Toleranz: Wie entsteht sie überhaupt?

Die vier Tetrachen (Ausschnitt: Diocletian und Maximus): Porphyr, ca. 305 a.D.
Die vier Tetrachen (Ausschnitt: Diocletian und Maximus): Porphyr, ca. 305 a.D.

Minimal: Nur die Duldung des Feindes

Wenn wir heute von Toleranz sprechen und diese als Option zur Lösung dauerhafter, vor allem ideologischer Konflikte vorschlagen, so ist häufig nicht ganz klar, was für eine Einstellung oder Geisteshaltung damit überhaupt gemeint ist, bzw. wie man Toleranz produzieren kann. Bei Wikipedia heißt es einführend zum Begriff der Toleranz deshalb auch etwas vage: "Toleranz, auch Duldsamkeit, ist allgemein ein Geltenlassen und Gewährenlassen anderer oder fremder Überzeugungen, Handlungsweisen und Sitten. Umgangssprachlich ist damit heute häufig auch die Anerkennung einer Gleichberechtigung gemeint, die jedoch über den eigentlichen Begriff ('Duldung') hinausgeht." Wir haben es also im schwächsten Falle der Toleranz lediglich mit einer Duldung Andersdenkender oder Andershandelnder zu tun, im stärksten oder besten Falle mit etwas, was man als 'Anerkennung' des Anderen bezeichnen kann.

Schauen wir uns zwei große historische Beispiele der Entstehung von Toleranz an, die dieses Wort sogar im Namen tragen, nämlich a) das Toleranzedikt des römischen Kaisers Galerius aus dem Jahr 311 und b) eines der so genannten Toleranzedikte nach dem 30jährigen Krieg: Das Brandenburgische Toleranzedikt vom 16. September 1664 durch den Kurfürsten Friedrich Wilhelm I. Ersteres, also das Edikt von Galerius, hatte folgenden Wortlaut:

Galerius und die Christen: Keine Liebe, aber Duldung

„Neben dem übrigen, was wir zum Wohle und Nutzen des Staates angeordnet hatten, wollten wir bislang alles gemäß den alten Gesetzen und der öffentlichen Ordnung der Römer verbessern und dafür sorgen, dass auch die Christen, die die Lehre ihrer Vorfahren verlassen hatten, zur Vernunft zurückkehrten. Denn aus irgendeinem Grund hatte diese Christen ein solcher Eigenwille und eine solche Dummheit ergriffen, dass sie den Einrichtungen der Alten nicht mehr folgten, die möglicherweise ihre eigenen Vorfahren eingeführt hatten, sondern sich nach ihrem eigenen Willen und nach Belieben Gesetze gaben, um sie zu befolgen, und in verschiedenen Gegenden verschiedene Völker zu einer Gemeinschaft zusammenbrachten. Als wir schließlich befohlen hatten, dass sie zu den Einrichtungen der Alten zurückkehren sollten, wurden viele von ihnen in Gerichtsprozesse verwickelt, viele wurden auch vertrieben. Und da die meisten auf ihrem Vorsatz bestanden und wir sahen, dass sie weder den Göttern die angemessene Verehrung zukommen ließen, noch den Gott der Christen verehrten, so haben wir es in unserer außerordentlichen Milde und beständigen Gewohnheit, sämtlichen Menschen zu verzeihen, für notwendig gehalten, auch diesen unsere freimütigste Nachsicht zu gewähren, damit sie wieder Christen sein und ihre Versammlungsstätten wieder aufbauen könnten, allerdings so, dass sie nichts gegen die öffentliche Ordnung unternehmen. Durch ein anderes Schreiben aber werden wir den Gerichtsbeamten mitteilen, was sie zu beachten haben. Daher wird es unserer Nachsicht entsprechend die Pflicht der Christen sein, zu ihrem Gott für unser Wohl, für das Wohl des Staates und für ihr eigenes zu beten, damit der Staat in jeder Hinsicht vor Schaden bewahrt bleibt und sie sicher in ihren Wohnungen leben können.“ (Laktanz: De mortibus persecutorum, 34)

Das brandenburgische Toleranzedikt, ca. 1.300 Jahre später in durchaus ähnlicher Absicht erlassen, sollte den fortgesetzten Unfrieden zwischen den verschiedenen protestantischen Sekten beenden, die einander häufig stärker bekämpften als die alte Katholische Kirche. Beide Edikte, also das römische und das brandenburgische, bezogen sich auf ideologische Spannungen, die hochgradig friedensgefährdend waren und deshalb per hoheitlich-autoritativem Erlass gemildert werden mussten. Eine solche Art von Toleranz ist freilich nicht mehr als ein verordneter ideologischer Waffenstillstand. Sie resultiert lediglich aus der Einsicht entweder der Parteien selbst oder einer ihnen übergeordneten Autorität, dass keiner der Gegner sich auf absehbare Zeit durchsetzen kann. Die Duldung des Widerspruchs ist folglich die einzige Möglichkeit zur Verhinderung einer destruktiven Abwärtsspirale. Diesem Begriffsverständnis zufolge wäre sogar noch der sog. Kalte Krieg ein Höhepunkt der Toleranz. Denn durch das Gleichgewicht der atomaren Vernichtungskräfte zwischen den USA und der Sowjetunion kam es immerhin zu einer weltpolitischen Stabilität. Mit Toleranz im psychologisch engeren Sinne hat eine solche Nur-Duldung des eigentlich verhassten ideologischen Gegners allerdings nichts zu tun. Insofern ist der vage Wikipedia-Hinweis auf "Anerkennung einer Gleichberechtigung" ein Wink in eine andere Verständnisrichtung. Was aber kann Anerkennung aus der Perspektive von Toleranz bedeuten? Wie kann man etwas anerkennen, was man eigentlich ablehnt?

