Gerechtigkeit und (Un-)Gleichheit

Unser affekt geladenes Verhältnis zu Gerechtigkeit und Gleichheit
Unser affekt geladenes Verhältnis zu Gerechtigkeit und Gleichheit

Der Begriff der Gerechtigkeit ist unscharf. Klassisch wird zwischen (materieller) Verteilungsgerechtigkeit, (politischer) Teilhabegerechtigkeit und (moralischer) Strafgerechtigkeit unterschieden, ergänzt um die weitere Dimension möglicher und tatsächlicher Gerechtigkeit (aka Chancen- bzw. Ergebnisgerechtigkeit). Regelmäßig geringe Beachtung findet im Diskurs über Gerechtigkeit hingegen der Umstand, dass Gerechtigkeit keineswegs nur auf den Ausgleich von Unterschieden in ihren jeweiligen Sparten abzielt. So wird der Begriff der Gerechtigkeit heute zwar meistens behandelt. Dies kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass dies in früheren Zeiten keineswegs ein analytischer (selbstverständlicher) Bestandteil des Gerechtigkeitsbegriffs war, noch wird heute in gebührender Weise darüber nachgedacht, ob Gerechtigkeit nicht gleichermaßen mit der Ungleichheit wie mit der Gleichheit von Menschen verknüpft ist.

Gerechtigkeit und Gleichheit: Bitte keine vorschnelle Verwechslung

Dies ist für sich gesehen noch kein neoliberalistischer Einwand à la Karl Popper, Friedrich August von Hayek, Milton Friedman und anderen. Ich mache weder geltend, dass Menschen von Natur aus ungleich seien (daraus folgt nämlich kein normatives Streben nach Ungleichheit), noch behaupte ich, dass Menschen in Faulheit und Lethargie verfallen, amputierte man den Anreiz zum Bessersein gegenüber seinem Mitmenschen ethisch oder gar gesetzlich - und Ungleichheit folglich dem gesellschaftlichen Fortschritt diene. Ich argumentiere rein begrifflich.

Der Begriff der Gerechtigkeit rekurriert zunächst allein auf die Richtigkeit sozialer Verhältnisse, wie immer man diese formuliert. Was hier nun richtig sei, gibt Anlass zum Streit, solange Menschen über die Gestaltung ihres Zusammenlebens nachdenken. Mit einer Gleichheit der Verhältnisse in allen denkbaren Ausgleichskategorien hat das vorderhand noch nichts zu tun. Allerdings hören angeblich bereits Hunde, die aufs Pfötchengeben ohne Gegenleistung traniert wurden, sofort mit dieser Freundlichkeit auf, sobald neben ihnen ein anderer Hund auftaucht, der sein Pfötchen nur nach Erhalt einer leckeren Gegenleistung gibt. Ein Gerechtigkeitsempfinden, das mit Gleichbehandlungsansprüche einhergeht, scheint also noch nicht einmal spezifisch menschlich zu sein.

Nun ist allerdings schwer zu leugnen, dass dem Streben nach Gleichstellung ein umgekehrtes nach Besserstellung gegenüber den Zeitgenossen entspricht. Das muss nicht immer aktiv sein und sollte auch nicht zum sozialdarwinistischen Ideologem eines totalen Überlebenskampfes zwischen den Menschen erhöht werden. Es hilft umgekehrt wenig zu behaupten, dass dieser Drang nach Besserstellung nur eine Art Charakterfehler sei, z.B. in Gestalt von Eitelkeit, Habgier oder Machtgeilheit, den es folglich zu bekämpfen gälte. Schon aus dem Bedürfnis des Menschen nach sozialer Anerkennung folgt nämlich ein solcher Wunsch nach Besserstellung, insofern soziale Anerkennung nur diejenigen erhalten, die sich vom Durchschnitt ihrer Umgebung auf erkennbare Weise positiv abheben. Selbst ein Kommunitarist wie Axel Honneth wird also nicht leugnen können, dass der von ihm überall entdeckte 'Kampf um Anerkennung' in nicht unwesentlichen Stücken auch ein Kampf um Ungleichheit ist.

Über die Notwendigkeit gewisser Spannungen

Gerechtigkeit, so wichtig sie für den sozialen Frieden ist, sollte also nicht auf den angeblich psychologisch und sozial dominanten Wunsch nach allseitiger Gleichheit der Menschen reduziert werden. Sofern es diesen Wunsch überhaupt gibt, wäre er vermutlich immer gleich stark wie der komplementäre Wunsch nach Ungleichheit, nur dass beide, einander ausschließende Wünsche im konkreten Fall nicht von ein und derselben Person erhoben werden können. Daraus folgt wiederum, dass dem Begriff der Gerechtigkeit eine unvermeidliche gesellschaftliche Spannung zugrunde liegt: Was die/der eine an Ausgleich von Ungleichheit will, will die/der andere als Aufrechterhaltung der Ungleichheit. Den Wunsch nach Gleichheit aufzugeben würde folglich erfordern, gleichzeitig auch den Wunsch nach Ungleichheit zu beseitigen. Damit würde einer Gesellschaft aber einer der Kerne aller sozialer Wechselwirkung entzogen und damit ihre Kohäsion empfindlich geschwächt; wir würden alle zu Zombies degenerieren. Die Lösung dieses dialektischen Rätsels liegt folglich im richtigen Verhältnis von Gleichheit und Ungleichheit, und damit - im sozialpsychologischen Sinne vorangehend - im dynamischen Gleichgewicht der beiden gegenläufigen Strebungen.

Was folgt nun daraus? Sicherlich kein Ruf nach umstürzender revolutionärer Neugestaltung unserer Gesellschaft. Denn die meisten Kulturen und ihre Gesellschaften der heutigen Welt haben längst verinnerlicht, dass ein Revolutionär, der behauptet, einen neuen Menschen schaffen zu müssen und deshalb auch zu können, niemals imstande sein wird, sein Versprechen zu erfüllen. Meist versteckt sich hinter solchen Ansätzen nur krude Gewaltgläubigkeit. Wohl aber folgt aus der Einsicht des dynamischen Wechselverhältnisses von Gleichheit und Ungleichheit ein veränderter Begriff der Gerechtigkeit. Die gerechteste Gesellschaft wäre dann nämlich jene, die Vorkehrungen trifft und aufrecht erhält, dieses dynamische Wechselspiel so zu gestalten, dass die Zufriedenheit ihrer Mitglieder sich in einem Pareto-Gleichgewicht befindet, was den Wunsch nach Gleichheit und Ungleichheit angeht. Weil es sich hierbei aber um ein fundamentales Merkmal von Gesellschaftlichkeit überhaupt handelt, lässt sich wohl behaupten, dass ein solcher Maßstab ein veritabler soziale Glücksmesser wäre. Dieser müsste allerdings um operabel zu sein, auf konkret messbare Faktoren heruntergebrochen werden. Es wäre eine interessante Aufgabe für die mit solchen Dingen befassten Institutionen, solche Kriterien zu formulieren. (ws)

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