Jenseits der Schönheit

 

Ikarus fliegt in die Sonne

Der wird sein Ziel nicht erreichen

Was uns betört...

Wir finden vieles schön, und man kann sich im Smalltalk schnell unbeliebt machen, wenn man hinterfragt, warum jemand irgend etwas schön findet, z.B. eine Landschaft, ein schickes Auto, eine andere Person oder ein altes Schloss in malerischer Umgebung. Warum soll sie oder er auch erklären müssen, dass sie das schön findet? Es ist einfach schön, meinen viele. Oft wird auch gesagt, dass es in der Natur der jeweiligen Sache liege, schön zu sein, z.B. wegen ihrer Proportionen, ihrer Form und Farbigkeit oder einfach, weil sie 'so natürlich' ist..

All das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Tiere offenbar - soweit wir dies jedenfalls beurteilen können - keinen Sinn für Schönheit haben, sondern nur für Nutzen. Nicht einmal die so intensiv beobachteten und vor allem kognitiv immer wieder trainierten Primaten scheinen einen Sinn für das Schöne zu haben. Und auch die so hübschen mit ihrem Rüssel einen Pinsel führenden Elefanten, die es in Indien für staunende Touristen zu sehen gibt, haben einfach dies und das zu malen gelernt. Es ist jedoch nicht zu erkennen, dass sie ihre eigenen Werke auch schön finden.

Man verzeihe dem Schreiber dieser Zeilen die Impertinenz, wenn er argwöhnt, dass hinter all der Schönheit, die Menschen überall entdecken, etwas psychologisch und sozial Fundamentaleres steckt als nur das einfache Empfinden des Schönen. Um dies zu entdecken, ist es sinnvoll, zunächst vier Arten des Schönheitsempfindens zu unterscheiden und diese Arten von der schlichten Ergriffenheit zu unterscheiden, die beispielsweise ein Musikstück, ein Gedicht, ein Tanz oder ein Bild in uns auslösen kann. Denn Ergriffenheit erfahren wir nicht notwendig im Modus des Schönen. Wenn uns beispielsweise ein leidendes Kind anschaut oder ein Mönch einen monotonen, aber sehr eindringlichen Gesang darbietet oder wir Blutspritzer an einer Wand sehen und wissen, dass dort ein Mensch getötet wurde, fällt das in keine ästhetische Kategorie des Schönen, sondern es ergreift uns einfach, und das zu Recht. Bleiben wir also im Folgenden beim Schönen und seinen vier Arten, deren psychosoziale Funktion jetzt skizziert werden soll.

Die hier vertretene These lautet, dass es eine gemeinsame Bedürfniswurzel für das Verlangen nach Schönem gibt, die nur dem Menschen eignet. Denn nur der Mensch ist kraft seines Denkvermögens unglücklicherweise in eine Distanz zu sich selbst und seiner Lebenswelt geraten, die unaufhebbar ist. Diese Distanz treibt ihn dazu, den dadurch aufgetanen, existenziellen Riss in seinem Weltverhältnis irgendwie zu heilen. Mensch zu sein heißt leider, in einem grundsätzlich defizienten Zustand zu leben, selbst wenn wir oft über lange Strecken unserer Wachzeit nichts davon merken. Wir sind Mangelwesen, aber nicht etwa, weil es uns an körperlichen Fähigkeiten fehlt, die für viele Tiere selbstverständlich sind, sondern weil wir im Zustand lebenslanger Spaltung leben: Wir können infolge unserer ständigen Reflexion der Welt nicht mehr eins sein mit ihr; wir wissen aus demselben Grund auch nie genau, wer wir selbst überhaupt sind; und weil wir nur von unserer Umgebung erfahren können, wer wir sind, wissen wir auch nie genau, welchen sozialen Wert wir haben.

Die Schönheit in ihren verschiedenen Erscheinungsformen ist Ausdruck einer tiefen Sehnsucht, unsere Absonderung von der Welt im Schönen zu überwinden und damit gleichzeitig auch unseren Wert als soziale Wesen uns selbst und unserer Umwelt gegenüber zu bestätigen. Das läuft, wie gesagt, über vier verschiedene Kanäle:

