Die große Sinnlosigkeit

 

Lehre Tische und hochgeklappte Stühle in einem Strandcafé

War hier mal normales Leben?

Was wir seit einigen Jahren, besonders stark seit der Regierungsübernahme von Donald Trump in den USA, mit dem innergesellschaftlichen Konsens in vielen Ländern und der mühsam seit dem Zweiten Weltkrieg aufgebauten Völkerrechtsordnung erleben, ist für viele Menschen unbegreiflich und macht sie buchstäblich sprachlos. Wie kann es sein, dass sich in so kurzer Zeit ein großer Teil dessen, wovon zumindest die westlichen Gesellschaften seit mehr als zweihundertfünfzig Jahren politisch überzeugt ist, vor ihren Augen wie eine Sandburg unter dem Ansturm weltpolitischer Wellen auflöst? Es wurden schon viele Antworten auf diese Frage versucht. Zwei etwas tiefer als üblich gehende Aspekte dieser Entwicklung sollen hier untersucht werden, die bisher wenig Beachtung fanden. Beide betreffen nicht nur den vor unseren Augen stattfindenden Verlust an sozialer Ordnung, sondern damit auch einen wesentlichen Verlust an individuellem und kollektivem Lebenssinn.

1. Die Crux mit der Freiheit

Eine Besonderheit des aktuellen Verfalls sozialer Ordnung und der gesellschaftlichen Solidarität betrifft den Rückgang dessen, was bisher unter individueller und gesellschaftlicher Freiheit verstanden wurde. Die westlich liberalen Gesellschaften sind bis heute unter Berufung auf die Maximen der Aufklärung stolz darauf, immer und energisch für die individuelle Freiheit ihrer Mitglieder eingetreten zu sein. Das führte seit der Mitte des 18. Jahrhunderts zur einer Blüte der Wissenschaften, einem Aufstieg der freien Künste und einer historisch präzedenzlos erfolgreichen, unternehmerisch motivierten Wirtschaft. In den letzten beiden Jahrzehnten und mit immer noch steigender Intensität wird diese Idee der Freiheit allerdings von Gruppen gekapert, die sie auf das angebliche 'Recht' ausdehnen, die eigene Freiheit auch zum Schaden Dritter ausleben zu dürfen. Diese Entgrenzung wird oft als 'Recht des Stärkeren' kritisiert. Es handelt sich dabei allerding nicht um eine Neudefinition von Recht, sondern vielmehr um seine Abschaffung bzw. Ersetzung durch die Herrschaft letztlich physischer Übermacht. Frühere Stadien dieser Ideologie figurierten noch unter dem Namen 'Neoliberaismus'. Mit dem Aufstieg US-amerikanischer Tech-Milliardäre und ihrem Schutzherrn Donald Trump, der immer häufiger so wirkt, als sei er nicht mehr ganz bei Sinnen, gehören derlei freundliche Titel jedoch der Vergangenheit an. Nicht zufällig blühen gleichzeitig zum Verfall der US-amerikanischen Hegemonie auch in anderen großen Ländern der Welt autoritäre Ideologien mitsamt ihrem gewalttätigen politischen Führungspersonal.

Wie kann man eine solche Fehlentwicklung aufhalten? Diese Frage ist so groß, dass sie schon fast lächerlich wirkt. An dieser Stelle können dazu leider nur ein paar philosophische Hinweise gegeben werden. Aber vielleicht helfen sie einflussreicheren Personen als mir, dem Autor dieser Zeilen, einige praktische Schlussfolgerungen daraus zu ziehen.

Der Kern des Problems des modernen Freiheitsbegriffs liegt bereits in der Epoche seiner Entstehung, dem 18. Jahrhundert. Individuelle Freiheit wurde nach der Abkehr vom Absolutismus so verstanden, dass ihre einzige Grenze die gleichgroße Freiheit aller anderen Mitglieder einer Gesellschaft sei: Meine Freiheit endet an deiner Freiheit. Dies ist jedoch nur eine negative und im Grunde frustrierende Definition von Freiheit. Sie sagt nämlich nicht, wie man frei wird, denn das ist in einer individualstischen Gesellschaft Privatsache, die andere Leute nichts angeht. Aus dieser Perspektive geht jedoch etwas sehr Wesentliches verloren, nämlich die triviale Einsicht, dass wir alle nicht nur Individuen sind, sondern in einer Gemeinschaft leben, die überhaupt erst unsere Individualität ermöglicht. Die anfangs geschilderte Perversion des Freiheitsbegriffs ist nur die ins Extrem geführte Folge des Vergessens jener Gemeinschaftlichkeit, der wir alle bedürfen, um überhaupt überleben, geschweige sinnvoll leben zu können. Der alte, negativ-liberale Freiheitsbegriffs müsste folglich durch einen neuen, positiv-liberalen ersetzt werden. Der könnte lauten:

