Werner Plumpe: Das kalte Herz. Kapitalismus: Die Geschichte einer andauernden Revolution

Werner Plumpe: Das kalte Herz. Kapitalismus: Die Geschichte einer andauernden Revolution (Berlin 2021)

Die Geschiche des Kapitalismus ist schon oft erzählt worden, allerdings selten mir einer solchen Einfühlung in die langfristige, tatsächliche gesellschaftliche Dynamik, die seinen Aufstieg begünstigte. Werner Plumpe hat diebezüglich nicht nur eine nüchterne Darstellung der europäischen wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung vom 17. bis zum 21. Jahrhundert vorgelegt, sondern damit auch aufklärerische Arbeit im Sinne einer Reinigung der historischen Ereignisse von ideologischen Vorurteilen, die diesen hochgradig aufgeladenen Begriff nicht erst seit den Schriften von Karl Marx und Friedrich Engels und ihren ebenso erbitterten Gegnern umwittern.

Werner Plumpe (*1954) ist ein deutscher Wirtschafts- und Sozialhistoriker. In diesem Buch, das mit ernormer Detailkenntnis der jeweiligen Epochen in allen europäischen Ländern geschrieben wurde, beschreibt er, wie es sein konnte, dass ein Kontinent, der sich nach dem langen Mittelalter und den Konvulsionen der Reformation, die am Ende des Dreißjährigen Krieges viele Länder in unfassbarer Verwüstung hinterließen, so erholen konnte, dass er im 19. Jahrhundert zur technologisch, militärisch und wirtschaftlich führenden Weltmacht aufsteigen konnte. Die hatte schließlich, wenn überhaupt, nur einen Konkurrenten, nämlich die noch jungen USA.

Ich will den Gang der Erzählung von Plumpe hier nicht wiederholen; das würde zu weit führen. Das Buch hat schon ohne Endnoten und Bibliographie 640 Seiten. Für Interessenten dürfte vielmehr interessant sein, wie der Autor seine Darstellung aufzieht und was sich daraus für ein Bild ergibt. Historiker sind methodisch hoch professionelle Erbsenzähler. Sie lesen unendlich viele, im Einzelnen womöglich unbedeutende Dokumente. Fügt man sie aber zusammen, dann entsteht ein Bild. Dieses Bild ist freilich niemals ein gänzlich objektives. Die jeweilige Autor:in muss schon von Anfang die Bedeutung im Sinn haben, die das entstehende Bild am Ende ausstrahlen soll. Die meisten Darstellungen zu so 'heißen' Begriffen wie dem des Kapitalismus zeigen ein ideologisch vorgeprägtes Bild, das darauf hinausläuft, über viele kleine Bewertungen schließlich zu einer großen Gesamtbewertung zu kommen: Der Kapitalismus sei insgesamt eher zu verdammen oder zu preisen. Seine Apologeten bejubeln ihn als Befreiung hochmotivierter Unternehmer:innen, die der Menschheit endlich das Glück von Wohlstand, langem Leben und einer Wissensexplosion mit entsprechenden technischen Wohltaten gebracht zu haben. Seine Kritiker sehen vor allem Massenverelendung, auf Seiten der wirtschaftlich Herrschenden unendliche Grausamkeiten im Umgang mit ganzen Zivilisationen und den rücksichtslosen Fanatismus Einzelner, selbst um den Preis eines Untergangs eines großen Teils des Lebens auf der Erde.

Plumpes Bild von der Entwicklung des Kapitalismus erst in Europa, ab dem 19. Jahrhundert auch zunehmend in den USA, ist zumindest aus dieser Perspektive ein Nicht-Bild: Er nimmt keine ideologische Position ein. Dennoch ist sein Buch außerordentlich bedeutungsstark. Seine Haltung könnte man so zusammenfassen: Der Kapitalismus ist keine Ideologie, nicht einmal ein bestimmtes Welt- oder Menschenbild. Er ist das Ergebnis einer Dynamik, die sich Bahn bricht, wenn eine starre, zuvor von den jeweils herrschenden Schichten eingerichtete und überwachte soziale Ordnung, aus welchen Gründen auch immer, unaufhaltsam weicher wird, immer mehr individuelle Freiheiten zulässt. In solchen gesellschaftlichen Entwicklungen wird der Staat objektiv schwächer, zieht sich mit allerhand Rechtfertigungen aus der Gestaltung sozialer Ordnung zurück, meist im Namen der Freiheit des Individuums. Dies brachte jedoch ausnahmslos alle Staaten, die sich auf diese Weise entwickelten, gleichzeitig in fortwährende Bedrängnis. Der Kapitalismus ist eine sehr anstrengende Form gesellschaftlichen Lebens. Das betonte in der Mitte des vorangehenden Jahrhunderts schon der österreichische Ökonom Josef Schumpeter. Er zog daraus die sich inzwischen bewahrheitende Schlussfolgerung, dass die unter kapitalistischen Vorzeichen lebenden Menschen mit zunehmendem Wohlstand eine unwiderstehliche Abnahme ihrer Leistungsbereitschaft und insbesondere ihrer Leidensbereitschaft erfahren, so dass die Dynamik des Kapitalismus sich schließlich erschöpft. Das führt zu etwas, das Schumpeter 'Sozialismus' nannte - freilich nicht jenes von Marx und seinen Nachfolgern imaginierte Paradies, sondern eine Art kollektiver Erschöpfungszustand, weil der Vergleich von Leistung und Leiden mit dem Gewinn an Lebensqualität daraus immer negativer ausfällt.

