Das radikal Andere, dein Körper

Torus eines Mannes

Schön und stark soll er sein, und natürlich auch intelligent

Schon der römische Dichter Juvenal sagte ungefähr um 100 n.Chr. in seinen Satiren, man solle dafür beten, dass der eigene, gesunde Körper auch einen gesunden Geist beherberge: "[...] mens sana in corpore sano". Das ist kein besonders aufregender Satz. Er könnte heute womöglich als Diskriminierung körperlich eingeschränkter Personen missverstanden werden. In männlich dominierten Gesellschaften galt ferner noch bis mindestens ins 18. Jahrhundert überall die angebliche Selbstverständlichkeit, dass es hinsichtlich des Werts von Frauen ohnehin nur auf ihren Körper ankomme. Der solle schön und fruchtbar sein. Weiblicher Geist? Bitte nicht zu viel davon. Das hat sich inzwischen geändert, wenn auch längst nicht so grundlegend, wie man sich heute gern glauben macht.

Der begehrte, der missbrauchte Körper

Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts hat im Übrigen auch die männliche Welt des globalen Westens ein zunehmendes Problem mit ihrer Körperlichkeit: Sportliche Geschicklichkeit und telegene Schönheitsideale bestimmten für eine Weile das bis dahin nur intellektuelle und finanzielle Selbstwertgefühl des modernen Mannes, weg vom Machtprotz. Und schon seit den 1920er-Jahren entdeckte eine starke Strömung der europäischen Philosophie die Leiblichkeit menschlicher Existenz auch für den Mann. Von Maurice Merleau-Ponty (1908-1961) bis zu Hermann Schmitz (1928-2021) entwickelte sich eine blühende 'Leibphilosophie', die sich die Wiederherstellung der Ganzheit von Körper und Geist auf die Fahnen schrieb. Die war infolge der christlichen Entwertung alles Körperlichen, nach dem Niedergang des religiösen Eifers nochmals von René Descartes, auf üble Weise zugerichtet worden. Nun, mit der Entdeckung neuer Leiblichkeit, sollte der Körper nicht mehr das radikal Andere des Ich sein, sondern vielmehr ein integraler Teil desselben. Die Ironie dieser Idee ist leider, dass die Herausführung des Weiblichen aus der Reduktion auf die Schönheit ihres Körpers davon nicht profitierte. Die Aufwertung des weiblichen Geistes blieb auch in der besagten Leibphilosophie eine Randnotiz. Und für die russischen Offiziere an der Ukraine-Front sind die Körper ihrer Soldaten ohnehin nur 'das Fleisch' (das, wenn es sich retten will, viel Bestechungsgeld an seine Vorgesetzten bezahlen muss).

In den 1970er-Jahren stürmte Michel Foucault die intellektuellen Köpfe. In seinem gesamten Werk stellte er weniger auf die Differenz männlich/weiblich, dafür aber umso stärker auf die Differenz zwischen erlaubter und unerlaubter Sexualität ab. Foucault machte den Gedanken stark, dass gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse wesentlich auf einer Kontrolle der Körperlichkeit, besonders der sexuellen Funktionen der Beherrschten, aufbauen. Die Aufhebung der Trennung von Körper und Geist würde, so Foucault, auch die Aufhebung aller Herrschaftsverhältnisse bedeuten, die den menschlichen Körper unterwerfen müssen, um diese Verhältnisse aufrecht zu erhalten. Auch dieser Gedanke, eine Art politischer Leibphilosophie, trug zumindest im Westen zu einem neuen, diesmal auch die weiblichen Körper emanzipierenden Bewusstsein bei, wenn auch meist nur in den etwas abgehobenen akademischen Stockwerken der westlichen Gesellschaften.

