Politische Vernunft

Wie entscheiden wir (leider zu häufig)?

So stellen wir uns politische Herrschaft heute nicht mehr vor: Kolumbus präsentiert seinen erbeuteten Reichtum vor dem spanischen Königpaar
So stellen wir uns politische Herrschaft heute nicht mehr vor: Kolumbus präsentiert seinen erbeuteten Reichtum vor dem spanischen Königpaar

Es stehen Wahlen an in Deutschland, Bundestagswahlen. Sich als Bürger eines Staates an den Wahlen zur eigenen Regierung zu beteiligen, ist moralische Pflicht für alle, die ein Interesse am weiteren Schicksal ihrer Gesellschaft und heute sogar an der politischen Entwicklung der ganzen Welt haben. Viele beteiligen sich aber nicht an der Wahl, weil sie der Meinung sind, "das ganze System" sei ohnehin korrupt und könne gar nicht die Herrschaft des Willens der Mehrheit der Bevölkerung produzieren, oder der Beitrag ihrer Stimme zum Wahlausgang sei so gering, dass es erst gar nicht lohne, sich an der Wahl zu beteiligen. Viele an sich Wahlberechtigte haben aber vielleicht auch so drängende andere Probleme, dass eine politische Wahl, und sei auch die zum deutschen Bundestag, so nachrangig ist, dass sie einfach nicht dazu kommen, ihre Stimme abzugeben.

Was nicht vernünftig ist

Dieser Beitrag handelt jedoch von denjenigen Menschen, die zur Wahl gehen werden. Denn auch hier zeigt sich im Ergebnis vieler Studien in der gesamten westlichen Welt, dass das konkrete Wahlverhalten des Publikums häufig keineswegs dem Ideal einer rationalen, gar vernünftigen Entscheidung genügt. Eines der Wesensmerkmale der Idee der Demokratie ist nicht einfach, dass Menschen über ihre Regierung abstimmen, sondern dass sie dies im Bewusstsein ihrer und der gesamten gesellschaftlichen Situation tun und ihre Stimme nach begründbaren, soll heißen: rationalen und vernünftigen Kriterien abgeben.

Ich will mich aber auch nicht auf das weite Feld der positiven begrifflichen Bestimmung von 'rational' und 'vernünftig' begeben. Zielführender und einfacher ist es, meine ich, zu sagen, was sicherlich nicht als rationale und vernünftige Entscheidung zu gelten hat. Hierunter fallen nach allgemeiner Meinung folgende Verhaltensweisen:

