Der böse Jesus

Geheiligt sei der verfluchte Konsum
Geheiligt sei der verfluchte Konsum

Der Kapitalismus hat in den Landen, wo er erfunden und bis heute gepflegt wird, keinen guten Ruf mehr. Er wird für einen beträchtlichen Teil all dessen verantwortlich gemacht, was inzwischen auf der ganzen Welt schiefläuft: Krasse Ungerechtigkeiten, ungezügelte Umeltzerstörung, konsumistische Massenverdummung. Wer aber ist dafür verantwortlich? Natürlich die Unternehmer. Das sind diejenigen, die Karl Marx als Kapitalisten bezeichnete. Schwere Schuld laden sie tagtäglich auf sich, weil sie ständig und mit großem Eifer am Untergang unserer lieben Welt arbeiten. Sehr böse sind sie.

Ausgespart wird dabei allerdings die Frage, welche Rolle genau diese Schuldzuweisungen bei der Fortschreibung der zugegeben schlechten Zustände spielen.

Das 1. Gebot: Du sollst nicht mehr Wohlstand haben als ich

Der Aufstieg des Kapitalismus, ausgehend von der industriellen Revolution in England, war von vornherein nicht nur ein ökonomischer Erfolg sondergleichen, insbesondere auch für die politische Position der beteiligten Staaten im internationalen Machtgefüge. Durch die Kombination kapitalistischer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung in Verbindung mit einem kapitalistisch, d.h. an privatwirtschaftlischer Gewinnmaximierung orientierten Kolonialismus (gleich zu Beginn durch Gründung der britischen East India Company als einer der ersten Aktiengesellschaften der Welt) schaffte England im 19. Jahrhundert den Aufstieg zur führenden Weltmacht. Es ist bis heute, trotz seines wie Schnee im Frühling abschmelzenden politischen Einflusses, immer noch Sitz eines der mächtigsten Finanzplätze der Welt. Gleichzeitig war die enorme Verarmung großer Teile der britischen Bevölkerung natürlich überall sichtbar und führte schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu erheblichem Unwohlsein auch in den höheren Kreise der britischen Gesellschaft. An diesen Zündstoff legte Karl Marx sehr erfolgreich die Lunte, indem er nicht nur die bitteren Verhältnisse der Opfer der Industrialisierung thematisierte und systematisch in einen politisch-historisch-ökonomischen Kontext stellte. Er löste auch den vermutlich größten politischen call to action aller Zeiten aus, den sich je ein Philosoph auf seine Fahnen schreiben konnte. Auf dem Höhepunkt der Wirkung seiner Schriften beriefen sich sogar ein Lenin, ein Stalin und ein Mao auf ihn.

Dem Narrativ, das diese Sicht der Dinge in Szene setzt, liegt allerdings eine bestimmte Deutung der Verhältnisse zugrunde, die nachgerade fragwürdig ist und auch nicht unbemerkt blieb. Dies ist die Einteilung der im Kapitalismus beteiligten Akteure in good guys und bad guys. Erstere sind die Angehörigen des damals so genannten Proletariats, das ausgebeutet wird und die gesamte Last des ökonomischen Fortschritts trägt. Letztere sind die Kapitalisten, die als Ausbeuter der arbeitenden Bevölkerung diese rücksichtslosen Verhältnisse nicht nur immer weiter perfektionieren, sondern sich dabei auf unglaubliche Weise bereichern und als materielle Nutznießer in schier unglaublichem Wohlstand und Luxus leben. Eine solche simple Gut-böse-Verteilung der moralischen Zuständigkeitsverteilung wurde nach dem 2. Weltkrieg Stück für Stück durch plausiblere Analysen und Modelle ersetzt, die man insgesamt als 'systemische' Ansätze bezeichnen konnte. Man musste zugeben, dass nicht nur Kapitalisten böse und Arbeiter gut sind, sondern dass sie alle zusammen im historischen Entwicklungsfluss Zustände hervorbringen und weitertreiben, für die man keine einzelne Gruppe innerhalb des Ganzen herausfiltern kann - abgesehen davon, dass eine Gesellschaft nicht nur aus zwei Gruppen, nämlich Tätern und Opfern, besteht.

