Die Demokratie und der Teufel

Heute zählt die Physis nicht mehr so viel wie einst ("Kruppsche Teufel" von Heinrich Kley, 1914)
Heute zählt die Physis nicht mehr so viel wie einst ("Kruppsche Teufel" von Heinrich Kley, 1914)

Ein kurzer Blick zurück

Wenn wir die Entstehung des modernen Verhältnisses von Individuum, Gesellschaft und Staat betrachten, so ist ein Blick in die zahlreichen Äußerungen der Philosophen der europäischen Aufklärung hilfreich. In dieser Zeit, grob zwischen 1700 und 1800, festigte sich die Vorstellung von jenem politischen Modell, das wir heute 'Demokratie' nennen. Der zentrale Begriff, der wie ein Generalschlüssel dieses ganze Modell auf einen Schlag öffnete und mit einem seinerzeit berauschend neuen Pathos erhellte, ist jener der Vernunft. "Aufklärung ist", in jenem berühmten Satz von Kant, "der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit." ("Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung", in: Berlinische Monatsschrift, 2. Stück, Dezember 1784). Dies ist nur möglich, so wiederum Kant, der die Epoche der Aufklärung bereits von ihrem Ende her sieht, sofern a) sich der Mensch zu seiner Vernunftfähigkeit bekennt und b) sich in seiner Natur allein der Vernunft unterwirft, siehe dazu seine "Grundlegung der Metaphysik der Sitten", ein bis heute unübertroffen radikales Werk in Anspruch und Kühnheit. Es ist aber nicht nur der Entwurf einer neuen Ethik, sondern damit auch der Entwurf einer neuen Gesellschaft - nämlich jener, deren politische Machtverteilung ausschließlich durch Argumente der Vernunft legitimiert werden kann.

Vernunft als Maxime

Nun ist der kantische Entwurf in seinem Kern von vornherein nur als Maxime zu verstehen d.h. als ein immer-fernes Ziel am Horizont, auf das wir zwar hinarbeiten sollen, es aber nie wirklich erreichen werden. Das heißt dennoch, dass "uns" (im Sinne aller Mitglieder eines sozialen Kollektivs) die Vernunft bereits jetzt gegeben ist und wir die Aufgabe haben, zumindest ihre Vorherrschaft im politischen Diskurs durchzusetzen und zu stärken. Das Unglück unserer aktuellen Zeit scheint zu sein, dass dieser helle Leitstern offenbar im Sinkflug begriffen ist. Überall auf der Welt, auch in Deutschland, greift ungezügelte Willkür und auftrumpfende Selbstgerechtigkeit um sich, und dies keineswegs nur bei einigen despotischen Führern, sondern gerade im großen Publikum, das ja solchen Führern erst zu ihrer unbegründeten Macht verhilft.

Seit Kant hat der Teufel also einen neuen oder zumindest zweiten Namen: Unvernunft. Diese zeigt sich in verschiedenen Formen, z.B. der einfachen Unwissenheit, der unüberlegten Affekthandlung, der Übertreibung und der maßlosen Eitelkeit. Mit all diesen Subteufeln ist die erstarkende Pflanze der Demokratie gerade auch nach 1945 gut zurechtgekommen. Die weltweite Gemeinde der Vernünftigen war immer klar in Führung, gab den Ton an und setzte sich selbst in solchen Großkonflikten wie jenem zwischen den Atommächten USA und Sowjetunion letztlich durch. Wie kommt es, dass ihr jüngst mit rasender Geschwindigkeit so viele Mitglieder abhanden kommen, so dass wir womöglich sogar mit einer Machtübernahme der rasend Unvernünftigen rechnen müssen?

Eine andere Erklärung des Problems

Ich wage auf diese viel gestellte Frage eine neue Antwort: Unter den bekannten Formen der Unvernunft breitet sich eine nur vorübergehend (für ungefähr zwei europäische Jahrhunderte) untergeordnete Form mit neuer Kraft aus. Ihre heutige Gestalt ist die unkorrigierbare ideologische Fixierung im Modus affektiver Ekstase. Sie erscheint öffentlich als Hassmails, Morddrohungen, abstruse Verschwörungstheorien, aggressive Diskriminierung, soziale Isolation, am Ende als blanke Gewalt ohne wirklichen Grund noch Ziel.

