Drei Fragen, grundsätzlich

Lacan würde vielleicht sagen: "Il y a le petit objet 'a'!"
Lacan würde vielleicht sagen: "Il y a le petit objet 'a'!"

Zunächst einmal...

Es gibt drei grundsätzliche Fragen, die symbolisch agierende Wesen gerne beantwortet hätten, die aber vermutlich auf absehbare Zeit nicht abschließend beantwortet werden können:

  1. Wieso gibt es das alles: das Universum, die Erde, die menschliche Welt?
  2. Wie verhält sich die Bestimmtheit der Welt (ihre Bedingtheit, Determination, Regeln) zur strukturellen Entwicklungsfreiheit der Dinge und der Menschen?
  3. Hat die Welt einen immanenten Sinn (einen Zweck, ein Ziel, eine Bestimmung)?

Alle drei Fragen scheinen zunächst und unweigerlich auf einen religiösen Bezug hinzudeuten. So jedenfalls haben Menschen praktisch aller Kulturen und Zeiten versucht, ihnen beizukommen. Dem will ich nicht grundsätzlich widersprechen, meine allerdings, dass methodisch dabei nicht viel herauskommen wird außer einer Menge ritueller Vorschriften und sozialer Abgrenzung von Andersgläubigen. Viele Menschen finden auch Trost in der Vorstellung, ein Gott (oder mehrere, gar viele) wache über ihr Wohl.

Leider hat auch diese Vorstellung, wenn überhaupt, bestenfalls psychologische Vorteile für den, der sie hegt. Immerhin sollen religiöse Menschen ja im Allgemeinen zufriedener sein und sogar länger leben als Ungläubige. Von kollektiver religiöser Gewalt nicht nur im christlichen Mittelalter, sondern auch in den evangelikalen USA, dem islamistischen Nahen Osten und bei den "friedlichen" Buddhisten z.B. in Myanmar sollte dann aber auch gesprochen werden. Am unplausibelsten von allen Gottesvorstellungen ist allerdings jene, die davon ausgeht, dass es eine überirdische personale Autorität gibt im Sinne des jüdischen, christlichen oder islamischen Gottes, die jeden einzelnen Menschen genau beobachtet, wie er sich benimmt und irgendwann für ihr bzw. sein Verhalten belohnt oder bestraft. Es gibt leider nicht den geringsten Hinweis auf die Existenz einer solchen Gottesperson - außer eben, dass einige Menschen felsenfest an ihn glauben. Befragt, warum sie das tun, können sie allerdings auch nicht mehr sagen als, nun ja, dass sie eben an ihn glauben. Ok.

"Wenn's der Wahrheitsfindung dient"

Eine Metafrage, sozusagen allen dreien der vorgenannten Grundfragen vorausgehend, ist es zu fragen, warum wir diese Dinge überhaupt wissen wollen. Ist das nicht wirklich überflüssig? Ich meine: Was bewegt man in der Wirklichkeit unserer Welt, wenn man sich mit diesen Fragen beschäftigt? Glaubt jemand im Ernst, sie abschließend beantworten zu können? Wohl eher nicht. Es gibt allerdings Gewohnheiten - und das Stellen der oben genannten Grundfragen scheint deutlich mehr als nur eine "Gewohnheit" zu sein - die sich die Menschen einfach nicht verkneifen können.

Dennoch sollte man nicht darauf verzichten, solche Fragen ab und zu herauszufordern, so wie es Fritz Teufel Ende 1967 im Gerichtssaal des Moabiter Kriminalgerichts mit einer Gegenfrage tat. Der Polizist Heinz Kurras, der mutmaßliche Ohnesorg-Mörder, war kurz zuvor frei gesprochen worden, was einer der größten Skandale der deutschen Strafjustiz bleibt. Über Fritz Teufel berichtete der Berliner Tagesspiegel: "Am ersten Verhandlungstag las er [Teufe] in der Mittagspause im Gerichtssaal Zeitung. Als die Richter in den Saal zurückkamen, erhoben sich alle, nur der [wegen schweren Landesfriedensbruchs] Angeklagte nicht. Nach mehreren Ermahnungen, dem preußischen Gewohnheitsrecht Folge zu leisten, sagte Teufel: 'Wenn's der Wahrheitsfindung dient.' Und stand auf. Am 1. Dezember wurde der Haftbefehl [gegen ihn] aufgehoben. Teufel in Freiheit trug einen Adventskranz mit brennenden Kerzen auf dem Kopf, den seine Genossen mitgebracht hatten. Am 22. Dezember verkündete das Gericht nach neun Verhandlungstagen das Urteil: Freispruch." Immerhin.

