Weibliche Schönheit

 

Ist der Bart nicht scheußlich?

Der folgende Text versucht aufzuklären, warum das Ideal weiblicher Schönheit ein uraltes, biologisch begründetes Zeichen für die soziale Unterwerfung der Frau unter die Herrschaft zunächst biologischer Männer ist, inzwischen schließlich unter die Herrschaft gesellschaftlich-struktureller Männlichkeit .

Die falsche Macht biologischer Argumente

Die Biologie ist mächtig, bis in die sozialen Strukturen menschlicher Gemeinschaft hinein. Wir sollten allerdings, wie es alle modernen Verfassungen indirekt tun, zwischen dem biologischen Menschen und der sozialen Person unterscheiden. Niemand wird bestreiten, dass wir essen, trinken und atmen müssen, um leben zu können. Für die soziale Ordnung eines Gemeinwesens ist dies allerdings nicht entscheidend. Da stellt sich vielmehr die Frage, welche Ordungskriterien wir anlegen wollen und sollten, beispielsweise um bestimmten Personen umfangreichere Herrschaftsbefugnisse zu gewähren (und ihnen damit auch eine höhere Verantwortung zuzumuten) als anderen.

Die biologische Evolution ist eine faule Angelegenheit. Sie geht immer dem erstbesten Erfolg nach und versucht ihn zu verstärken. Zu den ältesten, weit ins Tierreich hinabreichenden sozialen Ordnungskriterien im Zusammenleben gehört die primäre Rollenzuteilung entsprechend dem biologischen Geschlecht der Individuen. Das scheint sich über Jahrmillionen aus vielen Gründen bewährt zu haben. Nun ist das Problem, dass Menschen sich mit ihrem symbolischen Kommunikationsvermögen und der daraus resultierenden enormen Gestaltungsfreiheit in allen Bereichen ihres Lebens von vielen Selbstverständlichkeiten unserer biologischen Existenz erfolgreich verabschiedet haben und dadurch sogar eine zweite Evolution, nämlich die kulturelle, angestoßen haben. Das bringt allerdings auch Unbequemlichkeiten mit sich. Denn biologische Ordnungskriterien bedürfen keiner weiteren Begründung; es 'ist' einfach so. Indem man solche hard facts hinsichtlich ihrer Geltung in sozialen und politischen Zusammenhängen menschlichen Zusammenlebens in Frage stellt, bürdet man sich die Last auf, andere Kriterien zu benennen und zu begründen.

Nirgends dürfte dies so schwer sein wie bei der aus uralten Zeiten überkommenen Rollenverteilung zwischen biologischen Männern und Frauen. Das beginnt bei der starken Tendenz, das sexuelle Geschlecht nicht vom sozialen zu trennen, oder besser gesagt: bestimmte Verhaltensweisen weiterhin beharrlich einem bestimmten sozialen Geschlecht zuzuordnen, möglichst in Übereinstimmung mit dem biologischen Geschlecht der jeweiligen Person. Hier hat sich etwas verselbständigt: Die Geschlechterdifferenz ist inzwischen nicht mehr nur eine Frage biologischer Männer und Frauen, sondern hauptsächlich die tiefe Prägung praktisch aller heutigen Gesellschaften durch Merkmale und ihre Wertungen, die 'männlich' im ursprünglich biologischen Sinne des Wortes konnotiert sind. Nicht nur Personen sind Menschen unterschiedlichen Geschlechts, sondern ganze Gesellschaft sind strukturell geschlechtlich geprägt. Werte wie Risikobereitschaft, Kampfbereitschaft, Freude an Wettbewerb und Konkurrenz, Sieges- und Dominanzstreben etc. sind alles heute hoch willkommene Eigenschaften in den oberen wirtschaftlichen und politischen Rängen. Sie korrelieren praktisch vollständig mit ursprünglich biologischer Männlichkeit.

