Philosophie?! Wozu das denn?

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Was sind und wie behandelt man, äh... philosophische Fragen?

Jene Tätigkeit, die die Menschen insbesondere der abendländischen Kultur als 'philosophieren' bezeichnen, wird seit über 2.000 Jahren mal feierlich, heute häufig eher abfällig betrachtet: Was soll das überhaupt? Gibt es nicht schon genug sogenannte Firmenphilosophien und ähnliche verbale Wucherungen? Was können wir heute überhaupt noch als 'eigentliche' oder 'echte' Philosophie bezeichnen, und welchen persönlichen oder gesellschaftlichen Nutzen hat ein solches Philosophieren jenseits akademischer Expertenwelten und ihrer Eitelkeiten?

Es gibt sie, diese eigentliche Philosophie. Der Weg dorthin ist allerdings mit Warnhinweisen gepflastert.

1. Warnung: Philosophie ist überwiegend ein westliches (abendländisches) Unternehmen

Philosophie als bestimmte Form des Denkens oder auch als bestimmte Form des kontemplativen Dialogs ist keineswegs ein feierliches, überzeitlich global-kulturelles Phänomen, gar eine Art anthropologischer Konstante. Im Gegenteil. Es scheint ein distinkt abendländisches Produkt zu sein, mit seinen Wurzeln aus vorangehenden, noch eher religiösen Formen der Weltbetrachtung tief im antiken Griechenland. In Indien, vollends in Ostasien (vor allem China) tut man sich bis heute schwer, die spezifischen Interessen und sehr zur Abstraktion neigenden Denkschemata zu verstehen, die in Europa unter dem Namen 'Philosophie' schon in der höheren Schulbildung den Élèven näher gebracht werden. Daraus folgt bereits eine erste Warnung an alle, die sich für Philosophie interessieren: Philosophie ist ein großenteils kulturspezifisches Phänomen. Ihre Ergebnisse können daher nicht einfach beanspruchen, universell gültig zu sein, auch wenn es dem jeweiligen Proponenten noch so zwingend und 'logisch' erscheint.

2. Warnung: Nur noch wenige Gegenstände des Denkens gehören wirklich in die Philosophie

Aber selbst in der Stammkultur der Philosophie, d.h. in allen Gesellschaften, die überwieged aus europäisch-abendländischen Wurzeln hervorgegangen sind, ist die alte Form des Philosophierens durch den Aufstieg nicht nur der Naturwissenschaften schwer in Bedrängnis geraten. Vor 2.000 Jahren war beinahe jede Form des allgemeinen Nachdenkens über die Welt gleich Philosophie. Heute fragen sich viele Menschen, unter anderem so hoch beachtete Naturwissenschaftler wie z.B. der 1988 verstorbene amerikanische Phyiker Richard Feynman, ob Philosophie nicht eher eine Art unordentliche, überflüssige Beschäftigung mit Dingen sei, die man besser mit empirischen und mathematischen Methoden angehen sollte. Das ist die zweite Warnung an alle, die sich für Philosophie interessieren: Im Vergleich zu früheren Jahrhunderten gibt es heute nur noch relativ wenige Gegenstände des Denkens, die man tatsächlich am besten auf philosophischem Wege angehen sollte.

3. Warnung: In der Philosophie gibt es keine endgültigen Antworten auf die immerselben Fragen

Und dann die ganzen 'Schulen', obsessiven Meinungsreiter und säkularen Missionare, die heute im Namen der Philosophie ihren Feldzug der Belehrung, Besserwisserei und des Rechthabens gegen ihre meist gelangweilte oder genervte Umgebung austragen: Sind das wirklich Philosophen? Womit hat das altehrwürdige Bemühen um ein ganzheitliches Verständnis der Welt diese Leute verdient? Niemand hat ihre Meinungen bestellt, und trotzdem können sie nicht aufhören uns zu bekehren. Diese Leute haben nicht verstanden, dass die Philosophie selbst in ihren angestammten kulturellen Landen einem weiteren Risiko ausgesetzt ist, das die meisten anderen, vor allem die sog. exakten Wissenschaften nicht kennen: Philosophie kommt in ihren Fragen nie zu einem endgültigen Ende. Keine Antwort auf eine philosophische Frage hatte je absoluten Bestand. Alles, was Philosophie als Ergebnis dem Publikum vorlegt, ist weiterhin fraglich und steht fast immer im Wettbewerb mit scharf konkurrierenden philosophischen Behauptungen, die nicht selten das glatte Gegenteil besagen. Was soll man nun davon halten? Als Mathematiker, als Logiker und in gewisser Weise noch als Naturwissenschaftler sind die Menschen unseres Kulturkreises daran gewöhnt, dass man sich auf gewissen Dinge verlassen kann: 2 + 2 = 4, oder auch: Eine Behauptung kann empirisch falsch, richtig oder noch nicht entschieden sein. Mehr Möglichkeiten scheint es nicht zu geben. Damit kommen wir zur dritten Warnung an alle, die sich mit Philosophie beschäftigen: Wer es nicht aushält, dass sich bestimmte Fragen einfach nicht abschließend beantworten lassen, sollte besser die Finger von der Philosophie lassen.

