Subjektive und objektive Wirklichkeit

 

Die Weltkugel zerfällt in zwei Teile, da zwischen eine vewirrt schauende Frau

Klar, schöner wär's, wenn beide Teile wieder eine Einheit bildeten, wie früher in unserer Kindheit und in der Urzeit des Menschen...

Vor unseren Augen entfaltet sich eine Spaltung der Welt in vielen Dimensionen: politisch, sozial, weltanschaulich und sogar technisch. Das ist für viele Menschen sehr beunruhigend. Im Folgenden soll es um eine besonders intensive Form dieser Spaltungen gehen, nämlich um jene einer subjektiven und objektiven Sicht auf die Wirklichkeit. Manche(r) wird sich beim Lesen dieses Satzes vielleicht fragen: Gibt es einen solchen fundamentalen Unterschied überhaupt? Die sardonische Antwort auf diese Frage kann nur lauten: Versuche es doch einmal ohne diese Unterscheidung; dann wirst du entweder bald in einer geschlossenen psychiatrischen Abteilung landen. Das nennt man dann nämlich 'Psychose'. Oder du bekennst dich zur Tyrannei absoluter Objektivität von allem, was dir so im Kopf herum geht und verdammst jeden, der dein Weltbild nicht teilt, als Lügner. Beides sind sehr abschreckende Szenarien. Das sollte besser gehen.

Rückkoppelungseffekte ...

OK; versuchen wir einmal herauszufinden, wie man mit diesem Unterschied umgehen kann, wenn man ihn anerkennt, egal ob nolens volens oder ganz selbstverständlich. Unsere Welt, wie wir sie alle erleben, ist offenbar in Schichten aufgebaut. Die beiden Schichten, um die es hier geht, sind jene der objektiven Wirklichkeit und ihrer subjektiven Wahrnehmung. Beide überlagern sich in unseren Vorstellungen und unserem Umgang mit der Welt, und manchmal fällt es uns schwer, die Grenze zwischen ihnen auseinanderzuhalten. Beispielsweise werden wir von einer uns nahestehenden Person auf für uns unangenehme Weise behandelt. Dass diese Behandlung unangenehm war, werden wir gerade noch als subjektives Urteil akzeptieren. Unsere Empörung drängt uns aber zu mehr: Wie war sie wirklich gemeint? Wollte mich diese Person verletzen oder nehme ich das nur irrtümlich so wahr? Wenn wir uns in der Antwort auf diese entscheidende Frage unsicher sind, werden wir vielleicht andere, unbeteiligte Personen befragen, wie sie die Sache einschätzen. Das halte ich für die optimale Strategie. Oder wir verdrängen das Ereignis einfach (keine gute Lösung, weil Verdrängtes irgendwann wieder hochkommt) oder vereindeutigen die unklare Erfahrung auf eigene Faust in die eine oder andere Richtung (auch nicht optimal, weil uns solche Eigenmächtigkeiten sozial schnell isolieren können).

Selbst wenn wir andere Leute befragen, was sie von der besagten, unangenehmen Erfahrung halten, kann die Sache aber dennoch gründlich schiefgehen. Das passiert leicht dann, wenn die von uns befragten Personen alle selbst höchst tendenziös und subjektiv eingestellt sind und deswegen eine ohnehin bereits riskante Situation noch verschärfen können. Damit kommen wir zur eminenten politischen Relevanz dessen, um was es hier geht. Denn die politische Spaltung der Welt - sei es zwischen den Großmächten dieser Welt oder zwischen sich zunehmend radikalisierenden Gruppen innerhalb einer Gesellschaft; die USA sind hierfür ein erschreckendes Beispiel - verstärkt sich nämlich wesentlich durch einen Effekt, den man in der Physik als Rückkoppelung bezeichnet. Eine Rückkoppelung liegt dann vor, wenn das Ergebnis eines Vorganges bei seiner anschließenden Wiederholung die Startkonfiguration dieses Vorganges bestimmt, oder mathematisch gesagt, wenn wir es mit einer rekursiven Funktion zu tun haben. Bei solchen Funktionen wird ihr Ergebniswert zum Eingangsparameter ihres wiederholten Aufrufs. Das Resultat des fortgeschriebenen Ergebniswertes nach einem mehrfachen Aufruf einer solchen Funktion kann immer weiter zunehmend oder stärker (= positiv), immer weiter abnehmend oder schwächer (= negativ) oder im besten Falle dynamisch stabilisierend (= schwankungsmindernd) ausfallen.

