Ja, was ist denn mit Pi los?

Die Zahl Pi über den Wolken

Gibt es, mal ganz theoretisch, verschiedene Methoden zur Berechnung von Pi?

Ein begnadeter Mathematiker und Freund von mir teilte mir gestern beim Abendessen lakonisch mit, dass ein Google-Mitarbeiter mithilfe dortiger Supercomputer kürzlich die hundertbillionste Nachkommastelle der so genannten Kreiszahl Pi errechnet habe. Es sei eine 2.

"Aha", meinte ich und wollte mich wieder meinen Nudeltaschen zuwenden.

"Nein", widersprach er. Das sei leider inakzeptabel und er sei sehr enttäuscht. Er habe eine 5 erwartet. Auf meine Frage, wieso er eine 5 erwartet habe und jetzt enttäuscht sei, antwortete er, 5 sei seine Lieblingszahl und er sehe nicht ein, wieso niemand daran gedacht habe. Wir lachten.

Der Mann ist offenbar noch mehr Philosoph als Mathematiker. Das ging mir aber erst im anschließenden Gespräch auf. Auf meine Frage, was seine Lieblingsziffer mit der Berechnung von Pi zu tun habe, antwortete er nur provokant und trocken: "Naja, da soll etwas sein, nämlich 5, und jetzt geht es nicht. Das ist doch furchtbar." Wieder lachten wir herzlich.

Jetzt drang ich etwas genauer auf ihn ein. Ich meinte, wir müssten hier wohl zwischen objektiven und subjektiven Sollenserwartungen unterscheiden. Die frenetische Suche nach einer Theorie, die die Quantentheorie und die Allgemeine Relativitätstheorie endlich zu einer Supertheorie vereinige, sei von einem objektiven Sollen motiviert, so auch vielleicht die Suche nach einer Formel für den Weltfrieden. Sein kindischer Wunsch, dass die hundertbillionste Nachkommastelle von Pi eine 5 sei, habe aber nur subjektive Motive und deshalb zumindest keinen wissenschaftlichen Wert.

Er zog mit gespielter Strenge die Augenbrauen hoch: "Keinen Wert? Soso... Was hat denn einen Wert, Herr Moralphilosoph?" Ich stotterte und blickte beschämt auf meinen Teller. In der Tat, wenn das subjektive Interesse gar keinen Wert hat, dann hat wirklich nichts einen Wert. "Naja, jetzt mal ehrlich", wandte ich ein, "so wichtig ist das mit der 5 aber nicht, oder?"

"Was ist wichtig?" gab er zurück, keinen Millimeter nachgebend. Ich schwieg und fühlte mich wie ein Schachspieler, der ausführlich über den nächsten Zug nachdenken muss. Die Daoisten im alten China haben auch so extrem argumentiert. Schließlich gab ich zurück: "Aber wir haben uns doch schon lange auf ein gemeinsames arithmetisches Verfahren geeinigt, wie Pi zu berechnen sei. Dabei sei als letzte Nachkommastelle dieser Berechnung jetzt eben eine 2 herausgekommen. Die übergeordnete Verfahrensregel, die du selbst teilst, wurde also eingehalten. Du musst nachgeben, dein Trotz bringt nichts. Diese Nachkommastelle lautet 2, nicht 5."

Ohne mich anzuschauen schaute er kauend auf seinen Teller und erwiderte langsam: "Mein Einverständnis zu diesem Verfahren habe ich nur provisorisch gegeben. Jetzt ist ein tiefer Wunsch von mir enttäuscht worden. Wer sagt, dass es nicht ein anderes Verfahren zur Berechnung von Pi gibt, bei dem an der hundertbilionsten Stelle eine 5 herauskommt?"

Ich schnaubte und wischte mir mit der Serviette die Soße von der Oberlippe. "Okay, du bist ja noch radikaler als Wittgenstein. Der hat nur die absolute Geltung einer Rechenregel in Frage gestellt, so dass beispielsweise nicht sicher sei, ob die Additionsregeln wirklich bei jeder Addition das ergeben, was wir bei den empirisch bereits durchgeführten Additionen als richtig ermittelt haben. Du bestreitest nicht einmal die absolute Richtigkeit der anerkannten Berechnungsweise von Pi, meinst aber, dass es vielleicht eine komplett andere, konkurrierende Rechenmethode gibt, die zumindest an der hundertbillionsten Nachkommastelle ein anderes Ergebnis liefert. Mal im Ernst: Was soll das?"

Er schaute mich belustigt an, tastete irgendwie forschend mit seinen Augen meine Gesichtszüge ab und sagte dann: "Na, wenn es nicht Leute gäbe, die tatsächlich von solchen Dingen träumen, dann würden wir beide nicht hier sitzen und Pasta an Gorgonzolasoße essen."

Sagte er und wandte sich wieder seinem Teller zu. Erst am nächsten Morgen fiel mir eine passende Replik auf seine Bemerkung ein: "Vielleicht wäre es tatsächlich besser gewesen, wenn es nie solche Träumer gegeben hätte?" Diese Antwort kam allerdings nicht nur ihm gegenüber zu spät. Sie kommt absolut zu spät. Außerdem hat über diese Dinge noch nie ein Mensch mit Entscheidungsautorität verhandelt. Kann auch niemand. Sie passieren einfach, und ob das gut oder schlecht ist, scheint wirklich Privatsache zu sein. (ws)

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