4. Warnung: Es gibt viele 'echte' und dennoch ziemlich schlechte Philosophen

Selbst, wenn man die vorstehenden drei Warnungen beachtet, gibt es noch ein viertes Risiko, das in der Vergangenheit schon viele aufrichtige philosophische Bemühungen nachgerade vollständig entwertet hat. Philosophie betreibt man nämlich durch den Austausch oder auch die Aneinanderreihung kohärenter Argumente. Dies ist eine Kunst, die leider nicht alle Menschen beherrschen, auch wenn sie sich darin häufig für Meister halten. Die Werke der Philosophie wimmeln nur so von logischen Fehlschlüssen, krassen Einseitigkeiten der herangezogenen, gerne auch abwegigen Beispiele mit Bezügen auf nicht existierende Welten, erfundene Wesen und unmögliche menschlichen Fähigkeiten. Ganze Epochen, beispielsweise die mittelalterliche Philosophie, verstrickten sich, trotz allen begrifflichen Scharfsinns, in ideologischen und empirischen Modellen, die bereits in der Nähe von Wahnvorstellungen liegen.

Niemand ist gegen Irrtümer gefeit, übrigens auch Naturwissenschaftler nicht; berühmt ist Einsteins trotziger Spruch "Gott würfelt nicht" als Antwort auf die sich verfestigende Kenntnis, dass die physische Welt auf der quantenmechanischen Ebene nur noch wahrscheinlichkeitsdeterminiert ist. Philosophen sind allerdings besonders irrtumsgefährdet, weil sie häufig in den Sumpf reinen Moralisierens oder die luftleeren Höhe bodenloser Spekulation geraten, ohne es zu merken. Also lautet die vierte Warnung: Seid bereit, ihr Philosophen, dass selbst eure innersten Überzeugungen sich noch zu euren Lebzeiten als groteske Irrtümer herausstellen!

Und doch: Ein Silberstreif am Horizont

Nach den vorstehenden Warnungen, die für Menschen, die einfach Lust am Reflektieren der Welt verspüren, wie strafende Stockschläge wirken müssen, gibt es aber immer noch gute Gründe zu philosophieren, und zwar ausdrücklich auch dann, wenn man die vorstehenden Warnungen sorgfältig beachtet.

Der erste und vielleicht wichtigste Grund ist, dass das Philosophieren eine sehr lustvolle Herausforderung sein kann. Aus dieser Perspektive betrachtet hat das Philosophieren etwas mit dem Spiel gemeinsam, und tatsächlich sind Philosophen nach meiner Erfahrung dann am fruchtbarsten, wenn sie spielerisch, d.h. unverbissen, locker und dennoch mit ernsthaftem Anspruch an die Gegenstände ihres Interesses herangehen. Mit Lust, aber ohne Obsession.

Der zweite und nicht minder wichtige Grund, sich das Philosophieren nicht ausreden zu lassen, ist: Die Philosophie mag nicht mehr für viele Fragen unseres Lebens zuständig sein. Aber die, für die sie tatsächlich und allein zuständig sind, gehören zu den wichtigsten Fragen unseres Lebens überhaupt. Dazu gehören solche Fragen wie: Welchen Sinn hat es eigentlich, zu leben, obwohl uns doch so viel Unangenehmens widerfährt? Wie kommt es, dass wir frei sein wollen und uns grundsätzlich auch als frei empfinden, obwohl so viele Naturwissenschaftler uns meinen beweisen zu können, dass wir 'in Wirklichkeit' nur biologische Automaten sind? Was heißt es und wie wichtig ist es mir und uns (als Gesellschaft), dass wir ein begründbar gutes Leben führen, also uns selbst und gegenseitig moralisch bewerten? Welchen Sinn hat es, über Gegenstände (z.B. ferne Galaxien oder mathematische Konstrukte, für die es keine Anwendung gibt) nachzudenken, auch wenn sich auf absehbare daraus kein Nutzen für die Menschen ergeben wird? - Dies sind genuin philosophische Gegenstände. Der Fragenkatalog ließe sich fortsetzen.

Und dann noch ein dritter und vielleicht im gesellschaftlichen Sinne besonders wichtiger Grund: Die fundamentalsten Vorstellungen, wie unser Zusammenleben gestaltet sein sollte, wurden von Philosophen geprägt. Auf der sozialen Ebene sind philosophische Ideen häufig um Größenordnungen mächtiger und historisch wirksamer als selbst die größten naturwissenschaftlichen Entdeckungen. Man denke an die ethischen Forderungen eines Karl Marx an eine gerechtere Welt oder an die bahnbrechenden logischen Grundlagen, die Aristoteles der Welt bescherte. Auch diese Liste ließe sich fortsetzen.

Es gibt also existenzielle, ethische und soziale Fragen, für die auch nach allem Fortschritt der Natur- und übrigen Geistes- bzw. Humanwissenschaften allein oder zumindest mit überwiegendem Geltungsanspruch die Philosophie zuständig ist. Deshalb - auch bei aller in jedem Falle angesagten Bescheidenheit - sage ich: Philosophen aller Herkunft und intellektuellen Interessen: Lasst euch nicht entmutigen! Es gibt sie, die philosophisch sinnvollen Fragen, auch wenn es auf sie wohl niemals eine endgültige Antwort geben wird.

(ws)

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