Spieglein, Spieglein in der Hand

 

Äh... wer oder wo bin ich? (Félix Valloton: "La jeune fille au miroir", 1911)

Seit es den Spiegel gibt, schauen sich Menschen darin an, um zu erkennen, wer sie sind. Nun ist dies nicht etwa deshalb eine untaugliche Methode, etwas über sich zu erfahren, weil man besser seine soziale Umwelt als einen Spiegel daraufhin befragen sollte, wer man ist (und dabei immer auch ungefragt erfährt, wer man sein soll). Vielmehr ist die Selbstbefragung, wer man ist und wer man sein sollte oder sein will, durchaus der Kern aller menschlichen Freiheit. Nur ist gerade der Spiegel kein taugliches Werkzeug zur erfolgreichen Innenschau. Im Gegenteil: Er reduziert den Blick auf die Oberfläche unserer körperlichen Erscheinung, meist sogar auf das Gesicht. Damit bringt er uns um die Möglichkeit einer wirklichen, permanenten Selbsterzeugung und -fortschreibung. Auch die Introspektion, wie man die Innenschau philosophisch bezeichnet, ist dazu nur wie der Eingang in das Wunderland des Selbst. Denn die Innenschau suggeriert, dass es ein dort schon vorhandenes Selbst gibt, das man sozusagen aufheben und mitnehmen kann, wie ein Forscher, der in einer Höhle mit seiner Taschenlampe einen ungeheuer wertvollen Schatz entdeckt.

Zieht man die Forschungsreise so auf, gibt es jedoch nichts zu entdecken außer dem, was früher einmal von außen, aus unserer Umwelt, auf uns eindrang und im Verlauf unseres Lebens als unser Erfahrungsschatz nach innen in unser Gedächtnis verbracht wurde - zum großen Teil versteckt vor unserem bewussten Selbst. Genau darin liegt das Risiko einer falsch verstandenen Innenschau: Nur entdecken zu wollen, wer man sei, statt uns wie ein Bildhauer jeden Tag neu aus dem Marmor zu meißeln. Der dort vorgefundene Erfahrungsschatz ist dafür nur das Material, der Baustoff zur immer wieder zu aktualisierenden Selbstwerdung. Ohne diese Nutzung des Vergangenen zu Erzeugung des jetzigen Selbst ist der Schatz des Alten nur Gerümpel, unbrauchbares Zeug ohne Wert.

Warum Menschen keine Tiere sind

Der Mensch ist nicht nur ein Tier unter Tieren, die letztlich, sei es kooperativ oder aggressiv, nur an ihrem Überleben interessiert sind. Er ist, wenn er sich über eine wie irre wuchernde, um sich fressende, vollkommen unmoralische Natur erheben will - und das darf er, eben weil er dazu imstande ist, und sofern er dabei nicht alles zertrampelt, was ihm in den Weg kommt - ein stetiger symbolischer, nicht nur materieller Selbsterzeuger, ein Autopoiet über seine Körperlichkeit hinaus.

Wenn man also weder ständig in den physischen Spiegel an der Wand schauen sollte, noch nur auf die Reaktionen der Umwelt auf sich, und auch nicht nur mit geschlossenen Augen versuchen sollte, in sich hineinzuschauen, um zu erfahren, wer man ist, dann muss man zunächst neue Erfahrungen produzieren, nicht nur alte suchen. Man sollte das Alte zur Produktion des aktuellen Ich oder Selbst nutzen.

Nebenbei entkommen wir, die Menschen, auch nur so der fatalen Vorstellung, dass wir durch unsere körperliche Alterung immer weiter auf unseren endgültigen Verfall zusteuern. Martin Heidegger nannte das in seinem Buch Sein und Zeit das "Sein zum Tode". Oh, wie falsch hat er mit diesem leider so berühmten Slogan doch gelegen! Die hier beschriebene, permanente Selbsterzeugung ist das genaue Gegenteil, nämlich ein Sein zum immer möglichen Neuen, zu einer nie endenden Selbstgeburt. Die lustvollste Perspektive, um dies ganz real und emotional zu erleben, ist der tiefe Blick hinab in die eigene Kindheit und Jugend und dabei das Wiederaufwecken jener Vitalität, die schon alle jungen Pflanzen und Tiere ausströmen. Du bist so jung, wie es dir deine eigenen Vorstellungen ermöglichen, sogar weitgehend unabhängig von deiner tatsächlichen körperlichen Verfassung. Dein Selbst ist das Resultat deiner Vorstellungskraft. Wohl der oder dem, die verstehen, wie das geht. Du hast es in der Hand! (ws)