  • Gefolgschaftsdenken: Wer eine Partei oder Person unabhängig von dem von ihr verfolgten politischen Programm unterstützt, nur weil sie/er sich dieser Person oder Partei an und für sich verpflichtet fühlt,  handelt nicht vernünftig. Immer wieder belegen Studien, dass dieses Verhalten viel verbreiteter ist, als man annehmen würde.
  • Bloße Sympathie: Viele Menschen stellen ihre 'Bauchreaktion', d.h. ihre spontane, oft nicht weiter begründete emotionale Reaktion, auf einen politischen Kandidaten an die erste Stelle ihrer Kriterien einer Wahlentscheidung. Dieses 'Emotions-first'-Verhalten ist insbesondere dann grotesk und dem Gedanken der Demokratie selbst sehr abträglich, wenn beispielsweise ein geschickter Kandidat sich emotional sehr positiv darzustellen vermag, inhaltlich aber eine Agenda verfolgt, die von jenen, die sich von seiner emotionalen Erscheinung blenden lassen, kaum befürwortet werden dürfte.
  • Maximale Empörung: Insbesondere im Lager der sog. Populisten wird dieses ebenfalls rein emotional wirkende Mittel zur Ausschaltung der kühlen, also rationalen und vernünftigen, Wahlentscheidung sehr häufig eingesetzt. Im Gegensatz zur Vernebelung durch bloße Sympathie lebt dieses Verhalten von der negativen Emotion, und zwar von deren Quantität: umso stärker die Empörung, umso sicherer der Zuspruch bei den Verführten. Der Unterschied zur reinen Sympathieentscheidung liegt hier auf dem Gewicht der maximalen Gefühlsstärke. Menschen, die sich emotional rein positiv entscheiden, können häufig durchaus sehr unterschiediche Anteile verschiedener positiver Emotionen angeben. In der negativen Gefühlsentscheidung konkurrieren die Bewerber dagegen allein um die Kraft der Empörung. Die Inhalte treten dagegen schnell zurück.
  • Übervereinfachung: Die Welt ist kompliziert; viele Menschen sehen sich nicht in der Lage, auch nur ansatzweise das große Zusammenspiel der sehr unterschiedlicher Aufgaben im Einzelnen zu gewichten und zu einer abgewogenen Entscheidung zusammenzuführen. Sie suchen sich häufig nur ein bis drei Themen heraus, die sie für herausragend wichtig halten, und blenden alle anderen Faktoren einfach aus.
  • Radikalisierung: Viele Menschen glauben nicht (mehr) daran, dass die Welt durch kleinteilige Änderungen auf den unzähligen großen und kleinen politischen Baustellen noch zu verbessern sei. Sie meinen, 'das Alte' gehöre insgesamt gestürzt/abgeschafft/zerstört/auf den Müllhafen der Geschichte etc. Viele Menschen dieser Geisteshaltung gehen sogar so weit, dass sie den enormen Schaden einer Totalzerstörung des Alten für gerechtfertigt halten, insofern 'das Neue' doch viel besser sei. Der Wahnsinn dieser Vorstellung zeigt sich sofort, wenn man fragt, wie denn 'das Neue' im Einzelnen ausschauen soll und wie es herbeizuführen sei. Die Antworten auf diese Frage sind notwendig so simpel, dass sie nicht einmal den einfachsten Plausibilitätscheck überstehen. Überdies ist diese Geisteshaltung häufig mit einem Glaube an physische Gewalt und unbedingte Autorität verbunden, die wohl nur solange auszuhalten sind, wie sie einen selbst nicht betreffen.
  • Veränderungsfeindlichkeit: Genau das Gegenteil zur Radikalisierung ist die grundsätzliche Angst oder einfach die Trägheit, Hand in Hand gehend mit den Vorteilen, die man in der gegenwärtigen politischen Lage für sich selbst sieht, die einen Wähler diejenige Entscheidung wiederholen lassen, die er schon seit langem und immer wieder trifft. Ein solches Verhalten ist psychoökonomisch nachvollziehbar, weil es lästiges Nachdenken erspart. Es kann aber zu bitteren Enttäuschungen führen, wenn sich zeigt, dass der angeblich so wertvolle Ist-Zustand in Wirklichkeit gefährliche Tendenzen in sich trägt, die man besser nicht mit seiner Stimme fördern sollte.
  • Kurzsichtiger Egoismus: Viele Menschen sind bereit, einen Kandidaten oder eine Partei zu wählen, nur weil sie ihnen irgendeinen, insgesamt gesehen eher geringen Vorteil versprechen, ohne in Rechnung zu stellen, was die Geisteshaltung hinter einer solchen klientelistischen Belohnungspolitik für einen Schaden anrichtet. Dieser Schaden kann auch für den mit solchen Mitteln verführten Wähler selbst um ein Vielfaches größer sein als der versprochene kleine Vorteil.

Wer bei der kommenden Wahl also gerne eine verünftige, d.h. rational begründbare Entscheidung treffen möchte, sollte einfach die vorstehende Liste durchgehen und in seinem eigenen Verhalten sicherstellen, dass die genannten Verhaltensmerkmal zumindest keine dominante Rolle in ihrem/seinem politischen Verhalten spielen. Dann ist mir vor dem Ausgang der kommenden Wahl nicht bange. (ws)

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