(1) Der schöne Gegenstand: Ihn zu besitzen ist ein Genuss, weil wir damit aller Welt zeigen, dass wir selbst wertvolle Menschen sind. Das beweist man unschwer durch den Umkehrschluss, dass wir ja sonst gar nicht imstande wären, die Schönheit des jeweiligen Gegenstandes zu schätzen. Auch wenn der schöne Gegenstand für uns zu teuer ist und wir gar keine Experten in der jeweiligen Materie sind, tut das der Sache grundsätzlich keinen Abbruch. Denn wir können auch dann noch zumindest die Schönheit dieser Gegenstände öffentlich bekunden und damit zeigen, dass wir selbst an ihrem Wert teilhaben. Die Schönheit künstlich hergestellter, also nicht natürlich entstandener Gegenstände ist folglich der Spiegel, in den wir schauen, um uns auf wunderbare Weise unserer eigenen Existenz zu vergewissern. Diese Schönheit kann sich auf viele Weisen äußern: als strenge, geradezu autoritäre Geometrie der Form, als ausgelassenes, wildes Farben- oder Klangfest oder auch als stille Ordnung, die nicht den kleinsten Riss an Fraglichkeit aufweist. Wer die Schönheit solcher Dinge betont (und nicht nur von ihnen ergriffen ist), gewinnt damit eine unschätzbare Bestätigung seines sozialen Wertes.

(2) Die Schönheit der Natur: Der vielleicht direkteste Weg zur Wiedervereinigung des Seins mit dem ewigen Sollen, dem wir infolge unserer Abspaltung vom Sein ausgesetzt sind, indem wir sie wieder aufzuheben trachten, ist die Versenkung in den reinen, natürlichen Seinszustand vor aller Spaltung. Dies setzt zwar voraus, dass die Natur eine derartige Kontemplation überhaupt zulässt, d.h. weder wilde Tiere noch Unbilden des Wetters uns in die Flucht treiben. Wo derartiges aber nicht droht, wird Natur seltsamerweise auch an Orten schön gefunden, wo es eigentlich nicht viel zu sehen gibt, z.B. in einer Sand-, Stein- oder Eiswüste. Die Lösung dieses Rätsels lautet, dass die Natur grundsätzlich schön ist, sobald wir das Gefühl haben, dem Druck des Alltags und unserer aufdringlich uneigentlichen Existenz durch Versenkung in die Natur für ein paar Momente entkommen zu können und dadurch wieder eins mit der Welt sind.

(3) Die erotische Schönheit: Viele Dichter und Psychologen haben bemerkt, dass die Aufhebung der Spaltung von Ich und Welt am tiefsten in der sexuellen Vereinigung gelingen kann (sofern man psychisch nicht so beschädigt ist, dass man dazu nicht mehr imstande ist). Deshalb wird die nicht erwiderte Liebe auch so intensiv als  psychischer Mangelzustand und ihre Erfüllung als Glück par excellence beschrieben. Die Psychologie der frühen Kindheit hat hierzu herausgefunden, dass das Urtrauma des Menschen womöglich bereits durch seine Geburt, d.h. durch die Trennung des Neugeborenen von seiner Mutter ausgelöst wird und dass der Versuch, diese Trennung aufzuheben, der Antrieb zu seiner gesamten anschließenden psychischen und sozialen Entwicklung ist. Schon im zarten Jugendalter beginnen wir plötzlich den erotischen Reiz anderer Personen zu spüren, die uns regelrecht hypnotisieren können. Ihre Schönheit ist auf unerklärliche Weise überwältigend, weil sie in uns den alten Vereinigungstraum aktiviert, dem wir lebenslang nachjagen.

(4) Die Schönheit der Macht: Mit Staunen und Respekt schauen die Menschen schon seit Jahrtausenden auf die Mächtigen, ja Übermächtigen, die Könige und Götter und ihre Sinnbilder, ihre Kirchen und Schlösser und weitere Symbole der Macht. Diese einschüchternde Schönheit kann ähnlich stark hypnotisch wie die erotische wirken; ihr existenzielles Versprechen ist jener tatsächlich ähnlich. Während aber die erotische Erfüllung eine gleichgestimmte Vereinigung zum Großen Ganzen verspricht, ist der im Extremfall sogar überirdisch schöne Glanz der Macht das Versprechen, im absoluten Anderen, in Gott, aufzugehen und durch diese Teilhabe den Fluch der ewigen Spaltung des Selbst von der Welt zu überwinden. Der Prunk von Versailles und die von Gold überquellenden barocken Kirchen sind sich hierin eins. Es ist auch kein Zufall, dass alle großen Religionen der Welt im Kern die gleiche Erlösung versprechen: Unterwirf dich der absoluten göttlichen Macht, dann wirst du in ihr aufgehen.