Von diesem Niedergang ist bei Plumpe allerdings keine Rede. Er erzählt die anstrengede Geschichte von Millionen Menschen, die, zunehmend von ständischen, später generellen staatlichen Einschränkungen befreit, bis heute ihren hauptsächlich materiellen Vorteil suchen. Alles, was Marx und Engels über dieselbe Geschichte erzählten, erweist sich in seiner empirisch unterlegten Darstellung als ideologische Propaganda, genauso wie die mantraartigen Beschwörungen ihrer Gegner - ganz zu schweigen von heutigen Tech-Milliardären -, dass der so genannte Fortschritt der Menschheit all die Opfer allemal wert sei. Vielmehr scheint es so zu sein, dass niemand wirklich Herr dieser Geschichte war und ist. Eher schon war es so, dass die Büchse der Pandora, einmal geöffnet, weil das alte Europa an seiner eigenen ideologischen Erschöpfung zugrunde ging, nicht mehr zu schließen war: Alle, die Geld hatten, wollte ihren Reichtum vermehren, und alle, die nur ihre Arbeitskraft hatten, wollten ebenfalls, dass es ihnen besser geht. Also bauten Erstere Fabriken und Letztere flüchteten aus dem elenden Leben auf dem Lande in immer größere Industriezentren, die nicht nur materiell mehr Wohlstand, sondern auch ein aufregenderes Leben versprachen. Dem Boom folgte regelmäßig der Bust, d.h. schwere gesellschaftliche Krisen. Über die Zeit nahm in einer Art neo-merkantilistischer Entwicklung auch die Staatenkonkurrenz zu, die sich schließlich in zwei Weltkriegen entlud. In Anbetracht der inzwischen weltweit dominierenden kapitalistischen Wirtschaftsformen kann man nur bangen, dass kein dritter folgt. Aber auch davon handelt Plumpes Werk nicht. Plumpe erzählt die Entfaltung einer Dynamik, die menschheitsgeschichtlich beispiellos ist. Wir folgen in seinem Buch einem grandiosen Theaterstück, in dem all die ideologischen Teufel und Götter weltanschaulicher Fanatiker am Ende gar nicht die große Rolle spielen, die sie sich selbst einbilden. Geschichte ist ein dickes Seil, das aus sehr vielen dünnen Fäden geflochten ist. Manche von ihnen mögen etwas dicker sein als andere. Aber das Seil selbst hat, so zumindest Plumpe, offenbar niemand in der Hand.

Wer dieses Buch liest, wird regelmäßige "Aha"-Erlebnisse haben: Die Fabrikunternehmer des 19. Jahrhunderts merkten bald, dass eine exponentiell wachsende Produktion auch entsprechend viele und zahlungskräftige Konsumenten voraussetzt. Also muss man auch diese 'produzieren'. Der Kapitalismus war, so gesehen, von Anfang an eine Verschwörung von Produzenten und Konsumenten, sich zu bereichern. In solchen Systemen gibt es keine Grenze zwischen den Guten und den Bösen, weil die kapitalistische Dynamik solche moralischen Kategorien schlicht ignoriert. Und: Alle soziale Wohlfahrt ist letztlich nicht allein - wenn überhaupt - die Folge größerer Mitmenschlichkeit, sondern ein unbedingtes Erfordernis, um das entfesselte System trotz ständiger Krisen in Gang zu halten. Und: Alle Beteiligten, auch die politisch Mächtigen, rechtfertigen sich ständig damit, doch eigentlich nur das Beste für die Menschheit zu wollen. In Wirklichkeit kämpfen alle von ihnen um ein besseren Leben, und viele gehen dabei unter, nur Wenige gewinnen langfristig und sehr überdurchschnittlich. Schumpeter hatte Recht: Das System ist grausam. Aber was soll man machen, wenn die große Mehrheit es letztlich will?

Ich habe aus Plumpes Buch die Lehre gezogen, dass es sehr schwierig ist, die einmal im Kapitalismus freigesetzten individuellen Kräfte als entfesselte kollektive Dynamik wieder einzufangen, indem man mit großer Gewalt wieder neue Regeln und Beschränkungen einführt. Das probiert gerade Xi Jinping in China. Good luck with that. Wenn ich eines aus diesem Buch gelernt habe, dann dies: Die Gier der Einen nach immer mehr Macht und Geld lebt von der Gier der Anderen nach immer grenzenloserem Konsum. Wie kann man dieses Problem lösen? Darauf hat bisher niemand eine Antwort, auch Werner Plumpe nicht. Hoffen wir mal, dass es überhaupt eine gibt.

Wolfgang Sohst (Berlin)

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