Cary Wolfe: Jagged Ontologies

University of Minnesota Press 2026, 203 Seiten – ISBN: 978-1-5179-2106-4,

Cary Wolfe (*1959) ist emeritierter Professor für Anglistik an der Rice University, wo er Gründungsdirektor von „3CT: Critical and Cultural Theory“ sowie Fellow am Berggruen Institute war. Er ist Autor mehrerer Bücher, darunter „Art and Posthumanism: Essays, Encounters, Conversations“ und „What is Posthumanism?“, sowie Herausgeber von „Zoontologies: The Question of the Animal“. Wolfe ist philosophisch nicht leicht einzuordnen. In seinen bisherigen Büchern ist er vor allem als Posthumanist aufgetreten. Sein spezifisches Verständnis dieser Position erarbeitete er durch die Kombination von Systemtheorie (hier mit starken Bezügen zu Niklas Luhmann), Dekonstruktivismus (mit ebenfalls starken Bezügen zu Jacques Derrida und Michel Foucault), theoretischer Biologie und biopolitischer Philosophie (hier neuerlich auf Foucault und auch auf den italienischen Philosophen Roberto Esposito Bezug nehmend). Ihm geht es um die ethischen, sozialen und politischen Herausforderungen der Biosphäre durch die Menschheit, die ihre Rolle auf diesem Planeten neu bestimmen müsse. Indem Wolfe seinen Ansatz über normalweise kaum verbundene Disziplinen und Praxisbereiche hinweg spannt – von ökologischer Theorie und kontinentaler Philosophie bis hin zu Recht, öffentlicher Politik und zeitgenössischer Kunst –, legt er die Widersprüche offen, die selbst in den fortschrittlichsten heutigen Ansätzen zur möglichen Neubestimmung menschlicher Existenz auf der Erde bisher nicht beachtet wurden.

Wolfes Ansatz ist eine Herausforderung. Er ist keiner bestimmten philosophischen oder politischen Strömung oder Schule verpflichtet, steht aber dem Posthumanismus und der Kritischen Theorie nahe. Er ist er vor allem ganzheitlich orientiert. Sein Ansatz dürfte ihn dem Zorn aller Anti-„Wokeness“-Fundamentalisten in den USA aussetzen, die über seine häufige Bezugnahme auf europäische, speziell französische Philosophen sicherlich nicht erfreut sind. In den US-amerikanischen Kulturkampf mischt sich Wolfe dennoch nicht direkt ein, insofern er nicht in überhitzten Them z.B. des Geschlechterverhältnisses und der Diskriminierung nicht-weißer Personen einsteigt.

International ist Wolfe vor allem als Theoretiker des Posthumanismus bekannt. Darin grenzt er sich zunächst scharf vom Transhumanismus ab, wie er vor allem von dem schwedischen Philosophen Nick Bostrom popularisiert wurde. Der Transhumanismus favorisiert die Idee, dass der Mensch seine biologischen Grundlagen überwinden und sich z.B. als algorithmischer Komplex in beliebigen technischen und vor allem digitalen Formen letztlich über die Erde in das gesamte erreichbare Universum ausdehnen sollte. Davon hält Wolfe nichts. Vielmehr strebt er ein neues kollektives Selbstbild des Gattungswesens ‚Mensch‘ an, in dem die Grenze zwischen Mensch und Tier nur eine und gleichrangige unter vielen weiteren Grenzen der irdischen Biosphäre ist. Er betont, dass der einzelne Organismus und seine Umwelt immer als strukturell gekoppelte Ganzheit zu sehen sind, dass Kultur sowohl biologisch als auch technisch und symbolisch vermittelt ist und – damit insbesondere auf die Luhmann’sche Systemtheorie rekurrierend – alle Systeme ihre eigenen Grenzen hervorbringen und als Beobachter der Welt immer operativer Teil des von ihnen beobachteten Systeme bleiben. Damit will er allerdings nicht sagen, dass Menschen und Tiere „dasselbe“ seien oder dass alle Unterschiede verschwinden. Im Gegenteil: Wolfe interessiert sich gerade für die vielen Differenzen, die erst zum Vorschein kommen, wenn man die vermeintlich absolute Sonderstellung des Menschen aufgibt.

