Was machen eigentlich Philosophen?

Sie versuchen (auch), die Welt zu verändern

Verbirgt sich hier ein philosophisches Modell?
Verbirgt sich hier ein philosophisches Modell?

In seiner 11. These über Feuerbach hinterließ uns Marx den bekannten Spruch: "Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kömmt drauf an, sie zu verändern." Das klingt so, als würden Philosoph*innen - etwas weniger vornehm ausgedrückt - nur schwatzen. Ist dieser implizite Vorwurf an "die Philosophen" gerechtfertigt?

Sehen wir einmal davon ab, dass Karl Marx von den meisten Menschen, die ihn kennen, ebenfalls als Philosoph betrachtet wird, er folglich eine Ausnahme seines eigenen Diktums sein müsste, damit der besagte Satz immer noch stimmt. Aber kann man zumindest im Allgemeinen sagen, dass Philosoph*innen die Welt nur verschieden interpretiert, sie aber nicht verändert haben? Tatsächlich trifft hier nicht nur die Philosoph*innen, sondern überhaupt alle Geistesarbeiter*innen eine Beweislast ihrer gesellschaftlichen Nützlichkeit, die sie z.B. gegenüber Physiker*innen, Ingenieur*innenen, Architekt*innen, Politiker*innen, Unternehmer*innen und ähnlichen Berufsgruppen schwer benachteiligt. Einstein hat zwar keine Halbleiterfabrik gebaut oder geleitet, als Physiker hat er aber infolge der technischen Anwendbarkeit seiner Forschungsergebnisse einen enormen materiellen Fußabdruck auf der Welt hinterlassen.

Philosophischer Mord und Totschlag

Karl Marx hat nun auch einen starken Abdruck hinterlassen, wenn auch auch eher einen grauenerregenden. Einer Schätzung Gunnar Heinsohns (ein inzwischen emeritierter Genozidforscher der Universität Bremen) zufolge sind infolge der Berufung auf die marxistische Philosophie im 20. Jahrhundert mehr als 90 Millionen Menschen einem politisch motivierten Tod zum Opfer gefallen, von der Sowjetzeit über China bis hin zu Pol Pot und weiteren, kleineren Massenmorden im Laufe dieses Jahrhunderts (G. Heinsohn: Warum Auschwitz? Hitlers Plan und die Ratlosigkeit der Nachwelt, Rowohlt 1995). Wenn es das ist, woran ein*e Philosoph*in gemessen werden will, würde ich von dem Rat des Herrn Karl Marx doch lieber Abstand nehmen. Wenn überhaupt, war er nicht nur eine Ausnahme in dem Sinne, die er selbst für sich beanspruchte, nämlich der Erste zu sein, der die Welt mit seiner Philosophie verändert. Vielmehr war er, selbst wenn man seine herausragende Wirkung anerkennt, doch wohl jemand, dem diese Art von Wirkung (nämlich die millionenfachen politischen Morde) nicht gerade zur Ehre gereicht, egal, ob er sie voraussehen konnte oder nicht.

Es kann also nicht um jede beliebige Wirkung gehen, die Philosophie haben sollte. Sie sollte aber auch nicht vollkommen wirkungslos sein, wie das Spielen einer Patience oder das Lösen von Kreuzworträtseln. Wie also kann Philosophie stattfinden, damit sie a) überhaupt eine gesellschaftliche Wirkung hat, gleichzeitig aber b) diese Wirkung zumindest überwiegend wahrscheinlich nicht in die massenhafte Gewalt führt?

Begriffe als Bausteine, Grammatik als Mörtel

Die Antwort lautet, kurz gesagt: Lasst uns Modelle bauen. Wenn Architekten ihrem künftigen Bauherrn ein Modell des zu errichtenden Bauwerks zeigen, verschaffen sie dem Betrachter (und sich selbst) die Möglichkeit einer vorgezogenen Reflexion auf das Kommende und damit die Möglichkeit von Korrekturen, bevor das Werk umgesetzt wird. Philosophische Modelle unterschieden sich aber auch noch von solchen materiellen Modellen. Philosophische Modelle arbeiten praktisch ausschließlich mit Begriffen, d.h. sie arbeiten vollständig im symbolischen Raum. Auch heute noch sehr bekannte philosophische Modelle wurden bereits in der griechischen und der chinesischen Antike entworfen. Demokrit behauptete beispielsweise, dass die (materielle) Welt aus an sich selbst gleichen Atomen zusammengesetzt sei. Konfuzius behauptete, dass die hierarchische Ordnung innerhalb der Familie das Vorbild jeglicher sozialen Ordnung sei und obendrein gottgegeben. Später behauptete Thomas Hobbes in der anbrechenden europäischen Neuzeit, dass menschliche Gesellschaft am besten als ein Vertrag zu verstehen sei, der als wichtigste Klausel den privaten Gewaltverzicht und die Delegation des Gewaltmonopols an einen Souverän (von ihm als absoluter Monarch gedacht) enthalte. Am Ende der Epoche der europäischen Aufklärung entwarf Immanuel Kant das Modell des Rechtsstaates, gefolgt vom Meister aller philosophischen Modellbauer, Hegel, der meinte, dass die Welt insgesamt ein sehr vornehmens Ziel habe, das von uns Menschen zu verwirklichen sei, nämlich zu sich selbst als dem Begriff der Welt zu kommen. Und dann Marx mit seiner These, dass alle Geschichte jene von Klassenkämpfen sei, gefolgt von seinem leider vollkommen unfertigen Modell einer kommunistischen Gesellschaft, von der er selbst nicht genau sagen konnte, wie sie eigentlich ausschauen würde.