Nun sind viele Zutaten dieses ungenießbaren Gebräus nicht neu. Immerhin hat das ideologisch in vieler Hinsicht sehr aggressive und intolerante europäische Mittelalter sich häufig genauso gezeigt, wogegen die Aufklärer schließlich opponierten. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert versuchten die europäischen Großmächte dann unter dem Banner nationalistischer Identitätsraster einen Export dieser Idee in die aus ihrer Sicht "übrige" Welt, was wegen des dabei leitenden wirtschaftlichen Ausbeutungswillens nicht nur in einem politischen Desaster endete, sondern auch hinsichtlich der versuchten Vernunftverbreitung leider nur selten Erfolg zeitigte. Indien und Südamerika sind heute die einzigen ehemaligen kolonialen Großräume, wo die Idee einer vernunftbasierten Legitimation politischer Macht zumindest noch theoretisch anerkannt ist. In Russland, China und der Türkei blüht offener Führerkult, jede Art von Dissidenz wird mit breiter Unterstützung der Mehrheit der Bevölkerung radikal bekämpft. Und was in den meisten Staaten Afrikas unterhalb der Sahara geschieht, ist in der Sprache der europäischen Aufklärer einfach unbeschreiblich.

Rührt sie sich noch, die Demokratie?

Ist die Aufklärung und damit die Idee vernunftbasierter Sozialität nur eine kurze historische Ausnahme von der Regel allgemeiner kollektiver Unvernunft gewesen? Ist die Demokratie als das Modell des Zusammenlebens überwiegend reflektierter, informierter, bescheidener, toleranter Menschen in Wirklichkeit längst tot? Wir werden sehen, wie man in einigen Jahrzehnten darüber redet, auf wann man womöglich den Todeszeitpunkt datiert - oder ob sie überraschenderweise doch überlebt hat, schwer geschunden zwar, ächzend unter der Last der Gemeinheiten und Willkür ihrer Gegner, dennoch am Ende wieder auferstanden, bereit, ihre Vorstellungen zu verteidigen. Ihr Problem ist, dass ihre Waffen einer anderen ontologischen Ebene entstammen als jene ihrer Feinde. Vernünftige Menschen kämpfen mit Worten, die anderen mit Schusswaffen und Bomben. Die Vernünftigen kämpfen um das Primat der symbolischen Ordnung vor der physischen unter den Menschen. Das hat schon die Katholische Kirche eingesehen; deswegen und überraschenderweise steht sie heute firm auf der Seite der Vernünftigen, die doch einst, in den Zeiten der Aufklärung, ihre Todesengel waren.

Wenn plausibel ist, was hier gesagt wird, so sind alle gängigen Erklärungen der gegenwärtigen Krise der Vernunft und der Demokratie unzureichend. Weder hat diese Krise primär ökonomische Gründe, noch geht es um eine Revolte der angeblich Ohnmächtigen gegen die angeblich Mächtigen, noch geht es um die nie abgeschlossene Suche nach sozialer Identität. All das spielte sich schon immer und auch noch nach 1945 ab. Ich denke vielmehr, es geht um die anstrengende Anerkennung der zunehmenden Dominanz und zunehmende Komplexität der symbolischen Sphäre einer globalen Gesellschaft über alles Physische, nenne man dies Arbeit, Kapital, Biologie oder Energie. Für sehr viele Menschen scheinen diese Gedanke schlicht unbegreiflich zu sein. Sie deuten den Begriff 'Rechtsstaat' als Betrugsversuch der jeweils Herrschenden an den von ihnen Beherrschten oder bestenfalls als eine leere Illusion. Sie empfinden Toleranz als eine Schwäche, die nur dazu führt, dass sie ausgeraubt werden. Sie sind nicht bereit, die notwendige Repräsentation politischer Macht auch für sich selbst als verbindlich anzuerkennen. Mit einem Wort: Sie sind überfordert.

Sokrates, der irdische Engel

Ich spreche hier aus der Perspektive des Sokrates. Er meinte, dass in Wirklichkeit kein Mensch böse sei, sondern sie oder er nur irgendetwas nicht verstanden habe. Damit kündigte er ein riesiges antikes Bildungsprogramm an, in den Worten von Jürgen Mittelstraß die "erste Aufklärung", das bis heute nicht vollendet ist. Der Teufel saß nie in der Hölle; er lauerte von Anfang an tief in unser aller Köpfe. Ich bin wahrlich kein Katholik, sondern bekennender Atheist. Aber das muss man dieser Religion lassen: Sie hat's trotz aller Gewalttätigkeiten in ihrem Namen schon lange gewusst. Geben wir also die Hoffnung nicht auf, dass jenes mit Sokrates begonnene Bildungsprogramm am Ende doch wieder auf die Beine kommen wird, auch wenn seine Lehrer gerade ein paar blutige Hiebe einstecken müssen. Die Geschichte gibt ihnen Recht. Unvernunft hat auf lange Sicht die geringeren gesellschaftlichen Erfolgschancen. Aber die Aufrechterhaltung des Primats der Vernunft kann uns alle noch teuer zu stehen kommen. Seien wir darauf vorbereitet. (ws)

Frühere Leitartikel

Was ist ursprünglicher: Qualität oder Quantität?