Ein Einwand gegen die vorstehende Analyse des Schönen könnte lauten, dass sie unvollständig sei. Das mag sein. Ich sehe jedoch nicht, wie man der existenziell psychologischen und sozialen Perspektive auf das Schöne entkommen kann. Damit wird das Schöne und die Schönheit an sich keineswegs entwertet. Ihr wird lediglich der Schleier abgezogen, der uns daran hindert, die tiefen Bedürfnisse zu spüren, die sich dahinter verbergen. Und die manchmal vielleicht auf andere Weise besser befriedigt werden können als durch die Jagd nach dem Schönen. Und selbst wenn wir darauf nicht verzichten wollen, sollte uns das Bewusstsein unserer Bedürfnisse hinter der Sehnsucht nach dem Schönen zumindest in unserer Bescheidenheit stärken, dass wir auch etwas wert sind, wenn wir weder etwas Schönes besitzen noch selbst schön sind. (ws)

Frühere Leitartikel

Subjektive und objektive Wirklichkeit

Vor unseren Augen entfaltet sich eine Spaltung der Welt in vielen Dimensionen: politisch, sozial, weltanschaulich und sogar technisch. Das ist für viele Menschen sehr beunruhigend. Im Folgenden soll es um eine besonders intensive Form dieser Spaltungen gehen, nämlich um jene einer subjektiven und objektiven Sicht auf die Wirklichkeit. Manche(r) wird sich beim Lesen dieses Satzes vielleicht fragen: Gibt es einen solchen fundamentalen Unterschied überhaupt? Die sardonische Antwort auf diese Frage kann nur lauten: Versuche es doch einmal ohne diese Unterscheidung; dann wirst du entweder bald in einer geschlossenen psychiatrischen Abteilung landen. Das nennt man dann nämlich 'Psychose'. Oder du bekennst dich zur Tyrannei absoluter Objektivität von allem, was dir so im Kopf herum geht und verdammst jeden, der dein Weltbild nicht teilt, als Lügner. Beides sind sehr abschreckende Szenarien. Das sollte besser gehen.

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Visionen ./. Illusionen

Von dem früheren deutschen Bundeskanzler Helmut Schmidt ist der Spruch überliefert: "Wer Visionen hat, sollte zum Augenarzt gehen". Er meinte dies zwar nur im Hinblick auf die politische Sphäre, aber selbst dort ist der Spruch inhaltlich schlicht falsch. Viel treffender wäre es gewesen, wenn Schmidt von Illusionen geredet hätte, die sich Politiker:innen aus dem Kopf schlagen sollten. Dann aber wäre der sarkastische Verweis auf die Augenärzt:innen nicht mehr passend gewesen, sondern eher auf Psycholog:innen. Doch wie sieht es eigentlich mit dem gesellschaftlichen Wert von Illusionen aus? Sind sie womöglich wirklich wertlos oder sogar gefährlich?

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Über den Unterschied von Leid und Empörung

Leid und die Empörung sind vielfach miteinander verbunden. Im Grunde sollte es niemandem schwerfallen, zwischen beidem zu unterscheiden. Ein Problem entsteht allerdings dann, wenn Personen das Leiden anderer benutzen, um damit ihre eigenen Ziele zu verfolgen. Das kann einfach eine seltsame Lust an der Empörung sein; es kann aber auch andere Zwecke hinter der Empörung geben, vor denen man sich in Acht nehmen sollte.

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Ihr da oben, wir da unten? - War einmal...

Seit dem Aufblühen der Industrialisierung in Europa, also ungefähr seit der Mitte des 18. Jahrhunderts, wurde die wichtigste politische Frontlinie zunächst in Europa, später in der ganzen Welt, definiert als die Gegnerschaft zwischen Kapitalisten und Arbeitern. Der Vorwurf Letzerer lautete, von Marx ausführlich kommentiert: Ihr Kapitalisten nehmt uns den Wert unserer Arbeit weg und haltet uns in Armut, um unsere Abhängigkeit von euch nicht zu schmälern. Dieser Gegensatz wurde seitdem keineswegs aufgehoben, auch wenn er sich in größeren Teilen der Welt erheblich gemildert hat. Er wurde allerdings überholt, und zwar weder von 'links', noch von 'rechts', sondern von einer neuen Frontlinie, die in zwei Dimensionen definiert ist: (a) dem Gegensatz zwischen Nationalisten und Universalisten und (b) dem Gegensatz zwischen demokratisch-rechtsstaatlichen und autoritären Regimes.