Bereits dieser kurze Überblick zeigt, dass philosophische Modellbauerei nicht nur irgendeinen, sondern manchmal sogar einen enormen Einfluss auf den Lauf der Dinge haben kann. Demokits Atome sind heute bereits jedem Schulkind, zumindest als Begriff, geläufig. Konfuzius' Modell der idealen Gesellschaft ist noch heute im gesamten ostasiatischen Kulturraum dominant. Die bis heute nicht abreißende Flut der Bücher, die an das Hobbes'sche (und später Rousseau'sche) Modell des Gesellschaftsvertrages anschließt, ist unüberschaubar. Und wer an einem öffentlichen Amt interessiert ist, aber nicht für den Rechtsstaat im kantischen Sinne optiert, darf sich bestenfalls für einen Posten in irgendeiner Diktatur bewerben, so stark hat sich dieses Modell inzwischen durchgesetzt.

Beeindruckende Macht und verblüffender Unsinn

Gleichzeitig gilt es, mit einigen voreiligen Irrtümern aufzuräumen und keine überflüssigen Lobeshymnen auf modellbauende Philosoph*innen anzustimmen. Der 'Erfolg' eines philosophischen Modells, gemeint im Sinne seiner gesellschaftlichen Wirkung, kann positiv oder auch negativ sein, siehe Gunnar Heinsohns Rechenergebnis. Ferner haben oft nicht die klarsten und vernünftigsten Modelle den größten Erfolg, sondern häufig sogar die seltsam unklaren, mysteriösen und rätselhaften. Ein gutes Beispiel ist hier die christliche Dreifaltigkeitslehre, die ich nur als hypnotischen Angriff auf unser logisches Denkvermögen verstehen kann. Die protestantische Kirche calvinistischer Provenienz hat mit ihrem Modell der Prädestination des Menschen selbst noch diesen Unsinn übertroffen: Ihrer Lehre zufolge ist der Mensch vollkommen selbst für seine Erlösung vor dem Jüngsten Gericht verantwortlich, kann aber gar nichts dafür tun, denn gleichzeitig ist er wegen der sog. Erbsünde ohnehin zur Hölle verdammt; es liegt ausschließlich in Gottes allmächtiger Willkür, ob sie oder er vielleicht doch noch in den Himmel kommt. Das verstehe, wer will.

Philosophische (und theologische) Modellbauer*innen nehmen sich also Freiheiten heraus, die man bei Architeken oder Ingenieuren schlicht als Zumutung empfinden würde. In dieser Freiheit des philosophischen Modellbaus liegt, bei aller Gefahr des blanken Wahnsinns und der Anstiftung zur massenmaften Gewalt, dennoch ihre Potenz. Es zeigt sich hier (in der Sprache von Cornelius Castoriadis, einem französischen Psychoanalytiker und politischen Philosophen) ein "Magma" sprudelnder Ideen, das sich fortwährend entlädt und vielleicht auch entladen muss, wenn eine Gesellschaft nicht den Kältetod erleiden will. Andererseits lädt diese Freiheit tatsächlich zum Schwatzen ein, da hatte Karl Marx leider nicht ganz unrecht. Vieles, was sich heute als Philosophie geriert, ist nicht mehr als eine Übung im Ausdruck zeitgenössischer Befindlichkeiten. Dieser Verlust des Anspruchs an die Modellqualität dessen, was man als Philosoph*in äußert, findet sich leider auch und gerade in den höheren Rängen derzeit gefeierter Philosoph*innen, angefangen bei Peter Sloterdijk über Slavoj Žižek bis hin zu Jacques Rancière und Chantal Mouffe. Sie reden viel, aber... hm, sagen sie uns auch etwas? Oder wollen sie uns nur unterhalten?

Wer ist tatsächlich zum Modellbau in der Lage?

Philosophischer Modellbau ist also etwas anderes als Unterhaltungskunst oder Begriffszauberei. Philosophische Modelle sollen zwar möglichst unterhaltsam sein, das nützt ihrer Wahrnehmung. Aber sie sollten sich nicht in der Unterhaltsamkeit und schon gar nicht in der Wichtigtuerei ihrer Autoren erschöpfen. Das wäre dann doch eher unphilosophisch. Und so kann uns Karl Marx am Ende doch noch ein Vorbild sein, wenn auch nicht gerade in der physischen Wirkung, die er auf die Welt hatte: Bequem und unterhaltsam war er jedenfalls nicht. Und er hat - das muss man ihm lassen - die Diskussion über den Begriff der Gerechtigkeit auf eine nachhaltig andere, neue Ebene gehoben. Ehre, wem Ehre gebührt, für diesen Teil seines Modells jedenfalls. (ws)

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