Verwirrende Zeiten

"Einen besinnlichen 2. Advent wünscht Peter" ( (c) Peter Markmann, 2020)
"Einen besinnlichen 2. Advent wünscht Peter" (c) Peter Markmann, 2020

There must be some kind of way outta here
Said the joker to the thief
There's too much confusion
I can't get no relief.
(Bob Dylan / Jimi Hendrix: "All along the watchtower")

Das Jahr 2020 war ein Horror, mal ehrlich. Und Besserung steht nicht unmittelbar bevor: Nicht nur Covid 19 hält uns weiter fest im Griff; auch politischer Wahnsinn feiert fröhliche Urständ und Umweltzerstörungen nehmen in ungeheurem Ausmaß immer noch zu. Das lässt nicht wenige Menschen irre werden - irre an der Welt und an sich selbst.

Wie kann man sich zu einer solchen Situation stellen? Dies ist das Thema des obigen Bildes von Peter Markmann (Berlin). Ich nehme es zum Anlass, dessen tiefere Fragen im Folgenden auszuloten.

Die Welt als Zwickmühle

Dieses Bild enthält zunächst einen extremen ästhetischen Widerspruch, der zum semantischen wird: Da gibt es jene Düsternis eines monströsen Wohnblocks, stellvertretend für die allgemeine gesellschaftliche Wirklichkeit einerseits und die penetrante Süße des Untertitels, diese womöglich die Illusion der Hausbewohner, andererseits. Dies ist politische Kritik: Beide Seiten des Widerspruchs bedingen einander negativ, d.h. wäre die Wirklichkeit nicht so schlimm, bedürfte es auch nicht der betäubenden Süße. Über der schrecklichen Wohnanlage gärt ein böser Himmel, jener Himmel, der auf Renaissance-Bildern noch dem gütigen christlichen Gott und seinen Engeln in süßen Farben vorbehalten war. Hier nun ist kein Gott mehr. Hier dräut nur noch irdisch-apokalyptisches Unwetter.

Neben dem offensichtlichen ästhetischen Bruch zwischen schlierig-grauer Wirklichkeit und süßlichem Advents-Gebimmel gibt es aber noch einen zweiten: Zwei kleine Fenster in dem riesigen Wohnblock leuchten ebenfalls! Sie erheben sich wie grundlos aus dem betäubenden Grau der Gesamtanlage. Da fragt sich, wie sich diese beiden im Doppelsinne des Wortes 'erleuchteten' Hausbewohner zu dem Gesamtkonflikt stellen. Entweder sind die beiden ‚Erleuchteten‘ die einzigen, die in jener giftsüßen Illusion des unteren Bildrands leben. Damit bliebe allerdings unklar, wie sich die übrigens Hausbewohner zum gleichen Schrecken stellen, der sie ja ebenfalls betrifft. Und eine solche Interpretation käme einer Denunziation der beiden ‚Erleuchteten‘ als prototypischen Dummköpfen gleich, weil sie die Wirklichkeit nicht sehen, sondern besonders deutlich in zuckriger Verdrängung baden. Ich glaube nicht, dass diese Deutung die Intuition des Künstlers trifft. Auf einer solchen Ebene der Zaunpfahl-Semantik bewegt sich übrigens häufig die politische Kunst in Diktaturen. Dafür ist die Tristheit hier aber zu triste und die Süße zu süß.

Das Wagnis der grundlos positiven Einstellung

Die andere Interpretationsmöglichkeit lautet: Die beiden ‚Erleuchteten‘ sind die einzigen, die jener unten gezeigten Illusion gerade nicht verfallen sind, sondern eine reale Positivität ohne Verdrängung der Wirklichkeit leben. Ihre Positivität ist nur äußerlich dieselbe wie die der Verdränger. Dann wiederum wäre die süße Illusion ein Merkmal aller anderen Hausbewohner, also der nicht 'erleuchteten', denn sonst träfe sie in diesem Bild auf niemanden zu, was unschlüssig ist.