Dies vorausgeschickt lässt sich nun auch sein neuestes Buch Jagged Ontologies (zu deutsch etwa: „Zerklüftete Ontologien“) verstehen.

Das Buch ist in sieben Kapitel eingeteilt. In der Einleitung erklärt Wolfe zunächst, was er mit jagged (dt.: ‚zerklüftet‘) meint. Generell ist ‚die Welt‘ insgesamt überhaupt nicht und schon gar nicht aus einer Perspektive beschreibbar. Sie ist letztlich überkomplex und obendrein fundamental widersprüchlicher, als wir dies im Alltag wahrhaben wollen.

Das 1. Kapitel ist eine Einführung in Wolfes Ontologie der Biosphäre. Er zeigt hier mit Verweis auf viele weitere moderne Autoren von Gregory Bateson über Umberto Maturana, James Lovelock, Lynn Margulis bis Stuart Kauffman, dass die biologische Evolution sich in einem fundamental offenen Möglichkeitsraum künftiger Entwicklungen abspielt. Lebewesen unterscheiden sich von präbiotischen Strukturen unter anderem dadurch, dass sie in hohem Maße selbstreferenziell und rekursiv operieren, häufig den Phasenraum ihrer Existenzbedingungen wechseln, im Zuge ihrer eigenen Entwicklung auch ihre jeweilige Umwelt entsprechend ihren Bedürfnissen gestalten und sich zielgerichtet verhalten. In diesem Sinne, so Wolfe, gibt es nicht ‚die eine‘ Natur, sondern viele einander durchdringende Naturen mit sehr unterschiedlichen Operationsmustern.

Im 2. Kapitel beschäftigt sich Wolfe im Kern mit dem noch jungen Begriff ‚Sympoiesis‘, der an den älteren, systemtheoretischen Begriff der Autopoiesis anschließt. Letzterer meint die Selbstfortschreibung eines Systeme, z.B. in der biologischen Reproduktionsfähigkeit einer Spezies. Der Neologismus ‚Sympoiesis‘ wurde im Jahr 1998 von der kanadischen Ökologin M. Beth Dempster in ihrer Masterarbeit geprägt, aber erst von der US-amerikanischen Historikerin Donna Haraway im Jahr 2016 popularisiert. Wolfe kritisiert den Begriff als ideologisch motiviert, die das Zusammenwirken unterschiedlichster natürlicher Systeme romantisch zu einer großen Kooperation verklärt. Tatsächlich ist die Natur aber nicht nur von symbiotischen, sondern auch von ebenso starken aggressiven Verhaltensmustern geprägt. Es führe deshalb in die Irre, wenn man dies leugne. Deshalb sei es falsch, den Begriff der Autopoiesis durch jenen der Sympoiesis zu ersetzen, weil dies suggeriere, dass es ‚eigentlich‘ gar keine Abgrenzungen in der Biosphäre gebe. Das Gegenteil sei der Fall: Erst die systemischen Grenzen erzeugen überhaupt erst die Vielzahl der Spezies und damit auch ihre vollkommen verschiedenen Überlebens- und Entwicklungsstrategien. Die Popularität des Begriffs ‚Sympoiesis‘ sei eher den politischen Spannungen unserer Zeit geschuldet, die in solchen Ideen Linderung eines existenziellen Sinnmangels suche.

Im 3. Kapitel setzt Wolfe seine Kritik an der Anthropomorphisierung der Natur fort. Dies betrifft insbesondere die Vorstellung, dass die Natur inhärent ethisch handele. Dafür gebe es keinerlei empirische Evidenz, schon allein deshalb, weil Tiere und Pflanzen nicht in dem Sinne handeln, wie Menschen dies tun. In diesem Kapitel bezieht Wolfe auch Gedichte in seine Reflexion des Begriffs ‚Natur‘ ein, z.B. solche der US-amerikanischen Dichter A.R. Ammons und John Ashbery (und weitere). Aber auch Heidegger und Deleuze kommen zu Wort. Hier und in den folgenden Kapiteln wird deutlich, dass Wolfes integraler Ansatz ausdrücklich auch die künstlerische Schöpfung und ihre Reflexion ‚der Natur‘ einbezieht.

