Wenn der Geist an und für sich selbst irre wird

Was hat die Künstliche Intelligenz mit Darwin und Hegel zu tun?

 

Ein Schild auf dem Kraterrand des Mount Ijen (Java / Indonesien)

Achtung: Absturzgefahr. (Foto: Mount Ijen, Java / Wolfgang Sohst)

Die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz überrascht die Menschheit. Sie jagt uns divese Ängste ein, von der Sorge, dass Kriminellen das neue, superpotente Werkzeug in die Hände fällt und sie daraufhin die halbe Menschheit ausrotten bis zu der etwas absurden Paranoia, dass eine globale, logisch-algorithmische Krake die Menschheit auf den Status des Bioms in unseren Därmen reduziert. Ein wichtiger Punkt wird allerdings selten diskutiert: Ist die Evolution auf unserem Planeten, zu der auch die Entstehung der Künstlichen Intelligenz gehört, überhaupt kontrollierbar?

Körper und Geist: Der ewige Kampf

Einer der Gründe, diese Frage überhaupt zu stellen, liegt in der kategorialen Trennung von Materie und Geist. Das wurde am radiakalten bereits von dem französischen und einflussreichen Philosophen René Descartes im mittleren 17. Jahrhundert behauptet. Aus seiner Sicht folgt, dass die Entwicklung beider Existenzformen oder -ebenen nichts miteinander zu tun haben. Daraus wiederum ergibt sich, dass die geistige Sphäre nicht denselben, blinden Naturgesetzen gehorcht wie die physische. Deshalb - so impliziert Descartes, ohne es genauer zu begründen - ist der Geist imstande, seine eigene Entwicklung zu steuern, die Materie dagegen nicht.

Springen wir nun zwei Jahrhunderte vorwärts in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. Hier begegnen wir zwei für die weitere Geschichte Europas sehr wichtigen Personen, deren Gemeinsamkeit im Denken selten thematisiert wird: Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Charles Darwin. Beide treten in gewisser Weise in Descartes' Fußspuren, jedoch auf komplementären Seiten. Hegel entwickelte mit seiner dialektischen Geschichtsteleologie den Descartes'schen Geist zu einem mächtigen System einer geistbeherrschten Welt, während Darwin ein ebenfalls durchschlagendes Modell der biologischen Entwicklung auf der Erde entwarf. Die Symmetrie ihrer Ideen ging aber noch weiter. Selbst ihre methodischen Werkzeugkästen, die sich beide selbst bauten, weisen frappierende strukturelle Ähnlichkeiten auf. Beide gingen zunächst von der axiomatischen Prämisse aus, dass die Welt - bei Darwin die physisch-biologische, bei Hegel die geistige - ein sich selbst entwickelndes System sei. Ein großer Unterschied zwischen beiden Modellen ist freilich, dass Darwin kein Ende der biologischen Evolution sah, Hegel dagegen irgendwann eine endgültige Erfüllung der vollständigen Geistwerdung der Welt in Gestalt einer ihrer selbst bewusst werdenden begrifflichen Struktur des gesamtem Universums. Die bezeichnete er als 'Weltgeist'. Darwin meinte, dass sich die biologische Evolution in einem sich spiralförmig ewig wiederholenden Dreischritt aus Mutation, Anpassung und Selektion abspielen würde. Hegel wiederum bewies in einem strukturell ganz ähnlichen Gedanken, dass der Geist durch begriffliche Setzung (These), Widerspruch gegen diese Setzung (Antithese) und die schlussendliche, wenn auch immer nur vorübergehende Schlichtung des Streits (Synthese) seiner eigenen Vollendung entgegenlaufe. Die zeitlich parallele Kühnheit beider Entwürfe dürfte schwer zu übertreffen sein.

Biologische Evolution und Weltgeist

Springen wir nun nochmals zwei Jahrhunderte vor in die Gegenwart. Die cartesische Trennung von Materie und Geist mag uns inzwischen überholt vorkommen. Der westliche, technisch fokussierte Teil der Menschheit hat auf ziemlich widersprüchliche Weise sowohl daran gearbeitet, Descartes zu widerlegen als auch zu bestätigen. In Gestalt der modernen Neurowissenschaften im Verein mit dem heutigen Stand der Informatik und entsprechenden Fortschritten in der Mikrophysik begann eine Art Wettrennen mit der menschlichen Natur, die unbestreitbar ein Amalgam aus biologischen und algorithmisch-abstrakten Funktionen ist. Letztere lösten die Geistvorstellung Hegels ab, nicht jedoch seine Vorstellung, dass der Geist durch seine Selbstreflexion in einer algorithmisch nachgebauten Maschine sich abschließend selbst versteht und damit ein vollkommen neues Kapitel der universalen Evolution aufschlägt, also sozusagen Hegel 2.0.

Diese Selbstüberholung des Menschen durch den Menschen (Darwin) oder des Geistes durch den Geist (Hegel) führte im Ergebnis allerdings alle drei Vordenker, also Descartes, Hegel und Darwin, auf ganz neues und reichlich verwirrendes Terrain. Das beginnt bereits damit, dass die Selbsterfüllung des Geiste à la Hegel offenbar keine Erlösungserfahrung ist, sondern im Gegenteil große Ängste und eine neue Form geopolitscher Konkurrenzen ausgelöst hat. Aber auch der Darwinismus hat hier keine Linderung zu bieten, im Gegenteil. Wenn nämlich am Ende auch die geistige Evolution des Menschen nur eine Fortsetzung seiner biologischen Wurzeln ist, dann unterliegen wir, die Menschheit, offenbar auch hier neuerlich dem Darwin'schen Grundgesetz aus Mutation, Anpassung und Selektion, d.h. der blinden Entwicklung unserer eigenen Zukunft.

Was ist eigentlich das grundlegende Problem?

Blind? Das ist keineswegs klar, sondern vielmehr die alles entscheidende, nach wie vor offene Frage. Nach einem schon zwei Jahrhunderte dauernden, parallelen Wettlauf zwischen Darwin und Hegel nähern wir uns nunmehr offenbar der Entscheidung des wichtigsten Unterschiedes zwischen ihren beiden Modellen: Ist der Mensch imstande, die Art und Weise der Erfüllung seines eigenen Geistwesens zu steuern und sich damit als wahrer Meister seiner Existenz zu erweisen? Oder ist er am Ende doch nur ein winziger Zweig im Baum des Lebens, auf den die evolutionäre physische Gesamtdynamik so wenige Rücksicht nimmt wie auf die Millionen Lebensformen, die seit der Entstehung des Lebens auf der Erde wieder verschwanden? Niemand vermag das zu sagen. Die Pessimisten sind geistige Erben Darwins, die Optimisten meist (ironischerweise ihrer selbst unbewusste) Anhänger des Hegel'schen Weltgeistes.

Und nicht einmal der theoretische Urvater beider Denker, Descartes, konnte endgültig begraben werden. Denn auch wenn die enthusiastischen KI-Anhänger meinen, dass der Mensch als intellektuelles und emotionales Wesen bald endgültig entschlüsselt sein werde, haben sie damit keineswegs den Beweis erbracht, dass Materie und Geist 'in Wirklichkeit' dasselbe seien, noch, dass dies der Menschheit, geschweige der irdischen Welt insgesamt, zum Vorteil gereichen würde. Mir scheint vielmehr, dass der Wettbewerb, den die moderne industrielle Zivilisation gegen sich selbst veranstaltet, das eigentliche Problem ist. Wer sich selbst überholen will, wird irgendwann sowohl materiell stürzen als auch geistig in totale Verwirrung geraten. (ws)

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