Das 2. Gebot: Finde die Schuldigen an deinem Elend

Eine solche systemische Perspektiv hat allerdings einen großen Nachteil: Man kann in der politischen Auseinandersetzung niemandem mehr die Schuld geben, weil letztlich alle zugleich Täter und Opfer sind. Alle zugleich Täter und Opfer? Hallo, so werden Sie vielleicht fragen, wo ist denn der erfolgreiche Unternehmer, der im Luxus badet, Opfer? Und wo ist die Näherin in Bangladesh Täterin? - Ich würde sagen: Die Ausgebeuteten der ärmsten Länder dieser Welt sind in der Tat nicht verantwortlich zu machen für die Missstände dieser Welt. Wohl aber eine andere Gruppe, die in nächster Nähe zu den kapitalistischen Tätern lebt, nämlich die sehr große Anzahl nicht kapitalbesitzender Konsumenten in den reichen Ländern der Erde. Wir alle also, die in Europa, den USA, Kanada, Australien, Neuseeland und inzwischen auch in weiten Teilen Chinas leben. Für diese Mitläufer des großen kapitalistischen Spiels ist die Sache sehr bequem: 'Die Eliten' sind schuld an allem Schlechten in der Welt. Innerhalb dieser Eliten gibt es wiederum - immer in der simplen Logik eines Narrativs, das dringend Schuldige braucht und sie deshalb auch überall findet - a) Politiker und b) Unternehmer, die sozusagen die Hauptmasse der Verantwortung für alles Schlechte des Weltenlaufs tragen. Die politische Klasse wird allerdings als korrupte Hure der Kapitalisten verschrien, so dass am Ende wieder der altbekannte marxistische Kapitalist als Hauptverantwortlicher übrigbleibt, jetzt im Gewande eines Vorstandsmitglieds internationale Konzerne, umgeben von moralisch auf die Stufe von Tieren herabgesunkenen Anwälten, Steuerberatern und Unternehmensberatern, die aus reiner, niederer Gewinnsucht alle normativen Winkelzüge nutzen, um zur umfassenden Gemeinschädlichkeit ausschließlich zum Wohl ihrer ganz wenigen Auftraggeber beizutragen.

Eine 'nette' Geschichte. Pech nur, dass sie einen schweren Webfehler hat. Sie dient vor allem der Rechtfertigung all jener, die ebenfalls in den Ländern leben, die mit aller Kraft die Ausbeutung der übrigen Regionen der Welt betreiben, dort aber nicht zu den Eliten gehören, sondern selbst biedere Angestellte und Helfershelfer jener Wenigen sind, die sie für den Niedergang der Welt verantwortlich machen. Innerhalb der westlichen Welt ist der Unternehmer und der Politiker - beide vor allem männlich imaginiert - die perfekte Vorlage für einen Sündenbock. Sündenböcke erfüllen eine wichtige psychosoziale Funktion. Sie reinigen das Kollektiv von ihrem eigenen moralischen Schmutz, indem man einfach einige ihrer Mitglieder zu den alleinigen Schuldigen für diese Zustände erklärt und entsprechend bestraft. Sündenböcke werden gebraucht, damit ein Kollektiv sich weiterhin als moralisch gut empfinden kann, ohne an den real schlechten Zuständen etwas ändern zu müssen. Wird also in regelmäßigen Abständen ein kapitalistischer Sündenbock ins Gefängnis geworfen und im moralischen Urteil der Öffentlichkeit total vernichtet, weil er wieder einmal enorme Summen an Steuern hinterzogen, einen betrügerischen Bankrott hingelegt oder die Umwelt auf skandalöse Weise geschädigt hat, so kann sich das öffentliche Bewusstsein damit beruhigen, dass wieder einmal der gesellschaftliche Garten gejätet und einiges sehr böses Unkraut ausgerissen wurde - auf das alles so weitergeht wie bisher und der Konsument so viel und so billig kaufen kann, wie nur irgend möglich.

Schlagt sie ans Kreuz

Der Konsument des Bösen, d.h. der Nutznießer all jener Zustände, die er angeblich verurteilt und in Wirklichkeit tagtäglich genießt, rechtfertig sich, auf die Inkonsistenz seiner Gesinnung angesprochen, mit zwei Argumenten: 1) Ich bin doch nur eine/r von ganz Vielen, ich bin ganz schwach, ich kann für gar nichts, und 2) 'diese Konsumenten' insgesamt werden doch systematisch von denen da oben dumm gehalten und hinters Licht geführt. Kein Wunder, dass sie sich so verantwortungslos verhalten und immer nur kaufen und wegschmeißen. - Tolle Ausrede, funktioniert aber nicht. Denn wir sind ja alle auch überzeugte Demokraten, und die basale Idee der Demokratie ist, dass man sich mit seiner Verantwortung für die gesellschaftlichen Zustände nicht auf andere Leute herausreden kann, sondern selbst dafür verantwortlich ist, aktiv an ihrer Besserung zu arbeiten.