Zu den nicht gerade dringendsten Fragen unserer Zeit gehören metaphysische Grundprobleme. Deren gibt es in allen Kulturen und Gesellschaften nicht wenige. Weil leider die meisten von ihnen trotz Jahrhunderte langer Behandlung immer noch nicht eindeutig beantwortet wird, verlieren viele Menschen schnell das Interesse daran. Ich wende mich hier nun an diejenigen Untentwegten, die sich bisher nicht haben abschrecken lassen. Es geht im Folgenden um etwas sehr Grundsätzliches. Die Frage lautet: Was ist ontologisch vorgängig, die Qualität oder die Quantität (von Dingen, Prozessen oder was auch immer)?

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Künstliche Unvernunft

Im aktuellen Heft des Economist (Heft vom 21.04.2018, S. 14 oder online hier) wird berichtet, dass die Techniker von IKEA unter großem Aufwand es geschafft haben, einen Roboter so zu programmieren, dass er einen IKEA-Stuhl zusammenbauen kann. Oh Mann! Er braucht dafür allerdings 20 Minuten und somit ein Mehrfaches der Zeit, die ein durchschnittlich begabter Mensch für die Aufgabe benötigt. Auch Tesla, so wird berichtet, schafft seine Produktionsversprechen nicht, weil Elon Musk sich mit der Automatisierbarkeit im Autobau immer wieder massiv verschätzt. Inzwischen gibt er es sogar öffentlich zu. Irgendetwas stimmt nicht mit der Künstlichen Intelligenz.

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Freiheitssehnsucht und Lebenssinn

Es dürfte für wenig Aufregung sorgen zu behaupten, auch wenn es nicht beweisbar ist, dass 'der Mensch' nach Freiheit strebt, und dass er aber auch nach Sinnhaftigkeit seines Daseins verlangt. Diese Auffassung entspringt aber keineswegs nur privaten Empfindsamkeiten. Im weitesten Sinne kann man wohl sagen, dass es in den modernen westlichen Gesellschaften geradezu das oberste Staatsziel ist (neben der materiellen Grundversorgung der Bevölkerung), genau dieses Streben nach Freiheit und Lebenssinn zu befriedigen.

An einer solchen Forderung ist gleichwohl so ziemlich jedes Wort fraglich. Steckt hinter dem Ausdruck 'der Mensch' nicht bereits eine ungeheure Anmaßung, so als ob irgend jemand wissen könne, was für alle einzelnen Menschen gleichermaßen gelte? Streben wirklich alle Menschen nach Freiheit? Und wenn sie das tun, nach welcher? Handelt es sich bei dem Begriff der Freiheit nicht womöglich eine Bedeutungswolke im Wittgenstein'schen Sinne, deren einzelne Felder oder Bereiche nur eine Familienähnlichkeit aufweisen, aber keinen gemeinsamen Bedeutungskern? Und was ist 'Sinn' mehr als eine weitere solche Bedeutungswolke, die kaum zu klarerer extensionaler und intensionaler Vorstellung von ihr zu bringen ist?

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Emergenz: Hoppla, was ist denn das?

Die Einsicht ist inzwischen unvermeidlich, dass die Welt sich entwickelt haben muss, und zwar nicht nur im Bereich des Lebendigen auf unserer heiß geliebten Erde, sondern auch das Universum insgesamt. Denn selbst seit dem Big Bang, also dem Urknall, bis zur Bildung der ersten Atomkerne vergingen in den Zeitbegriffen der modernen Physik bereits Millionen Jahre. Diese kosmische Fähigkeit zur Entwicklung mag uns fröhlich machen, denn immerhin legt sie nahe, dass wir zur Krone einer solchen Schöpfungspotenz gehören. Sie ist aber auch ein tiefes Rätsel, denn der alte Satz "Ex nihilo nihil fit", zu deutsch: "Aus Nichts entsteht nichts", lässt derlei eigentlich nicht zu. Wie kann es also sein, dass sich in einer Ursuppe plötzlich einzelne Elementarteilchen mit Eigenschaften bilden, die in der Ursuppe noch nicht vorhanden waren?

