinen, unreflektierten Geschmacksurteils befangen sind. Denn das ist ja, wie Kant sehr richtig sah, die Sphäre der reinen Lust oder Unlust des Individuums, und die ist kommunikativ, nun ja, nicht besonders ergiebig. Sie erschöpft sich im Austausch gegenseitiger Lust- und Unlustempfindungen, und wenn man tolerant gesonnen ist, belässt man es auch dabei, dass die anderen ganz andere Empfindungen haben. Egal. Hauptsache, ich bin meine Geschmacksurteile hinaustrompetet, habe sie gepostet, habe ein paar Likes bekommen. In diesem Zustand regredieren wir zu manipulierbaren Emo-Automaten.

Die große Regression

Was geht dabei verloren? Die Frage ist so trivial, dass ich sie kaum zu stellen wage. Dennoch dürfte die Antwort darauf fast wirkungslos verhallen, weil die Kraft und Dringlichkeit des Empfinden doch häufig (angeblich) so unendlich groß ist. So sind die Menschen eben: Sie übersehen oder wollen nicht einsehen, dass Geschmacksurteile in vieler Hinsicht sehr bedingt sind, d.h. von Umständen abhängen, die ihnen selbst im Moment der Empfindung vollkommen unbewusst sind. Da sind erst einmal die biologischen Grundlagen, die uns bestimmte Empfindungen angenehmer und andere unangenehmer erscheinen lassen. Darüber türmt sich die riesige Schicht unserer biographischen Formung, aus der wir mit einem ganz eigenen, sprich: privaten Empfindungsprofil hervorgehen. Und dann kommt da noch die mächtige, gegenwärtige soziale und wirtschaftliche Umwelt, die uns permanent mit Geschmacksurteilen umspült, die häufig überhaupt nicht unseren eigenen Interessen dienen, sondern uns manipulativ aufgedrängt werden. Es ist fast unmöglich, sich ihrem Diktat zu entziehen, und in vieler Hinsicht wollen wir dies auch gar nicht, sondern sind über die Gefühlsvorgaben sogar noch froh. Wenn wir darin einfach mitschwimmen, belohnen sie uns zusätzlich mit einem Gefühl der sozialen Integration, des Dabeiseins, der Vitalität. Mit anderen Worten: Wir sind glücklich, wenn wir viel und intensiv empfinden dürfen, und dann fragen wir auch nicht lange, warum wir so oder anders empfinden.

Das Problem daran ist, dass Empfindungen in ihrer sozialen Wirkung alles andere als neutral sind. Sie sind der Rohstoff aller sozialen Strukturbildung, grenzen ein und grenzen aus, steuern unsere Empathie, unsere politische Einstellung, unsere Aggression gegenüber ästhetischen Abweichlern und unsere Lebenszufriedenheit insgesamt. Es bedarf keines weiteren Beweises, dass hinter vielen Problemen unserer heutigen Zeit enorme Emotionsströme stehen, die zu nicht geringen Teilen fremdgesteuert werden, ohne dass wir dies bemerken. Stichworte wie Konsumrausch und Populismus, Phänomene aller Art von politischem Extremismus bis hin zu extremster Rücksichtslosigkeit gegenüber der tierischen und pflanzlichen Umwelt entsprießen letztlich aus der ungebremsten, weil unreflektierten Hingabe an unsere Emotionen als deren weitgehend ungefilterte Entäußerung in den öffentlichen Raum.

Der 'Kampf aller gegen alle' als das Ende, nicht der Anfang unserer Sozialität

Sie haben es vermutlich schon bemerkt: Dies ist ein Appell. Richtig. Dass er sinnlos ist, brauchen Sie mir nicht zu sagen, ich weiß es. Ich will nur auf eines hinweisen: Die Bewältigung der enormen Aufgaben, die sich uns heute erdumspannend stellen, setzt nicht nur ein technisches Verständnis der Dinge voraus, auf der gesellschaftlichen Ebene auch nicht nur ein sozialtechnisches im Sinne von Popper, Hayek und der liberalen Schule. Wir müssen uns im Vergleich zu früheren Zeiten unserer eigenen, westlichen Kultur und auch der meisten mir bekannten anderen Kulturen etwas am Riemen reißen, sonst wird uns aller technischer und politischer Fortschritt, was auch immer damit überhaupt meint, nichts nützen. Wenn die Welt der Menschen am Ende in dem unendlichen Morast ihrer eigenen, ungebremsten, weil unrefektierten Empfindungen versinkt, wird sie daran ersticken. So wichtig können Lust und Unlust für jeden Einzelnen von uns am Ende nicht sein, dass wir damit das Ganze aufs Spiel setzen. Denn dieses Ganze wurde von einem frühneuzeitlichen Philosophen bereits sehr eindrucksvoll beschrieben, nämlich Thomas Hobbes. Der stellte irrtümlicherweis mit seiner Idee des angeblichen Urzustandes der Menschen an den Anfang menschlicher Sozialität und beschrieb ihn als 'Kampf aller gegen alle'. Aus heutiger Sicht steht dieser Zustang wahrscheinlich eher an ihrem Ende , wenn wir nichts dagegen unternehmen. Deshalb, lieber Leser, meine Bitte: Lass uns am besten gleich heute mit dem Aufräumen der reinen, dummen Geschmacksurteile beginnen. (ws)

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