Die Freiheit einer Person entfaltet sich erst mit der Entdeckung der Freiheit ihrer Nachbarn.

Mit anderen Worten: Freiheit ist nicht definiert durch ihre Beschränkung im Kollektiv, sondern umgekehrt eine kollektive Eigenschaft ganzer Gesellschaften, aus der sich die individuelle Freiheit der Einzelnen erst ableitet. Wenn man entdeckt, dass man in einer freien Gesellschaft lebt, wird man die Freiheit anderer Personen nicht mehr als lästige Grenze der eigenen Freiheit erleben, sondern vielmehr als ihre Möglichkeitsbedingung.

2. Die Frage der Letztbegründung von Moral

Mit dem eingangs geschilderten, zunehmenden Verlust gesellschaftlicher Solidarität zeigt sich noch eine weitere soziale Störung, die nicht minder gefährlch ist. Auch sie hat schon seit alters her einen gefürchteten Namen: Nihilismus (lat. nihil = 'nichts'). Nihilisten sind Personen, die alle ethischen bzw. moralischen Vorgaben für das menschliche Verhalten für eine lächerliche Illusion halten, die entweder von Schwächlingen erfunden wurde, um trotz ihrer eigenen Schwäche eine stärkere Mehrheit dominieren zu können. Dies warf beispielsweise Nietzsche allen Christen vor. Ein anderer, in gewisser Weise umgekehrter Typ von Nihilisten fühlt sich dagegen so stark (ob zu Recht oder nicht, sei dahingestellt), dass sie oder er einfach keinen Grund sehen, auf andere Menschen Rücksicht zu nehmen. Es handelt sich bei solchen Personen also um charakterliche Verwandte jener oben beschriebenen Menschen, die auch ihre Freiheit nur als Befreiung von jeder Pflicht zur Rücksichtnahme auf ihre Umgebung verstehen.

In diesem zweiten Falle stellt sich jedoch eine andere Frage als jene zum Verständnis dessen, was Freiheit eigentlich bedeutet. Sie lautet: Selbst wenn ich grundsätzlich zu einem rücksichtsvollen, gemeinwohlorientierten Verhalten bereit bin, wie kann ich überhaupt feststellen, welches Verhalten in konkreten Situationen das ethisch beste ist? Auf diese Frage hat ebenfalls ein einflussreicher Aufklärer, nämlich Immanuel Kant in seiner Grundlegung zur Metaphysik der Sitten von 1785, eine sehr wirkungsmächtige Antwort gegeben. Er bezeichnete sie als 'Kategorischen Imperativ'. Der besagt, dass man sich möglichst immer so verhalten solle, dass die Prinzipien des eigenen Verhaltens allgemeine Geltung beanspruchen können. Das ist jedoch in Anbetracht der Komplexität unserer heutigen Welt allerdings eine so abstrakte Forderung, dass sie sich kaum jemals eindeutig auf konkrete Situationen anwenden lässt. Sie ist aber auch zu kopflastig. Denn gutes Verhalten muss auch emotional vertretbar sein, nicht nur formal und damit rechtlich. Das bedeutet, dass wir intuitiv und aus innerster Überzeugung meinen müssen, dass wir uns in einer konkret schwierigen Situation gut verhalten werden, um überhaupt auf eine solche Situation adäquat reagieren zu können. Wer nur aus Pflicht gegenüber abstrakten Prinzipien handelt, läuft Gefahr, in den berüchtigten Kadavergehorsam gegenüber Autoritäten zu verfallen, der gerade in Deutschland zu den grausamsten Verirrungen scheinbarer Moralität geführt hat. Wie aber kann ich spontan und trotzdem mit hoher Wahrscheinlichkeit moralisch treffsicher wissen, was ich als guter Mensch zu tun habe?