Ich neige zu dieser letzteren Interpretation. Dann aber hat das Bild nicht nur einen Bruch, sondern derer gleich zwei: Der erste, offensichtliche, ist jener zwischen der schrecklichen Hauswirklichkeit und der allgemein-süßlichen Verdrängungs-Illusion. Der zweite ist jener zwischen der nochmals schrecklichen Hauswirklichkeit und der dennoch positiven Reaktion der beiden ‚erleuchteten‘ Erdenmieter. Damit wird indirekt behauptet, dass man sich von der mangelhaften Wirklichkeit auf zweierlei Weisen absetzen kann, nämlich entweder durch Verdrängung oder durch ihre subjektive Umdeutung ohne Verdrängung. (Man kann sich natürlich auch gar nicht von ihr absetzen und einfach in Depressionen verfallen; das ist wohl die am wenigsten ratsame Lösung.). Wenn man also bei der zweiten Interpretation bleibt, so stellt sich die anschließende Frage, was die beiden ‚Erleuchteten‘ von den übrigen Hausbewohnern unterscheidet. Oder anders gesagt: Wie machen sie es, dass sie in einer so schrecklichen Welt dennoch positiv bleiben, ohne nur in verdrängenden Konsum zu verfallen?

Das Bild enthält ferner eine Anspielung auf das Christentum, denn immerhin ist 'Advent' die christliche Bezeichnung der nahenden Geburt Christi. Das Christentum hat auch auf die Frage, wie man in einer negativen Welt positiv bleiben kann, eine Antwort gegeben, die allerdings nicht ohne Widerspruch blieb. Sie lautet: Nun ja, die Welt ist schrecklich; wer aber in Gott (den christlichen, wohlgemerkt) vertraut, kann trotzdem glücklich sein. Moderner, säkular gewendet, d.h. ohne Gott, würde das heißen: Man darf das Vertrauen in die gute Welt nicht verlieren, auch wenn sie im Augenblick keineswegs gut ist.

Auch ohne Gott und politische Rattenfänger der Verwirrung entkommen

Das ist meine Position. Ich habe sie bereits anlässlich der gemeinsamen Arbeit von Peter Markman und mir an einer Aufklärung logischer Ungereimtheiten in der sog. Pascal’schen Wette als Lösung von Pascals dreiwertigem Ansatz formuliert: Pascal empfahl im Ergebnis eines leider fehlerhaften logisches Kalküls, dass man an das Gute der Welt (bei ihm: an Gott) glauben soll. Nun war nicht nur seine Logik mangelhaft; auch die vielfach unternommenen Theodizeen sind ein deutlicher Ausdruck des Zweifels, dass ein solches Ur-Vertrauen in die Welt gerechtfertigt ist. Der Witz der Sache ist allerdings, dass diese existenzielle Frage im Grunde gar keine logische, sondern vielmehr eine anthropologische und evolutionäre Lösung hat: Nur wer dieses Vertrauen aufbringt, erhöht gerade dadurch die Chance seiner Erfüllung. Wer es nicht aufbringt, verringert seine Chance auf Lebensglück. Den Beweis hierfür erbrachte nicht Pascal, sondern erbringen immer wieder alle Säuglinge, die auf der Welt geboren werden. Sie haben eigentlich nicht den geringsten Grund, ihre Umgebung entwaffnend anzulächeln. Die Welt wird wahrscheinlich nicht nur gut zu ihnen sein. Und denoch ist ihre positive Einstellung das beste Los, das sie werfen können, um die Welt zumindest im Rahmen des Möglichen positiv zu stimmen. Ihr Verhalten ist der Versuch einer self-fulfilling prophecy. Das ist evolutionär offensichtlich die beste Strategie, um mit einer imperfekten Welt zurecht zu kommen.

Das wäre auch die Antwort auf die oben von mir selbst gestellte Frage, was die beiden ‚Erleuchteten‘ im obigen Bild von den übrigen Hausbewohnern unterscheiden muss: Sie glauben immer noch an das Gute in der Welt – und erhöhen deshalb, sofern es überhaupt eine Rettung gibt, die Chance darauf, dass die Welt sich wirklich bessert. Die anderen Hausbewohner haben nicht diese Chance; ihnen wird es nur besser gehen, wenn andere für ihre Besserung sorgen. Soviel zur 'Berechtigung' einer positiven Lebenseinstellung und der Verkürzung jener Frage, wenn man nur darauf schaut, was da ist, und nicht darauf, was da sein kan.

Und wer sich gar für die korrigierte Pacal'sche Begründung dieser existenziellen Frage interessiert, kann diese hier nachlesen. Wenn es schon nicht mehr der Glaube an Gott ist, der Berge versetzt, dann vielleicht das kühle Kalkül. Pascal und Peter Markmann sei Dank. (ws)

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