Das plurale Subjekt

Strotzend vor Selbstbewusstsein oder Diskriminierung?
Strotzend vor Selbstbewusstsein oder Diskriminierung?

Schon seit den Gründungstagen der Soziologie gibt es einen Streit darüber, ob soziale Tatbestände auf das Handeln einzelner, physischer Menschen zurückgeführt werden müssen, um verstanden zu werden, oder ob es ein 'Wir' auch als sozialontologisch eigene Entität, d.h. als ein eigenständiges 'Wir' gibt. Für erstere Auffassung stand von Anfang an Max Weber, für letztere Auffassung ebenso ursprünglich Émile Durkheim, für beide bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der Streit ist bis heute nicht entschieden. Er schwelt und wabert nach wie vor in den unterschiedlichsten Ecken und Höhlen der Sozialphilosophie und der Soziologie, mal unter dem Problemtitel "Gibt es kollektive Absichten?", dann als die Frage, ob es ein plurales Subjekt gibt. Letztlich lauert er auch am tiefen Grunde einer jeden Verwendung solcher Ausdrücke wie 'Gesellschaft', 'Kollektiv', gar 'Nation' oder 'Kulturraum'.

Was ist das Problem?

Dabei ist diese Frage ein Musterbeispiel eines Scheinproblems. Zwar mag nicht ganz klar sein, ab wann und anhand welchen Kriteriums man von einem 'Wir' im Sinne eines eigenen sozialen Gegenstandes sprechen kann. Beispielsweise ist eine solche Sprechweise offensichtlich unpassend, wenn man eine von zwei Personen ist, die für eine Minute zufällig gemeinsam an einer Bushaltestelle stehen. Sie haben weder die Absicht, gemeinsam Bus zu fahren, noch verbindet sie sonst irgend etwas. Ebenfalls ungeeignet erscheint die Rede vom pluralen Subjekt bei lediglich statistischen Gruppen, also z.B. allen Personen mit einer bestimmten Schuhgröße. Man kann deshalb darüber streiten, unter welchen Umständen eine Personengruppe als kollektives oder plurales Subjekt zu bezeichnen ist. Das sind aber die Grenzfälle, die bei jedem Begriff auftreten, sobald man seine Extension (= Anzahl der Gegenstände, die unter ihn fallen) oder seine Intension (= gemeinsame Eigenschaften aller Gegenstände, die unter ihn fallen) genauer zu bestimmen versucht. Innerhalb dieser Grenzen, die bei jedem Begriff unscharf sind, kann es aber angesichts des sozialen Alltags überall auf der Welt keinen Zweifel geben, dass es so etwas wie ein plurales Subjekt geben muss. Denn immerhin ist die grammatische 1. Person Plural, also das 'wir', nicht nur ein sprachlicher Trick, sondern wird in vielen Fällen der Praxis äußerst solide und ernsthaft verwendet, bis hin zu rechtsrelevanten Sachverhalten. Übrigens erfolgt diese Kennzeichnung einer Gruppe als 'wir' nicht immer zum Besten. Man denke beispielsweise an die Verwendung der Kennzeichnung 'wir' im Zusammenhang mit außer Rand und Band geratenen Hooligans, Terroristen oder bösartigen Nationalisten.

Da sind wir auch schon beim Kern des Problems. Denn in den allermeisten Fällen, in denen wir von 'wir' sprechen, haben wir guten Grund dazu, der im sozialen Umfeld auch ohne Weiteres verstanden und akzeptiert wird. Solche pluralen Subjekte können sogar Tiere umfassen. So kann eine Familie mit Haustieren beispielsweise zu Recht von 'Wir' sprechen und damit sowohl ihre menschlichen als auch tierischen Mitglieder meinen. Die Frage ist also nicht, ob es ein plurales oder kollektives Subjekt gibt oder nicht. Die Frage ist vielmehr, unter welchen Umständen die Behauptung eines 'Wir' sozial akzeptabel ist.

Erst kommen die Kriterien, dann die Moral

Diese Wendung der Streitfrage mag überraschen. Sie macht aus dem ontologischen Problem nämlich ein moralisches. Ich behaupte, dass genau dies das wirkliche Problem des Streits um das plurale Subjekt ist. Betrachten wir beispielsweise den historisch und aktuell nach wie vor emotional stark aufgeladenen Begriff der Nation. Als eine Erfindung des europäischen 19. Jahrhunderts war er von vornherein eine Art Kampfbegriff, ein sprachliches Mittel der Selbsterhöhung und der Abwertung aller anderen, die nicht zum 'Wir' der jeweils eigenen Nation gehören. Aus diesem Grunde ist die Selbstzuschreibung einer großen Personengruppe als Nation im politischen Diskurs heute generell der Arroganz und der verhohlenen Aggression gegen Nichtmitglieder eines solchen 'Wir' verdächtig. Nichtsdestotrotz lässt sich nicht bestreiten, dass es Nationen gibt, allein schon deshalb, weil nicht nur viele Großkollektive sich als solche selbst bezeichnen, sondern auch, weil diese Selbstzuschreibung von den übrigen Personen, die nicht dazu gehören, ohne weiteres verstanden und anerkannt wird. Es gibt also Nationen. Aber heißt das auch, dass es gut ist, dass es sie gibt? Darüber herrscht weithin Uneinigkeit, mit gewichtigen Argumenten auf beiden Seiten des Disputs. Ähnliches gilt für andere 'Wir'-Begriffe, insbesondere solche, die mit Anmaßung, Diskriminierung und Gewaltneigung assoziiert werden. Dazu gehören solche kollektiven Subjekte wie z.B. der Hochadel einer Gesellschaft, Verbrecherkartelle, alle rassisch basierten Gruppenbegriffe, aber auch so entgleiste 'Wir'-Bildungen wie "wir Milliardäre" oder "wir Kriegsverbrecher", die so abstoßend sind - sofern man sie im positiven Sinne verwendet -, dass wohl nur sehr wenige Menschen diese Ausdrücke sich öffentlich zu verwenden trauen.