Aber dient es der Findung irgendeiner Wahrheit, auf die oben genannten Grundfragen zu insistieren? Wohl eher nicht. Warum aber dann das nun schon Jahrtausende währende Nachdenken darüber? Die Antwort könnte lauten: Weil Menschen keine Tiere sind, d.h. weil Menschen ihre hart verdrahteten Verhaltenssteuerungen im Laufe der Jahrmillionen verloren haben, vulgo: Weil ihnen Instinkte weitgehend abhanden gekommen sind. Sie müssen jetzt also mit Bedeutungen leben, und zwar mit Bedeutungen auf symbolischer Ebene. Für Tiere haben die Dinge ja auch Bedeutung, z.B. der Nahrung, der Gefahr, der Fortpflanzungsmöglichkeit etc. Aber das ist doch etwas anderes als die Frage: 'Was bedeutet das alles?'.

Wahrheit auf dem Prüfstand: Einmal anders

Thomas Nagel meinte vor einiger Zeit in seinem Buch Der Blick von nirgendwo, es habe keinen Sinn, Fragen zu stellen, in denen sich der Fragende offensichtlich so stelle, als würde er die Welt wie ein Gott von außerhalb betrachten. Wir seien nun mal keine Götter. Darauf fällt mir allerdings nur die lakonische Antwort ein: 'Aber wir haben die Götter erfunden!'. Und eine seit der europäischen Aufkärung relativ neue Wendung im Umgang mit den selbsterfundenen Göttern ist es, sich selbst zum Gott zu erklären, sei es als durchgeknallter Despot oder gleich per Update der ganzen Spezies Mensch, wie es Hegel (indirekt, aber doch deutlich) tat.

Nietzsche antwortete auf diese Frechheit mit einer noch größeren in der Nr. 125 seiner Fröhlichen Wissenschaft: "Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet!" Das ist allerdings eine asymmetrische Antwort auf die ursprüngliche Selbstermächtigung des Menschen, denn eine Erfindung kann man nicht töten, und sie lässt sich auch gar nicht töten, wenn die Menschen, die sie toll finden, einfach weiter toll finden. Außerdem zeigt Nietzsche gerade an dieser Stelle eine gewisse, für ihn ansonsten untypische Unsicherheit. Wieso muss er betonen, dass Gott tot bleibt? Wenn gewöhnliche Lebewesen sterben, kommt niemand auf die Idee zu betonen, dass sie tot bleiben werden. Nietzsche ahnte, dass sein Spruch nicht so weit reicht, wie er gerne wollte.

Nicht gleich antworten, sondern weiterdenken

Nun also: Was fangen wir jetzt mit den drei obigen Grundfragen an, wenn sie sich weder beanworten noch abschaffen lassen? Sollen wir uns wie Fritz Teufel seinerzeit über die Richter einfach darüber lustig machen? Das kann man machen, bringt aber nichts. Ich schlage vor: Betrachten wir sie als Ausdruck einer extrem kreativen Unsicherheit, die uns als Gemeinschaft der Menschen auf dieser Erde - so schwierig solche Universalismen auch immer sind - heimsucht, ob wir wollen oder nicht. Diese Fragen sind also keine normalen Fragen. Sie wollen und können nicht beantwortet werden. Sie dienen lediglich als unangenehmer Stachel der Bewusstwerdung, dass wir uns unserer Existenz nicht gewiss sind. Und deshalb müssen wir suchen: nach dem Grund für unser Dasein, nach dem Umfang unserer Freiheit und nach der Richtung, in der wir als unsere eigenen Götter gehen wollen/können/müssen.

Der höchste Imperativ, die letzte Verwantwortung liegt nicht in den Antworten auf diese Fragen, sondern darin, dass wir nicht aufhören, nach ihnen zu suchen. (ws)

Frühere Leitartikel

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