Schönheit hin, Dummheit her

Gleichzeitig brach sich überall auf der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg eine geradezu brutal ausbreitende körperliche Eitelkeit Bahn, medial vermittelt zunächst durch Film und Fernsehen, seit der Jahrtausendwende mehr und mehr über Soziale Netzwerke. Und wieder war es vor allem die Schönheit der Frau, die allerorten gnadenlos kommentiert wurde. Einige prominente Frauen wehrten sich dagegen, vergeblich. Die Wucht der Reduktion des Weiblichen auf die Schönheit ihres Körpers war neuerlich überwältigend, aller sexuellen Befreiung zum Trotz. Aber auch die Männer kamen nicht ungeschoren davon. Insgesamt emanzipierten sich die Frauen im globalen Westen nämlich durchaus und machten dem anderen Geschlecht mit der Zeit ziemlich erfolgreich dessen geistige Vorherrschaft streitig. Damit verlor das alte männliche Selbstbewusstsein Stück für Stück seine bis dahin wichtigste Ressource. Zwar reagierte die Beauty-Industrie recht geschickt darauf, indem sie Eye-liner und weiteres Make-up nun auch für Männer anbot. Aber so richtig wollten die Männer darauf nicht anspringen.

Nach wie vor hält sich hartnäckig - etwas grob gesagt - die allgemeine Auffassung, dass die Frauen in allem, was das Körperliche betrifft, 'besser' seien (emotional kompetenter, körperlich sensibler, bewusster, anderen Menschen zugetaner usw.), die Männer dagegen besser Autos reparieren und eine ordentliche Steuererklärung machen können, also zumindest noch das technisch intelligentere Hirn hätten, sozial allerdings oft irritierend dumm. Das ist nun wirklich nicht mehr der feine 'überlegene Geist', mit dem sich die männliche Welt früher im Spiegel sah. Ihnen blieb nur noch ein Zipfel ihres alten Stolzes. Die besseren Aktienhändler sollen sie ja noch sein. Na gut. Dafür stellen sie auf allen Kontinenten nach wie vor das gesamte politische Führungspersonal, insbesondere in der Rolle von Berserkern und Massenmördern.

Künstliche Intelligenz und natürliche Körper

Und nun das: Seit einigen Jahren schlägt wie eine Bombe die Künstliche Intelligenz wieder in dieselbe Kerbe. Zwar äußern sich auch viele Frauen zu deren Vorteilen und Gefahren. Aber die genialen Erfinder dieser Technik und vor allem die Multi-Milliardäre, die das alles bezahlen und wie irre um ihre Vorherrschaft konkurrieren, sind alles Männer. Gleichzeitig kriecht von hinten, als hätte sie nur darauf gewartet, die alte Differenz zwischen weiblicher und männlicher Körperlichkeit vor allem über die Schultern der Frauen hinauf und lächelt ihnen verschlagen ins Gesicht: Die inzwischen zig Millionen zählenden virtuellen Partner, mit denen zahlende Kundinnen sehr intime digitale Beziehungen unterhalten, sprechen ganz überwiegend Frauen an. Sexuelle deep fakes finden ebenfalls vor allem Frauen als ihre Opfer.

Die Männerwelt degeniert derweil mit erschreckender Geschwindigkeit zur manosphere, d.h. zu einem gesellschaftlich unverdaulichen Klumpen Fundamental-Frustrierter. Es ist zum Heulen: Beide Geschlechter schaffen es nicht, aus ihren noch vor dreißig Jahren endgültig überwunden geglaubten Geschlechterstereotypen auszubrechen. Gegenseitige Beschwerden über die Fehler des jeweils anderen Geschlechts und die Rückkehr biologistischer Diskurse gehören heute wieder zum Alltag.

Immer noch sind unsere Körper das radikal Andere

Und unsere Körper? Sie sind uns so fremd geblieben wie schon vor hundertzwanzig Jahren, als vor dem Ersten Weltkrieg der große Aufbruch mit den europaweiten Reform- und Naturbewegungen begann. Im Vergleich zu heute war das ein Frühling des neuen Geschlechterverhältnisses. Doch nicht mehr: Für die Frauen sind ihre Körper längst wieder die existenzielle Bühne ihres brüchigen Selbstwertgefühls. Für die Männer sind die ihrigen mehr denn je der Gegenstand jenes alten Rätsels, was sie mit ihren Körpern eigentlich anfangen sollen. Dicke Muckis als Ausweis bärbeißiger Kampfkraft sind nicht mehr so gefragt, männlich-sexueller Überdruck schon gar nicht, und eine zur Schau getragene, neu-männliche Körpereitelkeit wird von Frauen zu Recht nur mit einem verächtlichen Lächeln quittiert. Das ist doch ihre Domäne. In Lateinamerika bekommen Mädchen schon zur Kommunion ihre erste Schönheitsoperation geschenkt. Und in Europa, den USA, Kanada und Australien wünschen sich viele Jugendliche eine Geschlechtsumwandlung per Skalpell.