Frühere Leitartikel

Der diskrete Charm der Theorie

In seinem umwerfenden Buch "Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960 - 1990" beschreibt Philipp Felsch die intellektuelle Entwicklung Deutschlands jener Epoche. Er verfolgt sie am roten Faden der Geschichte des Merve Verlags im kaputt-kreativen Soziotop des alten West-Berlin. Es ist über weite Strecken die Geschichte einer Kaskade von Enttäuschungen: Gesucht wurde nach dem Ende der Nazizeit und mitten im Kalten Krieg jener Archimedische Punkt, von dem aus sich diese Gesellschaft überhaupt noch verstehen und womöglich sinnvoll verändern lässt. Gefunden wurde am Ende - nichts. Es begann mit strammer Marx-Lektüre und dem Versuch, 'die Arbeiter' an den Fabriktoren zu agitieren, und lief auf Grund in hysterischer Quacksalberei von allem und nichts. Am Ende war da nur noch ein Regen aus pessimistischem Konfetti atomarer Sinnsucher samt ihren Gurus aller nur erdenklichen Couleur. Das ist aber nicht das Ende der Geschichte.

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Christlicher Dschihadismus

Die zur Zeit allerorten stattfindenden Feierlichkeiten zum Gedenken an Martin Luther haben mich als historisch und an der Person des bekannten Reformators interessierten Menschen etwas Zwiespältiges, das schon weit in den Selbstbetrug hineinragt. Ich erspare mir die Wiederholung historischer und biographischer Details der Zeit Luthers, die überall im Überfluss zu finden sind.

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Gullivers Trauma

In seiner Metaphysik, die er vor mehr als 2.300 Jahren schrieb, verurteilt Aristoteles den "Extremisten" Heraklit (4. Buch, 1010a5), dessen Nachfolgern er unterstellt, sie würden der fließenden, sich ständig verändernden Welt jegliche Erkennbarkeit absprechen. So ganz mag Aristoteles dem nicht zustimmen, konzediert aber immerhin, dass "es einen gewissen Grund zu der Meinung gibt, dass es [d.h. das Fließende, sich Verändernde] nicht existiert." Welch sonderbares Statement. Befinden wir uns nicht in dieser sich ständig verändernden Welt? Was in dieser Welt steht eigentlich so still, dass wir es wie den armen Gulliver am Boden unserer Erkenntnis mit absoluter Gewissheit festnageln können?

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Platon on the run

Seit dem Aufstieg so genannter Populisten in vielen Ländern der Welt fragt sich das erschütterte andersdenkende Publikum, wie der Aufstieg z.B. eines Donald Trump, der überraschende Ausgang des Brexit-Votums und der Machtzuwachs aggressiv-nationalistischer Politiker vom Schlage Recep Tayyip Erdoğans oder Jarosław Kaczyńskis möglich waren. Eine der naheliegendsten, wenn auch wohl unzureichenden Erklärungen macht die angeblich zunehmenden wirtschaftlichen Verwerfungen in den betroffenen Ländern dafür verantwortlich. Tatsächlich ist die Situation in den vielen betroffenen Ländern jedoch sehr unterschiedlich; nicht einmal bei der Mehrheit von Ihnen passt das ökonomische Erklärungsmuster.

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Politische Vernunft

Es zeigt sich im Ergebnis vieler Studien in der gesamten westlichen Welt immer wieder, dass das konkrete Wahlverhalten des Publikums häufig keineswegs dem Ideal einer rationalen, gar vernünftigen Entscheidung genügt. Eines der Wesensmerkmale der Idee der Demokratie ist jedoch nicht einfach, dass Menschen über ihre Regierung abstimmen, sondern dass sie dies im Bewusstsein ihrer und der gesamten gesellschaftlichen Situation tun und ihre Stimme nach begründbaren, soll heißen: rationalen und vernünftigen Kriterien abgeben. Der folgende Beitrag will nicht erkunden, was als 'rational' und 'vernünftig' gelten kann, wohl aber, was hier sicher nicht rational und noch viel weniger vernünftig ist.

