Der seltsame Hype um die Künstliche Intelligenz

AI ist nicht ganz so aufregend, findet Statista
AI ist nicht ganz so aufregend, findet Statista

Seit Jahren nun schon steigt die Aufregung: Die Über-Maschinen kommen über uns! Sie gesellen sich aber nicht nur einfach zu uns, das tun die Computer ja schon lange. Nein, sie drängeln sich mit ihrer Anbindung an algorithmisch hochfrisierte Rechenzentren in jeden Winkel unseres Lebens, schaffen es gar bis auf den Wohnzimmertisch und in die Nachttischlampe. "Igitt, wie schlimm!" schreien die einen, "Ihr seid meine Erlösung und die der ganzen Welt obendrein!" die anderen. Beide Auffassungen mitsamt ihrer nervigen emotionalen Begleitmusik sind einfach kindisch.

Des Kaisers neue Kleider

Die Realität schaut nüchterner aus. Richtig, die leistungsfähigsten Rechenkolosse der Welt schlagen inzwischen den besten Go-Spieler der Welt mit hundertprozentiger Gewissheit. Und Facebooks Gesichtserkennungssoftware ist so phänomenal, dass die Chinesen ganz neidisch sind, die totale Kontrolle über ihre 1 Mrd.+ Bevölkerung nicht schon flächendeckend mit solcher Software perfektionieren zu können. Auch das amerikanische und chinesische Militär, ganz zu schweigen von russischen und nordkoreanischen Counter-Intelligence-Zentralen, investieren unter Hochdruck in neueste AI-Kampf- und Subversionstechnik, um im Ernstfall - am besten präventiv ab sofort - alles zu wissen und steuern zu können, um möglichst ohne Einsatz realer Menschen beim jeweiligen Gegner maximalen Schaden anzurichten. Und dann sollten wir Google und Amazon nicht vergessen: Gegen ihre Ideen und Methoden, in unser Unbewusstes einzudringen und dort ohne die Möglichkeit bewusster Gegenwehr permanent den "Das kaufe ich!"-Knopf zu drücken, nehmen sich klassische psychologische Marketingtheorien wie trockene Brötchen von vorgestern aus.

All diese Beispiele scheinen zunächst den Warnern vor der Künstlichen Intelligenz in die Hände zu spielen. Deren teilweise hysterisch anmutendes Auftreten rechnet aber nicht mit einigen wichtigen Faktoren, die auch noch den gerissensten AI-Abenteurern einen Strich durch die Rechnung machen dürften:

  • Die menschliche Alltags-Schlauheit: Unter AI-Granden herrscht eine Kurzsichtigkeit, was den menschlichen Erfindungsgeist angeht - sie sehen immer nur ihren eigenen. Sie rechnen nicht damit, wie einfach sich schon häufig in der Geschichte unserer Spezies die Menschen dem ideologischen und/oder gewaltsamen Zugriff der jeweils Herrschenden entzogen haben. Marketing- und andere Subversionstechniken verlieren praktisch sofort ihre Wirkung, sobald die Empfänger lernen, wie sie damit eingefangen werden sollen. Wunderbar.

  • Die Konkurrenz von Staaten und privater Wirtschaft: Wie man bereits mit Vergnügen an dem Hin und Her zwischen König Ubu-Trump und den großen amerikanischen Tech-Konzernen sehen konnte, verträgt sich staatliche-totaler Kontroll-Größenwahn fast nie mit privatwirtschaftischem Profitmaximierungswahn. Beides sind schwere soziale Pathologien, ohne Zweifel. Sie passen aber nicht gut zueinander, weil sie finden, dass der jeweils andere ihre eigenen Interessen massiv stört. Während beide Sphären wie eine Horde wild gewordener Don Quijotes um die Weltherrschaft kämpfen, sollten die übrigen Menschen es sich noch eine Weile gut gehen lassen.

  • Das Stasi-Phänomen: Die Welt ist überkomplex. Das heißt, sie hat immer noch ein paar Trümpfe des absolut Unerwarteten in der Hinterhand, wenn die großen Player schon richtig im Siegestaumel sind. Das brachte letztlich auch die Stasi zu Fall: Sie sammelte Daten wie verrückt, aber leider wusste sie selber damit nicht wirklich viel anzufangen. Den Fall der Mauer hat sie jedenfalls weder vorausgesehen und noch viel weniger verhindern können. Auch die tollsten AI-Programme sind bisher daran gescheitert, selbst noch die primitivsten Wahlergebnisse z.B. des Vorstands in einem Fußballverein, geschweige denn auf politischer Ebene, besser als entsprechende menschliche Fachkräfte zu prognostizieren. Arme Stasi! Arme NSA!