... und die Schwierigkeit, sie zu vermeiden

Die Bildung so genannter 'sozialer Blasen' sind ein gesellschaftlich und politisch höchst relevantes Beispiel für solche Rückkoppelungseffekte. Positive Rückkoppelungen enden immer in einer Art Explosion des zugrundeliegenden Konflikts, vom Ehestreit, bei dem aus ursprünglich nichtigem Anlass am Ende die Fetzen fliegen, bis hin zum Krieg zwischen verfeindeten Staaten nach einer langen Kette sich gegenseitig aufschaukelnder Gereiztheiten. Der österreichische Philosoph und Psychotherapeut Paul Watzlawick (1921-2007) hat schon vor Jahrzehnten in seinem fundamental treffenden Buch Anleitung zum Unglücklichsein alle Arten misslungener sozialer Rückkoppelung beschrieben. Was Watzlawick allerdings nur am Rande betonte bzw. offenbar als selbstverständlich voraussetzte, war, dass eine wesentliche Ursache solcher meist desaströs endenden, sozialen Rückkoppelungseffekte auf einer gescheiterten Analyse der subjektiven und objektiven Anteile des eigenen Weltverhältnisses beruhen. Leider erleben wir seine ironisch gemeinte 'Anleitung zum Unglücklichsein' mittlerweile auf globalpolitischer Ebene, und zwar überhaupt nicht ironisch, sondern als fürchterliche Realität.

Auf der goßen, politischen Bühne kommt erschwerend hinzu, dass bei der heutigen, in vielen Rückkoppelungsschleifen befangenen, gesamten Menschheit die einzelne Person praktisch keine Kontrolle mehr über die Dynamik des kollektiven Geschehens hat, sondern sich bestenfalls noch distanzieren kann, im schlechtesten Falle einfach mitgerissen wird, wie in einem wilden Strom. Die Frage ist daher, was man in einer solchen Situation überhaupt tun kann, um sie zumindest nicht noch zu verschlimmern. Ich denke, dass es hier durchaus einen wirksamen Ansatzpunkt gibt, der uns wieder zu uns selbst als individuell handelnder Person zurückführt. Wenn wir in einer politisch bedeutsamen Rückkoppelungsschleife gefangen sind und uns dadurch immer mehr aufregen, immer weiter verhärten und am Ende gefährlich radikalisieren, ist der offenbar einzige Rückweg zur Normalität jener, der über die Anerkennung der Subjektivität unserer Einstellung zu den besagten Fragen führt. Mit anderen Worten: Die Beruhigung der unguten Dynamik und damit die Rückkehr in einen stabilen Normalzustand setzt voraus, dass wir uns zuallererst vom Beharren auf einer absoluten, objektiven Richtigkeit unserer Vorstellungen über die Welt verabschieden.

Der steinige Weg der Selbsttherapie

Das kann bereits und sollte sogar im Kleinen beginnen, damit wir wieder lernen und trainieren, mit dem Unterschied zwischen objektiver und subjektiver Wirklichkeitserfahrung umzugehen. So kann man beispielsweise Nachbarn und Freunde einfach mal testweise fragen, was sie von diesem oder jenem harmlosen Ereignis halten (bitte keine politischen oder religiösen Fundamentalfragen stellen!), um zu sehen, wie weit ihre Sicht auf die Dinge von unserer eigenen abweichen. Sukzessive lassen sich solche Tests dann auch auf allgemeinere und wichtigere Fragen des Lebens ausdehnen. Kritisch wird es bei allen Angelegenheiten, die uns emotional stark betreffen. Solche Dinge sind sozusagen die Nagelprobe auf unsere Fähigkeit, den Unterschied von subjektivem und objektivem Geltungsanspruch unserer Auffassungen tatsächlich gelten zu lassen.