Wenn aber das eigentliche Problem hinter der Fragen nach dem pluralen Subjekt jene ist, welchen moralischen Wert wir einem solchen Subjekt zugestehen, dann müssen wir nach den Kriterien fragen, anhand derer sich ein solcher Wert feststellen oder leugnen lässt. Das erste, jedoch nicht ausreichende Kriterium einer solchen moralischen Bewertung eines 'Wir' dürfte sein, dass diese Eigenschaft der pluralen Subjektivität der adressierten Gruppe nicht von außen aufgedrängt wird, sondern auf einer Selbstzuschreibung beruht. Diese Bedingung disqualifiziert bereits alle rassistisch begründeten Kollektivbildungen, also beispielsweise "die Weißen" / "die Schwarzen" / "die Juden" im pseudo-biologischen Sinne solcher Begriffe. Die vorangehenden Beispiele der freudig sich selbst als Kriegverbrecher oder Schwerverbrecher identifizierenden Gruppen zeigen aber, dass dieses Kriterium allein nicht ausreicht. Das soziale Umfeld, also häufig die Gesellschaft, in der 'Wir'-Phänomene auftreten, hat auch ein Wörtchen mitzureden. Sie muss der Selbstzuschreibung solcher Gruppen als 'Wir' ebenfalls zustimmen, d.h. sie muss der Auffassung sein, dass ein solches 'Wir' aus allgemeiner sozialer Sicht erwünscht ist. Dies ist wiederum bei der großen Mehrheit aller pluralen Subjekte der Fall: Die Familie, die Belegschaft eines Unternehmens oder einer Behörde, die Mitglieder eines Sportvereins oder eines Orchesters vertreten moralisch etwas (ganz überwiegend) Positives, moralisch als gut Bewertetes, wenn sie sich selbst der Öffentlichkeit als kollektives Subjekt präsentieren. Es wäre im Gegenteil sogar ziemlich merkwürdig, wenn beispielweise eine Familie bestreitet, ein 'Wir' zu bilden. Dann hätte man den Eindruck, dass mit dieser Familie etwas nicht stimmt, dass sie in der Krise ist.

Sehr wichtig: Das Dritte im Bunde

Es kommt aber noch ein drittes und wichtiges Kriterium hinzu, das bei der moralischen Bewertung eines pluralen Subjekts eine Rolle spielen sollte. Dies ist die Freiheit des einzelnen Mitglieds, sich aus einem 'Wir' zurückziehen zu dürfen, ohne Repressionen seitens der Gruppe fürchten zu müssen. Das interne, nicht juristisch sondern moralisch begründete Verbot einer Kündigung der Mitgliedschaft ist ein starker Hinweis auf den moralischen Unwert einer Gruppe. Hierüber sollten beispielsweise die radikaler gesonnenen Angehörigen der muslimischen Glaubensgemeinschaft nachdenken. Genau umgekehrt verhält es sich mit dem Recht von Nicht-Mitgliedern, zum jeweiligen 'Wir' dazuzugehören. Dies kann man nur in formal konstituierten Gruppen wie z.B. dem 'Wir' aller Staatsbürger eines Landes klar verlangen, d.h. hier muss es klare Regeln der Aufnahme in das kollektive Subjekt geben, sonst ist auch ein solches Kollektiv der Willkür und Diskriminierung verdächtig. Dieses dritte Kriterium ist jedoch nicht auf so intime 'Wir'-Bildungen wie die Familie oder einen engen Freundeskreis anwendbar, die sozial gewachsen sind und deshalb keiner formalen Entscheidung über die Aufnahme in das 'Wir' zugänglich sind. Auch hier mag es Grenzfälle geben. Diese sind aber nicht problementscheidend.

Die Existenz oder Nichtexistenz pluraler Subjekte ist also keine ontologische Frage. Wer dies behauptet, sitzt auf einem realitätsfernen Elfenbeinturm. Es ist - bis auf wenige, teilweise spezifisch juristische, z.B. strafrechtliche Fragen - eine Sache der moralischen Bewertung und damit Akzeptanz bereits existierender Gruppen. Aus dieser Perspektive sieht man plötzlich auch die eminent politische Bedeutung dieser Fragestellung. Denn wesentlichen Krisenherden der heutigen Welt liegen solche Selbst- und Fremdzuschreibungen zugrunde, die zu erheblichen Spannungen führen können. Lasst uns die moralischen Wertbehauptungen dahinter erkennen. Dann werden sich die dahinter auftuenden Konflikte vielleicht ein Stück weit vernünftiger, und das heißt vor allem: gewaltfreier lösen lassen. (ws)

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