Unsere Körper sollten aber niemand Anderes' Domäne sein. Doch das zu ändern greift sehr tief in unseren Umgang miteinander ein. Foucualt hatte schon Recht: Wer daran rüttelt, bringt die Welt ins Wanken. (ws)

Frühere Leitartikel

Fremdheit und Vertrauen

Der griechische Philosoph Panajotis Kondylis (1943-1998) geht in seiner Sozialontologie sehr nuanciert und äußerst kenntnisreich auf ein Thema ein, dass uns heute mehr denn je betrifft: den Umgang mit Fremden. Der folgenden Auszug aus "Das Politische und der Mensch." Grundzüge der Sozialontologie Bd. 1: Soziale Beziehung, Verstehen, Rationalität, Akademie Verlag, Berlin 1999, lehrt uns, wie der unaufgeregte und dennoch sehr humane Umgang mit "dem Fremden" stattfinden kann.

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Das Zeitalter der Bilder

Wir leben im Zeitalter der Bilder. Jenes der Zeichen haben wir hinter uns. Im Kampf um die Aufmerksamkeit der Medienkonsumenten haben die Zeichen grundsätzlich das Nachsehen: Sie müssen interpretiert werden. Bilder, besonders die bewegten, sind da klar im Vorteil. Ihre suggestive Unmittelbarkeit schlägt alle anderen visuellen Konkurrenten mühelos aus dem Feld. Ob das als Fortschritt zu bezeichnen ist, bleibt abzuwarten.

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Ein Toast auf die Vernunft!

Der Zeitgeist meint es gerade nicht besonders gut mit der Vernunft. Lang ist es her, dass Leute vom Range eines Voltaire und Kant sich für sie einsetzten. Die Vernunft ist heute überall in der Defensive. Sie muss sich vor allem in den verwöhnten und reichen Ländern der Erde gegen den Vorwurf der Gefühlskälte, der Langweiligkeit, der Besserwisserei, gar der regelrechten Arroganz verteidigen. Was ist schief gelaufen, dass der vernünftig auftretende Mensch so schlechte Karten hat? - Von Georg Sultan

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Weibliche Kultur

Im Jahre 1911, also vor etwas mehr als 100 Jahren und nicht zufällig zu jener Zeit, als auch Sigmund Freud intensiv über Sexualität (dabei "Irgendwie" auch über die gesamte Geschlechterfrage) nachdachte, schrieb der schon zu Lebzeiten berühmte Philosoph und Soziologe Georg Simmel über das Verhältnis des Weiblichen und Männlichen zueinander. Simmels Text ist wegen seiner Subtilität bemerkenswert. Trotz aller Rückständigkeit seiner Zeit in Fragen der Gleichbereichtigung, in der z.B. fast gleichzeitig zu seinem hier abgedruckten Text Otto Weininger im Jahre 1903 sein bösartig-lächerliches Traktat "Geschlecht und Charakter" schrieb, verfasste Simmel einen Aufsatz, der nicht nur soziologische Fakten zu erhellen versucht, sondern vor allem auf die existenzielle Notwendigkeit einer Differenz abstellt, ohne die uns Menschen die Lust am Leben womöglich in erheblichem Umfange vergehen könnte. Er verortet diese Differenz, bei aller Wissenschaftlichkeit, letztlich an seltsam undurchdringlichen Orten, an reichlich unzugänglichen Stellen der kollektiven Psyche. Seine Beschreibung würde in mancher Hinsicht, von heutigen Diskutanten irgendwo auf einem universitären Podium vorgetragen, wahrscheinlich nur Häme ernten. Doch eine solche Verurteilung ist oberflächlich. Denn Simmel schreibt nicht aus mangelndem Respekt oder gar Verachtung für das Weibliche, sondern aus dem ehrlichen und sehr kritischen Versuch heraus, die Notwendigkeit der Geschlechterdifferenz, wie immer man sie auffassen mag, in eine für alle Beteiligten positive Form zu bringen.