Anerkennung als Ausgangspunkt einer anderen Form von Toleranz

Der Begriff der Anerkennung hat seit Hegel in seiner 'Phänomenologie des Geistes', hierin anschließend an Fichte, auch eine inzwischen recht lange philosophische Tradition, die heute in der sozialphilosophischen Strömung des Kommunitarismus einen modernen und praktischn Ausdruck erfahren hat. Während aber bei Fichte und Hegel die Anerkennung noch Lösung eines Spannungsverhältnisses zwischen Ich und Nicht-Ich (Fichte) bzw. Ich und Gesellschaft (Hegel) ist, sehen bekannte Kommunitaristen wie Axel Honneth und Charles Taylor den Schwerpunkt eher auf dem Anerkennungsbedürfnis des Einzelnen in seiner sozialen Umgebung. Dies wiederum erschließt uns eine ganz andere Quelle zur Toleranz als nur die unfreiwillige Duldung des ewigen Gegners aus der Unfähigkeit, ihn zu vernichten.

Wie aber kann die psychologische bzw. mikrosoziologische Entstehung eines solchen 'positiven' Toleranzverhältnisses vor sich gehen? Ich denke, dass wir solche Entstehungssituationen alle schon erlebt haben. Sie sind also im Grunde gar nichts Besonderes. Ausgangspunkt ist in solchen Fällen die Entstehung oder Fortschreibung einer ganz persönlichen Beziehung zwischen einzelnen Menschen. Diese sind die unverzichtbare Basis aller unserer sozialen Erfahrung und des daraus resultierenden individuellen Menschenbildes. Nun geschieht es nicht selten, dass man jemanden mag, d.h. insgesamt sympathisch und auch interessant findet, obwohl wir bei näherem Hinschauen an der jeweiligen Person Dinge bemerken, die wir mindestens seltsam finden oder gar rundweg ablehnen. Dies kann der Kleidungsstil, die Redeweise, bestimmte Konsumgewohnheiten oder - und da wird es im Hinblick auf die Toleranz schon kritischer - die ideologische Positionierung der anderen Person sein. Nehmen wir nun an, dass die Aspekte der anderen Person, die uns nicht gefallen oder sogar abstoßen, insgesamt aber deutlich schwächer auf uns wirken als deren positive Erscheinungsmerkmale, woraus auch immer diese bestehen mögen.

In solchen Fällen werden bis zu einem gewissen Grade geneigt sein, die von uns abgelehnten Eigenschaften der anderen Person zunächst einfach hinzunehmen. Dies entspricht zwar nur der Duldung im oben beschriebenen, schwachen Sinne von Toleranz. Wenn wir unsere Beziehung zu dieser anderen Person in der Folgezeit aber pflegen und ausbauen, so werden wir immer mehr Einzelheiten zu ihrer Gesamtpersönlichkeit erfahren und dabei spüren, wie die von uns abgelehnten Teile an ihr langsam verständlicher werden, sich uns vielleicht sogar zwingend aus ihrer Biographie und ihren konkreten Lebensumständen ergeben. Wir werden diese kritischen Aspekte zwar immer noch ablehnen, nun aber nicht mehr mit einer inneren Geste der Verachtung und Überhebung, sondern mit etwas mehr Nachdenklichkeit a) über den Geltungsanspruch unsere eigenen, anderen Position und b) über die Möglichkeit, die Auseinandersetzung über die strittigen Punkte der Beziehung mit anderen Mitteln als nur reiner Feindseligkeit und Ablehnung zu führen.

Die Arbeit an sich selbst, die Arbeit am Anderen

Damit aber haben wir bereits das Beziehungsstadium der Anerkennung erreicht: Es verlangt keineswegs, alles das am anderen "schon ok" zu finden, was wir normalerweise nie akzeptieren würden. Damit würden wir uns in starken Widerspruch zu uns selbst setzen, was wir normalerweise zu vermeiden versuchen. Anerkennung heißt hier also lediglich, dass unsere grundsätzlich positive Einstellung zum Anderen nicht verloren geht, nur weil uns bestimmte Merkmale an ihr oder ihm abstoßen. Im Ergebnis mögen wir sie trotzdem - überwiegend. Daraus wiederum folgt ein grundsätzlich anderes Verhalten im Umgang mit dem Nicht-Akzeptablen an ihr. Wir schieben sie nicht einfach beiseite in der Hoffnung, möglichst wenig von ihr zu bemerken. Wir haben schließlich ein überwiegend positives Beziehungsinteresse. Dies wiederum speist sich zu erheblichen Teilen aus dem gegenseitigen Anerkennungsbedürfnis. In einer solchen Situation werden wir also mit dem gebotenen Respekt vor der anderen Person eine Form der Auseinandersetzung suchen, die auch den Versuch der Annäherung in den kritischen Beziehungspunkten einschließt. Daraus muss keineswegs immer eine vollständige Auflösung des Konflikts resultieren. Aber immerhin ist die Grundlage eines solchen Umgangs miteinander damit bereits eine 'echte', weil eben nicht von fortbestehender Feindseligkeit geprägte Toleranz. Sie entspringt wiederum der überwiegende gegenseitigen Anerkennung und damit dem Verständnis der anderen Person in ihrer biographischen und aktuellen Lebenssituation. Wir anerkennen sie als andere: Ohne die Widersprüche zu verdrängen, wohlgemerkt, aber mit anderen Mitteln ihrer Bearbeitung. (ws)

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