Die subtile Aggression des Schönen

Eine der stärksten und schädlichsten Verbindungen zwischen alter, biologisch begründeter Dominanz des Mannes äußert sich sehr subtil, nämlich nicht etwa als aggressiver Unterwerfungsgestus von biologischen Männern gegenüber biologischen Frauen, sondern als der inzwischen förmlich unüberwindliche innere Zwang der meisten Frauen, 'schön' (synonym: attraktiv, appetitlich, anziehend etc.) aussehen zu wollen. Das kostet sie nicht nur lebenslang einen ungeheuren Zeitaufwand an Körperpflege, ungesunden Schlankheitskuren und eine Menge Geld für kosmetische Wunderwässerchen und -salben aller Art. Es kostet sie vor allem die Fortschreibung ihrer Unterwerfung unter ein altes biologisches Ordnungskriterium, das sie selbst oft gar nicht mehr vertreten und nicht selten sogar erheblich darunter leiden. Denn trotz aller Schönheit verdienen biologische Frauen deutlich weniger für dieselbe Arbeit wie biologische Männer, werden für ihre Bemühung um unser aller Nachwuchs mit beruflichen Nachteilen bestraft und stabiliseren damit ein gesellschaftliches System, unter dem letztlich nicht nur sie, sondern sogar die biologischen Männer leiden.

Fragen wir deshalb folgendes: Wer fordert eigentlich die Schönheit biologischer Frauen? Ich denke, es sind primär die biologischen Männer, die dies fordern. Nur sekundär verinnerlichen biologische Frauen diese Forderung als Kriterium ihres Wettbewerbs mit anderen biologischen Frauen. Und: Warum fordern biologische Männer die Schönheit biologischer Frauen? Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir etwas genauer hinschauen. Körperliche Schönheit ist kein Wesensmerkmal wie die Schuhgröße oder das Sehvermögen einer Person. Es ist ein Merkmal, das bei seiner Erfüllung für den Genuss einer Person steht. Um etwas genießen zu können, muss man aber darüber verfügen können. Denn was nützt uns alle Schönheit eines Gegenstandes, wenn wir ihn uns nicht aneignen und damit unserem Genuss zugänglich machen können. Die Bewertung einer biologischen Frau als schön setzt deshalb die Möglichkeit ihrer physischen Aneignung voraus. Aneignen lassen sich aber nur Gegenstände, nicht Personen. Folglich ist das Schönheitsempfinden im Anblick einer biologischen Frau durch einen (meist) biologischen Mann die verdeckte, sogar als Lob kommunizierte Aneignung jener biologischen Frau.

Vom Lob zur Unterwerfung ist es nur ein kleiner Schritt

Die Reduktion einer Person auf einen Gegenstand möglicher Aneignung ist die wichtigste Voraussetzung zur Unterwerfung dieser Person. Indem also Myriaden von biologische Männern seit Tausenden von Jahren schöne, häufig nackte biologische Frauen malen und sogar die Innenwände christlicher Kirchen mit solchen Pin-Ups füllen, manifestieren sie auf sinistre Weise die Unterwerfung der Frau unter den Mann, und zwar explizit durch Leugnung des nicht biologisch bestimmten sozialen Profils biologischer Frauen (und Männer). Sinister ist dies, weil eine solche Methode der Unterwerfung mit einem von vielen Personen hoch geschätzten Lob einhergeht, nämlich der höheren sozialen Erfolgswahrscheinlichkeit infolge höherer körperlicher Schönheit.

Riesige Industrien hängen an diesem veralteten Mechanismus. Kosmetik, Kleidung, Wellness-Kurse und noch einiges mehr leben von der Ausbeutung dieser sozialen Differenz, die mittlerweile zu einer politischen geworden ist. Laut Art. 3 Abs.1 und Abs. 2 Satz 1 des deutschen Grundgesetzes ist die Ungleichbehandlung von Personen (unter anderem) nach ihrem biologischen Geschlecht verboten und auch im zivilen Verkehr mindestens unerwünscht, teilweise ebenfalls verboten. Die soziale Wirklichkeit ist hiervon weit entfernt. Deshalb meine Empfehlung an alle Personen biologisch weiblichen Geschlechts: Wenn ihr wirklich wollt, dass sich an den heutigen Zuständen auf der Welt etwas ändert, verweigert euch endlich dem Schönheitsdiktat eurer Gesellschaft. Dann werdet ihr sehen, worum es wirklich geht. Wenn das biologische Geschlecht strukturell aus dem Katalog der sozialen Ordnungskriterien unseres Zusammenlebens gestrichen wird, kommen nämlich die Fragen hoch, um die es eigentlich geht. Und die lauten: Nach welchen Kriterien soll ein gedeihliches Zusammenleben überhaupt geordnet werden?