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Künstliche Ethik / Artificial Ethics

Die wirtschaftlichen Eliten aller großen Länder der Welt wenden zur Zeit ungeheure Mittel und Mühen auf, um logische Automaten zu konstruieren, die nicht nur künstlich intelligent sind, sondern auf frappierende Weise auch die menschliche Intelligenz nicht nur zu simulieren, sondern zu überholen. Hier tut sich die Frage nach den Motiven einer solchen Ekstase auf. Einerseits geht es hierbei sicherlich um wirtschaftliche und politische Konkurrenzen, denn die ganze Unternehmung verspricht enorme Gewinne an Kapital und sogar internationaler politischer Macht. Dies ist aber, wenn man die Geschichte der westlichen Bemühungen um den für ihn so wichtigen Fortschritt anschaut, nicht der einzige Grund für den nun schon seit Jahrzehnten immer noch zunehmenden KI-Taumel. In welchem Umfange nützen solche Anstrengungen überhaupt den heutigen menschlichen Lebensverhältnissen?

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The economic elites of all the world's major countries are currently expending tremendous resources and effort to construct logical automata that are not only artificially intelligent but also strikingly capable of not only simulating but surpassing human intelligence. This raises the question of the motives for such an ecstasy. On the one hand, this is undoubtedly about economic and political competition, since the whole enterprise promises enormous gains in capital and even international political power. However, looking at the history of Western efforts to achieve the progress that is so important to it, this is not the only reason for the AI frenzy, which has been growing for decades now. To what extent do such efforts benefit today's human living conditions?

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Was bedeutet es, ein Mensch zu sein?

In der Frage, die der Titel dieses kleinen Essays ist, steckt bereits in Teil der Antwort, wenn auch vielleicht nur ein kleiner Teil. Auf jeden Fall ist uns, den Menschen, bisher kein Tier bekannt, das imstande ist, eine solche Frage zu stellen. Und damit sind wir bereits mitten im Problem.

Schon seit knapp einhundert Jahren bemüht sich die seinerzeit noch junge Verhaltenspsychologie, mit naturwissenschaftlicher Methodik beispielsweise herauszufinden, ob man bestimmten, kognitiv sehr entwickelten Tieren das Sprechen beibringen kann. 'Sprechen' muss hier nicht unbedingt bedeuten, akustische Sprachlaute produzieren zu können. Der Ausdruck meint eher, sich in sprachartiger Form verständigen zu können, z.B. durch Tippen auf Geräten, die sprachartige Konstrukte erzeugen. Sprechen hat offenbar viel mit Denken zu tun. Folglich verschob sich die Frage, was Menschen von Tieren unterscheidet, recht schnell auf die Frage, ob Tiere denken können. Diese Frage stellte sich jedoch als zu unpräzise heraus, weil viele Tiere offensichtlich zu komplexen Denkoperationen einschließlich Werkzeugproduktion und Lösungen von Problemen mittels Versuch und Irrtum imstande sind, und dennoch unendlich weit vom menschlichen Umgang mit der Welt entfernt zu sein scheinen.

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Wenn die Zeit stehenbleibt

Normalerweise gehen wir davon aus, dass die Zeit gerade das ist, was NICHT stillstehen kann. Ob das stimmt, hängt aber gerade davon ab, ob man sie nicht auch anders verstehen kann.

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Die Sehnsucht der Blume nach der Blüte

Aristoteles war die erste Person der westlichen Hemisphäre, der den vermutlich schon viel älteren Gedanken ausarbeitete, dass alles, was es gibt, vom Streben auf ein inneres Bestimmungsziel hin angetrieben sei. Dieser mächtige Gedanke konnte selbst aus der heutigen Evolutionstheorie nicht ganz ausgetrieben werden, obwohl zumindest die physische und biologische Evolution theoretisch als reines Zufallsereignis beschrieben werden. Doch was ist Zufall? Und wer soll all die Ziele erfunden haben, auf die angeblich jeder Gegenstand der Welt und die Welt als Ganzes hinstreben?

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Was heißt 'Frieden'?

Der gemeinsame, soziale Frieden ist ein hohes Gut. Es wäre allerdings ein Fehler, ihn lediglich mit eiem Zustand der Gewaltlosigkeit zu verwechseln. Zwar ist das Verstummen der Waffen das äußerlich wichtigste Zeichen eines Friedens, insbesondere nach einem Krieg. Der einfache Verzicht auf Gewalt kann aber keinen Frieden begründen, wenn zuvor Unfrieden herrschte, z.B. als Krieg oder permanent hin und her wogende Blutrache. Was aber begründet dann einen Frieden?

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Weibliche Schönheit

Der folgende Text versucht zu erklären, warum das Ideal weiblicher Schönheit ein uraltes, biologisch begründetes Zeichen für die soziale Unterwerfung der Frau unter die Herrschaft zunächst biologischer Männer, heute indessen unter die Herrschaft gesellschaftlich-struktureller Männlichkeit ist.

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