Das 4. Kapitel zeigt die ‚Zerklüftung‘ der biologischen Strukturen auf der Welt am Beispiel des Nationalparks Big Bend (‚großer Bogen‘), der im US-Bundesstaat Texas direkt an der Grenze zu Mexiko liegt. Dort erstreckt sich auf einem relativ kleinen Gebiet ein biologisch von seiner kargen Umgebung schroff abgegrenztes Gebiet mit einer reichhaltigen Fauna und Flora. Wolfe schlägt in diesem Kapitel neuerlich einen großen intellektuellen Bogen, in dem er dieses und ähnliche Phänomene mit der Philosophie von Jacques Derrida, dem biopolitischen Ansatz von Roberto Esposito und weiteren Autoren der zeitgenössischen politischen Philosophie zusammenbringt. ‚Demokratie‘ ist diesem Ansatz zufolge nicht ein großes Einvernehmen, sondern die gegenseitige Durchdringung vollkommen unterschiedlicher Lebenswelten. Darin ähnelt das politische Programm der Demokratie der allgemeinen ökologischen Komplexität.

Das 5. Kapitel widmet sich dem deutschen Fluxus-Künstler Joseph Beuys (1921-1986), der in seiner teilweisen mystischen Kunst auch einen biopolitischen Anspruch erhob. Wolfe verteidigt Beuys gegen den Vorwurf des Obskurantismus und analysiert sehr einfühlsam einige von dessen bekanntesten und teilweise spektakulären Aktionen.

Im 6. Kapitel verbindet Wolfe die Idee des Posthumanismus mit der autopoietischen Dynamik und den biopolitischen Vorlesungen von Michel Foucault am Collège de France der 1970er-Jahre. Hier erweist sich Wolfe neuerlich als ein sehr guter Kenner der zeitgenössischen kontinentaleuropäischen Philosophie. Er verteidigt Foucault aus systemtheoretischer Perspektive, neuerlich mit Bezügen auf Niklas Luhmann und anderen US-amerikanischen (z.B. Wendy Brown) und europäischen Philosophen der Kritischen Theorie. Wolfe erklärt hier auch nochmals sein spezielles Verständnis von Autopoiesis und Posthumanismus: Für ihn steht die Anerkennung der Überkomplexität alles Biologischen und damit auch alles Mensch-Sozialen einschließlich des Politischen im Mittelpunkt eines neuen Weltverhältnisses.

Im 7. und letzten Kapitel arbeitet Wolfe schließlich heraus, dass die unterschiedlichen Ansprüche und politischen Ideen, die sich locker mit dem Begriff einer ‚Umweltbewegung‘ verbinden, tatsächlich nicht nur fundamental verschieden sind, sondern sich sogar widersprechen. Im Anschluss an seine Auffassung von einer überkomplexen Natur steht er jedem simplen Konzept des Umweltschutzes kritisch gegenüber, weil dahinter immer die Anmaßung des Menschen lauert, alles besser zu wissen und die evolutionäre Dynamik zu stören. ‚Natur‘ ist für Wolfe eben nicht ‚Umwelt‘, denn es gibt so viele ‚Naturen‘, wie es Umwelten gibt.

In einer Gesamtschau des Buches wird es vielen Lesern nicht einfach fallen, den sehr weit gespannten Bogen über metaphysische, systemtheoretische, biologische, postmoderne, künstlerische und auch politische Perspektiven zusammenzubringen. Aber genau das ist offenbar das Anliegen von Cary Wolfe, nämlich die Überfülle und Ganzheit unserer Existenz auf der Erde durch einen Blick auf die ganz verschiedenen Welten zur Geltung zu bringen, von denen die Menschheit nur ein kleiner Teil ist. (ws)

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