Der Mangel einer nur theoretisch vernünftigen Letztbegründung moralischen Verhaltens lässt sich - zumindest in den meisten Situationen - tatsächlich heilen. Dazu müssen wir lediglich den kantischen Kategorischen Imperativ vom Kopf auf die Füße stellen. Dann lautet er:

Handele jederzeit im Bewusstsein, ein Vorbild für die Menschen deiner Umgebung zu sein.

Dieses Prinzip greift zwar dann nicht mehr, wenn ich mich bereits in einer sozial extrem entsolidarisierten Umgebung bewege. Ein mörderischer SS-Mann der 1940er-Jahre würde dieses Prinzip ansonsten zur Rechtfertigung seiner Unmenschlichkeiten missbrauchen können. Abgesehen von solchen historischen Ausnahmesituationen lebt der größte Teil der Menschheit jedoch ganz überweigend nicht unter solchen Umständen, sondern in einer Gesellschaft, in der es durchaus Erwartungen an Solidarität, Empathie und einer Gemeinwohlorientierung des individuellen Verhaltens gibt. Diese Erwartungen können aber in konkreten Situationen nicht immer sofort kommuniziert werden. Dann ensteht entweder moralische Verwirrung oder es dominiert - schlimmer noch - ein rücksichtsloser Egoismus. In all diesen Fällen, die nach Auffassung des Autors dieser Zeilen den größten Teil unseres Alltags ausmachen, wäre es durchaus hilfreich, wenn wir uns jederzeit bemühen, uns vorbildlich zu verhalten. Zu ergänzen wäre freilich: ohne daraus gleich Überlegenheitsansprüche gegenüber unserer Umgebung abzuleiten.

Die Verinnerlichung unserer Vorbildwirkung hat den großen Vorteil, dass sie die intellektuelle Aushöhlung der Moral beseitigen hilft, die mit der kantischen Forderung vernünftiger Pflichterfüllung in die Welt gesetzt wurde. Oder anders gesagt: Wenn wir Vorbilder sein wollen, müssen wir dies auch emotional vertreten können und damit unmittelbar spüren. Dann wird es auch gelingen, und sogar gleich mehrfach. Wir dürfen darauf nämlich stolz sein (nicht im überheblichen Sinne, sondern als begründetes Selbstwertgefühl), und unsere Umgebung wird uns als positive Mitglieder ihrer Gemeinschaft erleben und uns eventuell nachahmen. Oder nochmals anders gesagt: Während der Kategorische Imperativ mit großer Wahrscheinlichkeit Rechthaberei produziert und in den Streit führt, wirkt das unmittelbar vorbildliche Verhalten im positiven Sinne ansteckend. Was wollen wir mehr?

Gesellschaft ist kein Haufen von Einzelnen

Gegen die beiden vorstehenden Analysen und Besserungsvorschläge der gegenwärtigen Situation könnte eingewandt werden, dass sie die Bedingungen individueller Existenz mit den großen dynamischen Gesetzlichkeiten ganzer Gesellschaften verwechseln. Dieser Einwand ist grundsätzlich berechtigt und sollte tatsächlich immer beachtet werden, wenn man gesellschaftliche Zustände psychologisch zu reduzieren versucht. Er trifft allerdings hier nicht zu. Denn obwohl die benannten Probleme letztlich nur durch breite Veränderungen auf der individuellen Ebene gelöst werden können, handelt es sich bei ihrer Analyse nicht um eine psychologische Herangehensweise, sondern im Kern um eine ideologische Kritik. Um ideologischen Fehlentwicklungen einer Gesellschaft entgegenzusteuern, bleibt aber keine andere Möglichkeit als die Ansprache ihrer Mitglieder, ihr Verhalten zu überdenken und bewusst, auch durch intellektuelle Reflexion, diejenigen Bereiche zu kritisch zu überprüfen, die uns am Ende allesamt existenziell betreffen. Denn die Atmosphäre einer Gesellschaft wird sich grundsätzlich nur bessern lassen, wenn alle Beteiligten, d.h. jede(r) Einzelne, auch zur Arbeit an sich selbst bereit sind, ihre ganz persönliche Wirkung auf diese Atmosphäre zu korrigieren. Der Hauptgewinn eines solchen Einsatzes ist nicht zu unterschätzen. Er lautet: Mehr Lebenssinn. (ws)

Frühere Leitartikel

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