  • Die Hydra der Wechselwirkungen: Der mit geradezu irrem Mitteleinsatz immer weiter vorangetriebene Ausbau von Börsenhandels-Hochgeschwindigkeitsnetzen, bei dem es zwischen den großen Konkurrenten mittlweile um Zeitvorteile im Bereich von Zehntausendstel-Sekunden geht, ist vor allem deshalb so frustrierend für die Teilnehmer, weil jeder noch so schwer erkaufte Vorteil bereits binnen Monatsfrist wieder verloren ist. Obendrein ergeben sich in solchen elektronischen Handelsnetzen zunehmend unvorhersehbare Wechselwirkungen, deren Unbeherrschbakeit parallel zur Geschwindigkeit des Handels ebenfalls wächst. Pech auch, ihr Investmentbanker.

  • Die Schwäche der dahinter wabernden Wettbewerbs-Ideologie: Der eigentliche Motor hinter all der hier erwähnten Überwältigungs-Intelligenz ist das menschliche Konkurrenzstreben. Ließe dieses auch nur geringfügig nach, würden die Menschen plötzlich merken, wie anstrengend ihr Leben unter der Knute dieses Wahns ist, weil ihrer Anstrengung gar keine entsprechende Belohnungschance gegenübersteht. Künstliche Intelligenz, so wie sie zur Zeit auf der Welt gefeiert wird, ist vor allem eine gigantische Überbietungsanstrengung. Die Ursprünge dieser mittlerweile weltweiten ideologischen Seltbstknechtung reichen weit zurück in die Vergangenheit. Schuld ist vermutlich das europäische Abendland; man lese den Bericht des Thukydides über die athenische Anmaßung in den Peleponnesischen Kriegen. Die Europäer haben daraus offensichtlich nicht nur wenig gelernt, sondern es obendrein sogar geschafft, die gesamte übrige Menschheit in jenen unendlichen Strudel des Besser- und Mächtiger-Seins als alle anderen hineinzureißen. Na toll. Aber vielleicht lässt dieser Wahn ja auch irgendwann wieder nach. Hoffen wir's.

Bitte die Sitzplätze wieder einnehmen und sich beruhigen

All diese Aspekte sollten beide Seiten des Kampfes um die Künstliche Intelligenz etwas beruhigen helfen. Weder steht der Weltuntergang bevor, noch kommt der wiedergeborene Heiland in Gestalt eines neuartigen Rechenzentrums gerade zu uns hernieder. Die Erlösung liegt vermutlich ganz woanders, nämlich in der Besinnung, und in der Kultivierung von Orten und Gelegenheiten, wo die Menschen nach all ihrer Ablenkung durch soziale Medien und Aufregung wieder zu sich, und das heißt: zur Besinnung kommen können.

Und dann sind da noch die erwachsenen Kleinkinder, die meinen, die richtig gute künstliche Intelligenz käme irgendwann als eine Art nachgebauter Mensch zu ihrer Wohnungstür hereinspaziert. Seltsam. Mag ja sein, dass man als alter Mensch in Japan inzwischen bereits froh ist, wenn man wenigstens mit einem Pflegeroboter reden kann. Die Japaner sind ja auch die Weltmeister der künstlichen Sexualität. Mir kam zu Ohren, dass die bekannten und ein wenig tumben Silikon-Frauen, mit denen nicht wenige Japaner bereits in eheähnlicher Gemeinschaft leben, bald durch elektrfizierte Modelle ersetzt werden sollen, die beim Sex sogar das voreingestellte Stöhnprogramm absolvieren und ansonsten weiterhin brav ihre Klappe halten. Hm... ist das dann die Spitze der Künstlichen Intelligenz?

Mein Motto nach dieser etwas enttäuschenden Durchmusterung bisheriger Erfolge der Künstlichen Intelligenz lautet (frei nach Baudrillard): Lasst euch nicht verführen. Selber denken! MoMo.    (ws)

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Es folgt der gesamte, ungekürzte Text seines Aufsatzes aus dem Jahre 1911.

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