Es folgt der gesamte, ungekürzte Text seines Aufsatzes aus dem Jahre 1911.

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Die Bedeutung der Unterscheidung von Staat und Gesellschaft im demokratischen Sozialstaat der Gegenwart

Während die klassische Staatstheorie den Staat schon seit Thomas Hobbes (als Vertrag der Gründungsmitglieder) über Lorenz von Stein (als Idee des Sozialstaats) bis zum modernen Institutionalismus z.B. bei Francis Fukuyama als Lösung des Problems ansieht, wie man den Einzelnen vor dem ungezügelten Egoismus seinesgleichen schützen kann, gibt es - um mit Freud zu sprechen - ein zunehmendes Unbehagen in der politischen Kultur angesichts einer immer umfassenderen und kaum mehr zu kontrollierenden Staatsmacht, die sich verselbständigt und tendenziell sich die Bürger weit über das Maß hinaus unterwirft, als dies für das Gemeinwohl notwendig ist. Dies gilt keineswegs nur für autoritäre Staaten, sondern zunehmend auch für die westlichen "Kernländer" demokratischer Verfassung. Ernst-Wolfgang Böckenförde hat bereits im Jahre 1972, gegen den damaligen Mainstream, vor einer solchen Entwicklung mit wirkungsmächtigen Argumenten gewarnt. Sein Text hat nichts an Aktualität verloren.

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Naturphilosophie im 16. und 17. Jahrhundert und moderner Holismus

Bereits seit ca. 30 Jahren ist ein ständig steigendes Interesse an der Entwicklung des Wissenschaftsbegriffs aus dem ausgehenden Mittelalter und der frühen Neuzeit zu beobachten. Tove Elisabeth Kruse (Forskning - Roskilde Universitet, Dänemark), zeigt in einem Aufsatz aus dem Jahre 1999 einige zentrale Aspekte des faszinierenden Übergangs vom mittelalterlichen zum modernen Denken auf.

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Kultur, Logik und Sprache

In diesem Beitrag setzt sich Lennart Lennart Nørreklit kritisch mit der fundamentalen Version des Kulturrelativismus auseinander, die sogar die "westliche" Logik als nicht unversell betrachtet. Er antwortet hiermit auf den Artikel von Wolfgang Sohst ("Hilfe in höchster Not"), der bei MoMo am 23.10.2014 auf der Titelseite erschien.

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Auch wir sind Charlie Hebdo (mit: "Schicksal und Charakter" von Walter Benjamin)

Das Attentat auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" und den jüdischen Supermarkt in Paris am 7.01.2015 markieren einen neuen Höhepunkt in einem Konflikt, der im Grunde politischer Natur ist, an der Oberfläche und in den Köpfen vieler Mitläufer aber im religiösen Kontext ausgetragen wird. Zu einem zentralen Aspekt des darauf aufbauenden Denkens hat bereits im Jahre 1919 Walter Benjamin in seinem Aufsatz "Schicksal und Charakter" Stellung genommen. Hier sein Essay im Original.

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Lost and Found in Translation

Wie findet paradigmatisch in der Kunst, praktisch aber auch in allen anderen kulturellen Handlungsfeldern die Übertragung von Inhalten in einen anderen Kontext oder in ein anderes Medium statt, also die Umsetzung, Paraphrase, Transformation, Erfindung von Bedeutung? Tasos Zembylas untersucht den kulturwissenschaftlichen Begriff der Translation, um das Phänomen in seinen Ursprüngen zu verstehen.

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In höchster moralischer Not

In Anbetracht einer sich immer stärker integrierenden Weltgesellschaft drängt sich die moralische Kernfrage auf: Gibt es absolute Bewertungskriterien, an denen sich die historische Entwicklung einer Gesellschaft oder eines Kulturraums messen lassen muss?

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