Grundsätzlich gilt: Jede Bewertung einer Tatsache ist ausschließlich subjektiv, selbst wenn uns diese Bewertung unbestreitbar und selbstverständlich vorkommt. Aber auch einfache Sinneswahrnehmungen können schwer subjektiv verfälscht sein. Wie schnell sich ein Auto vor dem Unfall bewegt hat, welchen Gesichtsausdruck jemand in einer bestimmten Situation hatte, wie lange eine kritische Situation bestand und vieles mehr erscheint im Rückblick oft ganz anders als es sich tatsächlich verhielt, was beispielsweise durch Videoaufnahmen, Dokumente oder auch die übereinstimmenden Wahrnehmungen zahlreicher anderer Personen oft beweisbar ist. Dennoch fällt es vielen Personen sehr schwer, die tatsächliche, d.h. objektiv andere als selbst wahrgenommene Wirklichkeit anzuerkennen. Das erfordert viel Training, auch der eigenen Resilienz, wenn in solchen Situationen das Selbstbewusstsein ins Wanken gerät.

Welche psychologische 'Rendite' kann ich infolge eines solchen autotherapeutischen Programms versprechen? Nun, wer sich in dieser Disziplin übt, wird sehr wahrscheinlich (a) toleranter gegenüber seinen Mitmenschen, (b) allgemein ein freundlicherer Zeitgenosse, (c) in vielen Problemfällen sehr viel schneller und erfolgreicher ihre Lösung finden und auf diese Weise ein rundum glücklicherer Menschen werden. Was will man mehr? (ws)

Frühere Leitartikel

Als eine sehr geschätzte menschliche Tugend sind Mut und Courage inhaltlich einander eng verwandt. Ihr praktischer Einsatz könnte aber nicht weiter auseinander liegen. Während Mut traditionell vor allem eher mit dem körperlichen Einsatz in gefährlichen Situationen assoziiert wird, beispielsweise im Militär, aber auch im unternehmerischen Bereich und im Sport, ist die (insbesondere zivile) Courage eher ein moralisch konnotierter Wert. Nun kann man fragen, ob es allgemeine Kriterien gibt, nach denen sich der Sinn und das Maß für mutiges und/oder couragiertes Verhalten beurteilen lässt. Ich meine, dass dies tatsächlich bestimmbar ist.

Wenn es ein Wort gibt, an dessen Bedeutungswandel sich der Wandel der Zeiten zumindest in Deutschland ablesen lässt, dann ist es das Wort 'Gehorsam'. Bis zum Ende des deutschen Kaiserreichs (und dann noch einmal und noch extremer unter den Nazis) war der Spruch "Gehorsam, Treue, Tapferkeit ist Deutschlands Söhnen Ehrenkleid" common sense. Heute hat 'Gehorsam' bestenfalls noch in religiösen Zusammenhängen gegenüber dem jeweiligen Gott einen positiven Klang, der aber auch ständig blasser wird. Darüber hinaus verbinden wir mit 'Gehorsam' eher Bedeutungen wie 'Unterwerfung', 'Zwang', 'Fremdbestimmung', 'Tyrannei', 'Strafe' und ähnliches. Was aber lässt sich jenseits solcher weltanschaulichen Moden über den Gehorsam sagen?

Der nationalistische Identitätswahn, der insbesondere in autoritären Staaten wie Russland und China, gepflegt wird, ist nicht nur eine Bedrohung für den Weltfrieden. Denn die Führungskader solcher Staaten sehen jegliche Art von Aggression durch die Brille ihrer Identitätsnarrative als gerechtfertigt an. Solche Selbstbeschreibungen sind mit dem Konzept der Allgemeinen Menschenrechte unvereinbar. Der Artikel stellt den ideengeschichtlichen Zusammenhang zwischen zwei modernen Fassungen beider Richtungen her, nämlich zwischen dem faschistischen Menschenbild von Carl Schmitt und der modernen Konzeption der Menschenrechte, wie sie in vielen Dokumenten bereits völkerrechtlich verbrieft ist.

Für die Kreiszahl Pi wurde in den letzte Tagen durch einen Supercomputer bei Goolge die Hundertbillionste Nachkommastelle errechnet, siehe hier. Es ist eine 2, leider.  Warum das ein Problem sein könnte, erfahren Sie hier.

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Wie kommt es, dass über eine Milliarde Menschen auf der Erde an eine Figur als ihr Erlöser glauben, deren historische Existenz nichts von diesem Glauben rechtfertigt und deren Rolle in einer religiösen Lehre vor allem durch krasse Widersprüchlichkeit auffällt? Dieser Beitrag versucht eine Antwort zu geben, die zugleich kritisch und empathisch ist.