Welche Rolle spielt der modern Unternehmer nun in diesem Spiel? Ich rede hier nicht nur von den weltbekannten CEO's, den Elon Musk und Jeff Bezos, die ja geradezu Paradestücke der modernen Teufelsbrut sind, sondern vom alltäglichen Mittel- und Kleinunternehmer, der seine Mitarbeiter genauso schinden und ausbeuten muss wie 'die Großen da', häufig sogar noch brutaler, weil die kleinen Kapitalisten ja selbst Opfer der großen sind. Und in kleineren Unternehmen bekommen die Mitarbeiter auch noch viel direkter und stärker die häufig unterträglichen Charaktere ihrer Chefs mit, die nicht selten wider besseres Wissen und mit der Einfühlsamkeit einer Kartoffel in ihren Betrieben schalten und walten. Das lässt einen Verdacht hochkommen, der dem konsumierenden westlichen Publikum unbequem sein sollte: Das zwar nicht materielle, aber moralische Opfer unserer kapitalistischen Gesellschaft ist keineswegs die 'kleine Frau' bzw. 'der kleine Mann' unserer Wohlstandsgesellschaft. Zum Spiel unserer Verlogenheit gehört neben der Ingnoranz der Verhältnisse in den armen Ursprungsländern unserer Verschwendung die rigorose Verachtung derer in unserer Mitte, die tatsächlich häufig sehr schlechte Charaktere haben und außerdem noch unsere Chefs sind. Schlimm. Aber haben wir 'Anderen' einen besseren Charakter? Wohl kaum.

Innerhalb der westlichen Gesellschaften ist der moderne Unternehmer der neue Jesus. Er muss für alle unsere Sünden büßen, wird ans Kreuz der pharisäischen Konsumenten geschlagen, wird verachtet und trägt infolge seines häufig wirklich miesen Charakters alle Schuld an den üblen Zuständen unserer Welt. Das sieht man ja daran, dass er nicht nur sehr teure Autos fährt, sondern vor allem, wie er sich hier, in unserem Betrieb, aufführt: Bestenfalls mit verlogener, süßlicher Stimme irgendwelche Jahresziele verkündend und kleine Geschenke verteilend, meistens aber seine Untergebenen abkanzelt, sie gerne auch kündigt, wenn sie nicht können oder wollen, wie sie sollen. Und immer wieder neue Sklaven ins Boot locken, die mit ihren Ruderschlägen die Bilanz aufbessern helfen sollen.

Wir schlagen sie ans Kreuz, damit sie unsere Schuld tilgen. Wir zeigen zu Recht auf ihre Fehler, aber nur, um das Spiel zu unseren Gunsten weiterzutreiben. Neben der schreienden Ungerechtigkeit, die wir dabei ganz nebenbei all jenen Menschen in den armen Ländern dieser Erde antun, die dieses Spiel des reichen Westens mit nahezu unbezahlter, lebenslanger Arbeit von kleinauf bis zum Tode ausbaden müssen, kultivieren wir also auch eine zweite, zugegeben kleinere, aber dennoch nicht unbeachtliche Ungerechtigkeit: Wir verschreien in höchst vorwurfsvollen Tönen die moralische Verdorbenheit jener Menschen, die sich als Führungsbüttel zum Vollzug jenes Unrechts machen, das am Ende alle mit wohligem Schmatzen genießen. Diese Art von Verlogenheit war früher, zu Marx' Zeiten und noch lange Zeit danach, das besondere Kennzeichen der Linken. Auch diese Ausrede zählt aber nicht mehr. Das Eliten-Bashing ist heute allgemeiner Konsens in allen Teilen der Gesellschaft, wenn auch besonders stark in den Extrema des politischen Spektrums ausgeprägt, inzwischen sogar mehr bei der neuen extremen Rechten.

Die unbequemste aller Wahrheiten

Fasst euch an die eigene Nase, Leute. Wenn wirklich weniger konsumiert wird, werdet ihr weniger Arbeit haben, weil so viele Fernseher, Kleider und Autos einfach nicht mehr gebraucht werden. Dann werdet ihr weniger verdienen, viele von euch werden erst einmal sogar arbeitslos sein, und der ungezügelte Konsum hat ein Ende. Und dann? Tja, dann beginnt überhaupt erst die Arbeit. Selbst wenn es uns gelingt, das Weniger an Einkommen halbwegs gerecht zu verteilen, was schon eine Herkulesaufgabe ist, taucht immer stärker die Frage auf, was in einer post-konsumistischen Gesellschaft im Leben überhaupt noch Spaß machen soll. Viel Zeit haben wir dann, weil wir nicht mehr so viel arbeiten müssen. Aber was machen wir damit? Kleider flicken, Autos reparieren, statt sie auf den Müll zu schmeißen? Das kann es nicht sein. Wir müssen weg davon, immer nur an unsere materiellen Habseligkeiten zu denken, die unsere Wohnungen und Häuser ohnehin schon zum Platzen bringen. Einen neuen Sinn brauchen wir, warum es uns überhaupt gibt. Den kann ich hier leider nicht aus dem Ärmel schütteln. Wenn wir daran aber mit derselben Intensität arbeiten, mit der wir heute ununterbrochen die schlechten Zustände der Welt beklagen, an denen wir allesamt selbst schuld sind, dann wird es uns vielleicht auch nicht schwerfallen, die Kapitalisten-Jesusse wieder vom Kreuz zu nehmen und unsere Verhältnisse selbst tatsächlich etwas vernünftiger zu ordnen. Vive la véracité! (ws)

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