Intimität

Aber leidet nicht die sexuelle Attraktion zwischen biologischen Männern und Frauen, wenn wir auf den Aspekt der äußerlichen Schönheit tatsächlich zu verzichten lernen? Ich wüsste nicht, warum. Im Gegenteil: Wenn biologische Frauen auf alle Herrichtungen ihres Körpers im Wettbewerb um männliches Schönheitsempfinden verzichten, kommen diejenigen Merkmale der Person wieder zur Geltung, die durch äußerliche Schönheit in den Hintergrund gedrängt werden. Das ist vor allem das Verhalten der jeweiligen Person. Sexuelle und erotische Attraktion, die vom Verhalten einer Person ausgelöst werden, scheinen mir eine wesentlich erfolgversprechendere Grundlage für die Anbahnung einer dauerhaften, erfüllenden Intimbeziehung und Lebenspartnerschaft zu sein als Schminke und modische Kleidung.

Dieser Verzicht auf äußerliche Merkmale gilt allerdings, wenn auch mit anderen Vorzeichen, auch für die Attraktion biologischer Männer auf biologische Frauen. Vielen soziologischen und psychologischen Studien zufolge beruht die männliche Anziehung auf biologische Frauen nur in geringem Umfange auf äußerlicher Schönheit. Biologische Frauen schauen eher auf die gesellschaftliche Position (aka: Macht, z.B. in Gestalt hoher Bildung und einer entsprechend hohen beruflichen Position) möglicher biologisch männlicher Partner und auf deren Einkommen und Vermögen. Auch hier äußert sich also ein Herrschaftsinteresse, allerdings ein sekundäres. Biologische Frauen suchen in diesen (keineswegs seltenen) Fällen nach biologisch männlichen Partnern, um an deren gesellschaftlichem Einfluss und finanzieller Potenz teilzuhaben, statt ihre eigene soziale Potenz aufzubauen. Hier stehen wir also vor einer "materiellen" Asymmetrie. Denn während biologische Frauen auf ihre Teilnahme an weiblicher Schönheitskonkurrenz theoretisch verzichten können und dadurch sogar gewinnen, können biologische Männer im sexuellen Wettbewerb nicht ohne substanziellen Verlust auf ihre soziale Stellung und ihr Vermögen verzichten. Um auch hier dem tatsächlichen Verhalten biologischer Männer mehr Geltung in der Partnerwahl zu verschaffen, bedarf es allerdings eines größeren gesellschaftlichen Umbaus, der hier nicht weiter thematisiert werden kann, weil das zu weit führen würde. Während also die Abkehr von äußerlicher Schönheitskonkurrenz für biologische Frauen ein Befreiungsschlag gegen männliche Herrschaft durch körperliche Aneignung wäre, bedeutet die umgekehrte "Befreiung" der biologischen Männer von ihrer sozialen Stellung als Auswahlkriterium der Lebenspartnerschaft für die sozial "oberen" Mitglieder dieser Personengruppe einen herben Verlust, während er für die "unteren" Schichten durchaus auch einen Gewinn mit sich bringen könnte. Hier wird die Sache also schon etwas komplizierter.

