Die Eigensinnigkeit der Zukunft (Leon Tsvasman)

Datum: 13.07.2026 (20:00:00–22:00:00)

Ort: Kino Babylon. Rosa-Luxemburg-Straße 30, 10178 Berlin, und online via Zoom. Für Nicht-Mitglieder von MoMo kann der Link per Email von uns angefragt werden.

 

Ein Meer von Hochhäusern, überlagert von einer CPU und einem zentralen Gehirn

Was ist wirklich?

Leon Tsvasman fragt in seinem Vortrag nicht zuerst nach künstlicher Intelligenz, Technik oder Zukunft als Prognose. Er setzt früher an: bei der philosophischen Frage, ob Wirklichkeit selbst noch genügt, wenn sie immer stärker durch symbolische, technische und institutionelle Vorentscheidungen erscheint. Die Gegenwart ist nicht mehr einfach das, was da ist. Sie wird erzeugt, gerahmt, simuliert, beschleunigt und plausibilisiert. Unter solchen Bedingungen verliert die klassische Frage nach dem richtigen Weltbild an Vorrang. Entscheidend wird die Fähigkeit zur Orientierung: die Fähigkeit, in einer überdeterminierten Wirklichkeit Kriterien zu bilden, Verantwortung zu tragen und nicht im bereits Gegebenen aufzugehen. Ausgehend von Tsvasmans Begriffen

  • Sapiognosis: Orientierung unter Komplexität; die Fähigkeit, Sinn und Kriterium zu bilden,
  • Sapiopoiesis: Kultur des subjekt-autonomen Werdens; Sinn entsteht nicht als Meinung, sondern als gelebte Potenzialentfaltung),
  • Sapiokratie (Zivilisationsdesign als Ermöglichungsordnung für Orientierung, Urteil, Verantwortung und Subjektautonomie,
  • Infosomatik: Die Verschränkung von Information, Körper, Aufmerksamkeit, Affekt und Weltbezug als Bedingung lebendiger Orientierung und
  • Post-Aktualität: Die Einsicht, dass Gegenwart nicht mehr hinreichend aus der Vergangenheit gesteuert werden kann, weil Zukunft als Potenzialitätsdruck bereits mitwirkt

entfaltet der Vortrag eine Philosophie des Subjekts nach der bloßen Aktualität: Zukunft ist nicht das Kommende, sondern die noch nicht verarbeitete Potenzialität, an der sich zeigt, ob eine Zivilisation noch fähig ist, Menschen als autonome Träger von Urteil, Sinn und Werden hervorzubringen.

Dr. Leon Tsvasman spricht live im Babylon zu uns.

Über den Vortragenden:

Portrait Leon Tsvasman

Dr. phil. Leon Tsvasman ist Kommunikations- und Medienwissenschaftler, Autor, Hochschuldozent und interdisziplinärer Denker. Seine Arbeit verbindet Medien- und Kommunikationstheorie, Kybernetik, Konstruktivismus, künstliche Intelligenz, Bildung, Ästhetik und zivilisatorisches Design. Im Zentrum stehen Fragen der Orientierung, Subjektautonomie, epistemischen Integrität und menschlichen Zukunftsfähigkeit unter Bedingungen wachsender technischer und symbolischer Vermittlung. Seine aktuellen Begriffe Sapiognosis, Sapiopoiesis und Sapiokratie bündeln eine langjährige Forschungslinie, die nicht bei AI-Governance oder Technikkritik stehenbleibt, sondern nach der Ordnung fragt, in der Menschen unter komplexen Systembedingungen überhaupt noch urteilen, handeln und werden können.

Ausgewählte Veröffentlichungen:

  • Tsvasman, Leon (mit Thomas Druyen und Caroline Heil): Zukunftspädagogik. Bildung und Lernen neu denken. Springer, 2026.
  • Tsvasman, Leon: Designing Orientation. The Epistemic Core, 2026.
  • Tsvasman, Leon. The Sapiocratic Charter of Human Integrity. The Epistemic Core, 2026.
  • Tsvasman, Leon. From Viable Systems to Admissible Subjects. The Epistemic Core, 2026.
  • Tsvasman, Leon. The Age of Sapiocracy. 2023.
  • Tsvasman, Leon. Infosomatische Wende. Impulse für intelligentes Zivilisationsdesign. Ergon Verlag, 2021.
  • Tsvasman, Leon / Schild, Frank. AI-Thinking. Dialog eines Vordenkers und eines Praktikers. Ergon Verlag, 2019.
  • Tsvasman, Leon (Hg.). Orientierungsräume. Aufmerksamkeit als künstlerisches Potenzial. 2010.
  • Tsvasman, Leon. Orientierung. In: Das große Lexikon Medien und Kommunikation. Ergon Verlag, 2006.

* * *

Hier können Sie die Aufzeichnung des Vortrages sehen:

Zurück