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Der seltsame Hype um die Künstliche Intelligenz

Seit Jahren nun schon steigt die Aufregung: Die Über-Maschinen kommen! Sie kommen aber nicht nur einfach so daher, das tun sie ja schon lange. Nein, sie drängeln sich mit algorithmisch hochfrisierten Elektronengehirnen in jeden Winkel unseres Lebens, schaffen es gar bis auf den Wohnzimmertisch und in die Nachttischlampe. "Igitt, wie schlimm!" schreien die einen, "Ihr seid meine Erlösung und die der ganzen Welt obendrein!" die anderen. Beide Auffassungen und die ganze emotionale Begleitmusik dazu sind einfach kindisch, meint Wolfgang Sohst.

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Der Nomos des Geistes

Die ideologische Erhöhung partikularer Gewalt, gar zur Notwendigkeit des Krieges und als ein Recht der Völker zum Krieg stilisiert  ist nicht diskursfähig, wenn es um den neuen "Nomos der Erde" im Sinne einer geistig universellen Ordnung der Menschheit, trotz aller kulturellen Differenzen, geht. Doch was setzt ein solcher universeller "Nomos des Geistes" in Anbetracht kultureller Vielfalt minimal voraus?

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Der diskrete Charm der Theorie

In seinem umwerfenden Buch "Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960 - 1990" beschreibt Philipp Felsch die intellektuelle Entwicklung Deutschlands jener Epoche. Er verfolgt sie am roten Faden der Geschichte des Merve Verlags im kaputt-kreativen Soziotop des alten West-Berlin. Es ist über weite Strecken die Geschichte einer Kaskade von Enttäuschungen: Gesucht wurde nach dem Ende der Nazizeit und mitten im Kalten Krieg jener Archimedische Punkt, von dem aus sich diese Gesellschaft überhaupt noch verstehen und womöglich sinnvoll verändern lässt. Gefunden wurde am Ende - nichts. Es begann mit strammer Marx-Lektüre und dem Versuch, 'die Arbeiter' an den Fabriktoren zu agitieren, und lief auf Grund in hysterischer Quacksalberei von allem und nichts. Am Ende war da nur noch ein Regen aus pessimistischem Konfetti atomarer Sinnsucher samt ihren Gurus aller nur erdenklichen Couleur. Das ist aber nicht das Ende der Geschichte.

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Christlicher Dschihadismus

Die zur Zeit allerorten stattfindenden Feierlichkeiten zum Gedenken an Martin Luther haben mich als historisch und an der Person des bekannten Reformators interessierten Menschen etwas Zwiespältiges, das schon weit in den Selbstbetrug hineinragt. Ich erspare mir die Wiederholung historischer und biographischer Details der Zeit Luthers, die überall im Überfluss zu finden sind.

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Gullivers Trauma

In seiner Metaphysik, die er vor mehr als 2.300 Jahren schrieb, verurteilt Aristoteles den "Extremisten" Heraklit (4. Buch, 1010a5), dessen Nachfolgern er unterstellt, sie würden der fließenden, sich ständig verändernden Welt jegliche Erkennbarkeit absprechen. So ganz mag Aristoteles dem nicht zustimmen, konzediert aber immerhin, dass "es einen gewissen Grund zu der Meinung gibt, dass es [d.h. das Fließende, sich Verändernde] nicht existiert." Welch sonderbares Statement. Befinden wir uns nicht in dieser sich ständig verändernden Welt? Was in dieser Welt steht eigentlich so still, dass wir es wie den armen Gulliver am Boden unserer Erkenntnis mit absoluter Gewissheit festnageln können?

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Platon on the run

Seit dem Aufstieg so genannter Populisten in vielen Ländern der Welt fragt sich das erschütterte andersdenkende Publikum, wie der Aufstieg z.B. eines Donald Trump, der überraschende Ausgang des Brexit-Votums und der Machtzuwachs aggressiv-nationalistischer Politiker vom Schlage Recep Tayyip Erdoğans oder Jarosław Kaczyńskis möglich waren. Eine der naheliegendsten, wenn auch wohl unzureichenden Erklärungen macht die angeblich zunehmenden wirtschaftlichen Verwerfungen in den betroffenen Ländern dafür verantwortlich. Tatsächlich ist die Situation in den vielen betroffenen Ländern jedoch sehr unterschiedlich; nicht einmal bei der Mehrheit von Ihnen passt das ökonomische Erklärungsmuster.

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