Wer sich all diesen Fragen stellt, wird bald feststellen, dass jedenfalls ein jeder Rückgriff auf biologische Wesensmerkmale von Personen nichts als der Versuch einer reaktionären Durchsetzung jeweils eigener Interessen ist, und zwar selbst dann, wenn es um so appetitliche Dinge wie die Schönheit eines Menschen geht. Lasst uns davon Abstand nehmen, auch wenn es sehr, sehr schwer fällt. (ws)

Frühere Leitartikel

Das Attentat auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" und den jüdischen Supermarkt in Paris am 7.01.2015 markieren einen neuen Höhepunkt in einem Konflikt, der im Grunde politischer Natur ist, an der Oberfläche und in den Köpfen vieler Mitläufer aber im religiösen Kontext ausgetragen wird. Zu einem zentralen Aspekt des darauf aufbauenden Denkens hat bereits im Jahre 1919 Walter Benjamin in seinem Aufsatz "Schicksal und Charakter" Stellung genommen. Hier sein Essay im Original.

Wie findet paradigmatisch in der Kunst, praktisch aber auch in allen anderen kulturellen Handlungsfeldern die Übertragung von Inhalten in einen anderen Kontext oder in ein anderes Medium statt, also die Umsetzung, Paraphrase, Transformation, Erfindung von Bedeutung? Tasos Zembylas untersucht den kulturwissenschaftlichen Begriff der Translation, um das Phänomen in seinen Ursprüngen zu verstehen.

In Anbetracht einer sich immer stärker integrierenden Weltgesellschaft drängt sich die moralische Kernfrage auf: Gibt es absolute Bewertungskriterien, an denen sich die historische Entwicklung einer Gesellschaft oder eines Kulturraums messen lassen muss?

Der amerikanische Philosoph Mark H. Bickhard, hierzulande bisher kaum bekannt, arbeitet seit vielen Jahren an ontologischen Prozessmodellen. Bickhard, der am Department of Psychology der Leigh University in Pennsylvania lehrt, hat zur Fundierung seines kognitionspsychologischen Ansatzes einen prozessmetaphysischen Rahmen ausgearbeitet, der ein wertvoller Beitrag zur zeitgenössischen Ontologie ist.

Die Gefahren kollektiver Umfangung

Unsere sozialen Kollektive prägen uns als umfangende Umwelten, d.h. gerade nicht als handelnde Gegen- oder Mitspieler unserer Interessen, sondern als sozialer Referenzrahmen aller darin Handelnden. Diese Prägung äußert sich z.B. in unserer Grundeinstellung zu unserer Lebenssituation insgesamt (im Deutschen gibt es dafür das anschauliche Wort ‚Lebensgefühl‘) und auch den meisten konkreten Sachverhalten.

Die erzwungene Entdeckung der Individualität

Im zweiten Teil dieses Beitrages zeige ich, dass die wichtigste Dichotomie, innerhalb der sich unsere Welt aufspannt, jene zwischen den verschiedenen Kollektiven, denen wir angehören (vor allem das Herkunftskollektiv) und unserer individuellen Existenz ist. Die Spannung zwischen diesen Polen verlangt uns lebenslange Orientierungsarbeit ab. Meine These lautet, dass der anthropologische Ursprung dieses Widerspruchs im exotribalen Heiratszwang der Frauen fast aller menschlichen Kulturen liegt.

Denken zwischen Grenzen

Unsere Suche nach Sinn über den bloßen Lebensvollzug hinaus strebt nach Umfassung der fundamentalen Extrema unserer Welt: dem Kleinen, dem Großen, dem Elementaren, dem Ganzen. Erst mit der Anerkennung dieser Spannung zwischen dem kategorial Verschiedenen lässt sich das, was wir Welt nennen, begreifen.

 

Alles begann ganz harmlos. Im satten Amerika der 1970er Jahre beherrschteTalcott Parsons die Sozialwissenschaften mit seiner Systemtheorie. Im damals noch ganz braven (West-)Deutschland tat Niklas Luhmann selbiges auf ähnliche und doch ganz andere Art.

Der philosophische Arbeitskreis MoMo Berlin hat ein neues Kleid! Diese schöne Institution, die es schon so lange gibt, obwohl sie gänzlich informell und frei ist, dieses frei schwebende Denkpodium und Ideentablett, war kürzlich beim Friseur, und der hat ihr nach längerem Überlegen nicht nur eine neue Dauerwelle, sondern gleich ein richtig anderes und vielleicht zeitgemäßeres Outfit verpasst.