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Gerechtigkeit und (Un-)Gleichheit

Der Begriff der Gerechtigkeit ist unscharf. Klassisch wird zwischen (materieller) Verteilungsgerechtigkeit, (politischer) Teilhabegerechtigkeit und (moralischer) Strafgerechtigkeit unterschieden, ergänzt um die weitere Dimension möglicher und tatsächlicher Gerechtigkeit (aka Chancen- bzw. Ergebnisgerechtigkeit). Regelmäßig geringe Beachtung findet im Diskurs über Gerechtigkeit hingegen der Umstand, dass Gerechtigkeit keineswegs nur auf den Ausgleich von Unterschieden in ihren jeweiligen Sparten abzielt. So wird der Begriff der Gerechtigkeit heute zwar meistens behandelt. Dies kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass dies in früheren Zeiten keineswegs ein analytischer (selbstverständlicher) Bestandteil des Gerechtigkeitsbegriffs war, noch wird heute in gebührender Weise darüber nachgedacht, ob Gerechtigkeit nicht gleichermaßen mit der Ungleichheit wie mit der Gleichheit von Menschen verknüpft ist.

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Herrschaft wird prekär

Die heutige, kommunikativ stark globalisierte Welt ist horizontalen und vertikalen Wechselwirkungen ausgesetzt, die früher deutlich schwächer waren. Dies wirkt sich insbesondere als eine Verschärfung des Herrschaftsdiskurses auf den vier Ebenen zwischenstaatlicher Hegemonie, innerstaatlicher politischer Herrschaft, ökonomischer Weisungsmacht und den Rollenkonflikten zwischen den Geschlechtern aus. Die beiden Hauptstrategien zur Teilnahme an dem allgemeinen Herrschaftsdiskurs kann man als 'radikal' bzw. 'reformorientiert' kennzeichnen. Beide Herangehensweisen haben ihre Vorteile. Die Reformstrategie ist aber grundsätzlich verantwortungsvoller und deshalb ethisch überlegen.

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Hegel, dieser nonkonformistische Nerd

Über die Hegelsche Geschichtsphilosophie ist wahrlich viel geschrieben worden, nicht zuletzt und besonders wirkungsmächtig von Karl Marx und Friedrich Engels. Dennoch verdient eine seiner besonders geheimnisumwitterten Denkmethoden noch weitere Aufmerksamkeit - nicht zuletzt, weil sie letztlich nur von wenigen Menschen verstanden wurde. Dabei ist sie auch heute noch äußerst relevant.

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Gerechtigkeit

Der Begriff der Gerechtigkeit gehört zum Empfindlichsten, was das Inventar einer jeglichen Auffassung von Gesellschaft umfasst. Viel ist darüber geschrieben worden. Doch nur wenige Meinungen dazu schauen über den Tellerrand ihrer jeweils aktuellen ideologischen und historischen Gegebenheiten hinaus. Dieser Beitrag versucht, hinter das Dickicht angeblicher Wahrheiten und ideologischer Ansprüche zu gelangen. Dort wartet eine erstaunlich einfache Empfehlung zur Lösung eines sehr alten Problems.

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Der Mensch lebt nicht von Macht allein

Eines der ältesten Ideologeme betreffend die Handlungsmotivation des Menschen behauptet, es sei hauptsächlich das Streben nach Macht, was ihn antreibe. Derlei Behauptungen und Theorien sind in vielerlei Hinsicht verdächtig. Es genügt bereits einfaches Nachdenken und eine Durchmusterung der eigenen Lebenserfahrung, um zumindest einige andere Aspekte ins Spiel zu bringen, die den Absolutheitsanspruch des Selbsterhaltungs- bzw. Machtstrebens vom seinem ideologischen Sockel zu stoßen.

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