Die Eigensinnigkeit der Welt

 

Ein kleines, weinendes Kind in einem Stellchen

Er will etwas, aber die Welt macht nicht mit

Die Welt kann man nicht retten. Das sagt nichts darüber, in welchem erbärmlichen oder wunderbaren Zustand sie tatsächlich ist. Es verhält sich wohl eher so: Sie lässt sich nicht retten. Aber sollten wir uns nicht zumindest um ihre Besserung bemühen? Nun ja, das hängt davon ab, was man unter 'Besserung' versteht - und ob man sich zutraut, sie herbeizuführen.

Wie alles begann

Es gab eine Zeit, eine sehr lange, in jedem einzelnen von uns uns, in allen Gesellschaften und sogar hinsichtlich der gesamten Menschheit, in der die Welt einfach so war, wie sie gerade daherkam. Du und ich, wir vor Zehntausenden Jahren und schließlich alle Lebewesen einschließlich der Pflanzen und Pilze und was es es sonst noch an biologischen Gewächsen gibt, hatten es oft schwer. Leben heißt für die meisten Lebewesen: fressen und gefressen werden. Diese ziemlich 'nackten Tatsachen des Lebens' ließen über Millionen Jahre, d.h. über den größten Teil des Zeitraumes seit der Entstehung von Leben auf der Erde, weder zu, noch war es überhaupt möglich, über den Sinn einer solchen kosmischen Installation nachzudenken. Soweit wir inzwischen mit Fernrohren in die Weiten des Alls schauen können, scheint die anschließende Entwicklung vielleicht nicht einmalig, aber doch äußerst selten zu sein.

Vor nach kosmischen Maßstäben sehr kurzer Zeit fand plötzlich ein Sprung in der Entwicklung von homo sapiens statt, den man nicht anders als verblüffend bezeichnen kann. Plötzlich sollten der Mensch bzw. seine ursprünglich noch sehr kleinen Gruppen etwas. Mit diesem Sollen kam die vielleicht folgenreichste Eigenschaft in der Evolution unserer Spezies zum Vorschein, nämlich die Unterscheidung zwischen gut und böse. Nur um es klarzustellen: 'Gut' und 'böse' meinen hier nicht einfach, dass uns bestimmte Zustände der Welt passen oder nicht. Schon dem Spatzen auf dem Baum, der im Frühjahr emsig mit dem Bau eines neuen Nestes für seine Jungen beschäftigt ist, passt es nicht, wenn der Wind sein Nest ständig in Unordnung bringt. Geduldig richtet er es wieder, wohl unterscheidend zwischen einem guten und einem schlechten Nest. 'Gut' und 'schlecht' ist aber nicht dasselbe wie 'gut' und 'böse'. Im Gegenteil, der Unterschied zwischen ihnen ist himmelweit. 'Gut' und 'böse' bringt eine moralische Allgemeinheit in das Spiel des Lebens, die die alte Welt nicht kannte.

Der große Problemlöser - oder auch nicht

Wenn wir also überlegen, ob man die heutige Welt noch retten kann, dann meint dies nicht, ob sie aktuell nur in einem schlechten Zustand ist wie ein klapperndes Auto, sondern dass sie ausdrücklich böse ist. 'Böse' heißt hier: Moralisch grundsätzlich auf dem falschen Weg. Wer aber sagt uns den richtigen? Seitdem die Menschen fähig wurden, über sich nachzudenken, zunächst über sich im Plural, also das eigene Kollektiv und seine Bestimmung, seit noch viel kürzerer Zeit aber auch über sich als Individuum, fragen wir uns, wer schlussendlich über den richtigen Weg Bescheid weiß. Weil es aber kein Tier und auch keinen wirklichen Menschen gab, das oder der die Fähigkeit und die Autorität zur Beantwortung dieser Frage besaß, musste eine neue und ziemlich merkwürdige Figur herbeigeschafft werden, der man diese Fähigkeit abverlangen konnte. Das waren die Götter, später dann nur noch einer (meist männlich): der Gott. Diesen jenseitigen Wesen schoben die Menschen das in den Mund, was fortan Befehl und Leitbild ihrer eigenen Entwicklung sein sollte: der explizit gute Mensch. Alle großen Kulturen der Welt entwickelten solche Vorstellungen. Das mag man merkwürdig finden, aber es scheint so, dass mit derselben genetischen Entwicklung, die uns zum Sprechen und Denken brachte, auch jene Grundunterscheidung zwischen 'gut' und 'böse' unausweichlich wurde, wenn auch regional und individuell unterschiedlich intensiv.

Damit kommen wir jener Frage schon etwas näher, ob man die Welt retten kann. Das Problem scheint hier nicht nur zu sein, dass sich vermutlich kaum eine Einigung darüber erzielen lässt, ob es überhaupt etwas zu retten gibt und wenn, wie man das anstellen könnte. Vielmehr stellt sich die noch grundsätzlichere Frage, ob sich die Welt, selbst wenn wir uns einig sind, dass sie gerettet werden sollte und wie das anzustellen sei, überhaupt retten lässt. Es spricht leider einiges dafür, dass dies nicht der Fall ist.

Wir brauchen an dieser Stelle nicht auf die Ebene der Photonen, Elektronen und Atome hinunterzusteigen. Dort geschieht zweifellos ohne jegliche Moral wirklich nur das, was irgenwelche zufälligen Bedingungen schon mit der Entstehung unseres Universums ihnen zu tun aufgaben. Aber Menschen sind ja nicht nur eine gut organisierte Anzahl von Atomen, Chemikalien und sich gesetzlich zumindest überwiegend wohlverhaltenden Staatsbürgern. Sie sind auch autonom in dem Sinne, dass sie eigenbestimmt sind, und das heißt: eigenwillig, eigensinnig und schwer zu beherrschen. Gut so. Oder schlecht so. Das kommt eben ganz darauf an, wie man das Raster des Guten und Bösen über diese Landschaft menschlicher Zustände legt. Dann soll plötzlich vieles anders sein, als es tatsächlich ist. Aber das Viele wehrt sich in seiner eigensinnigen, höchst komplexen Sturheit dagegen. Dann sind wir verzweifelt, weil die Welt angeblich so dumm ist.

Hinweis in der U-Bahn: "Bei Ausfall aller Ordnung Ruhe bewahren."

Gibt es eine Lösung für dieses Dilemma? Also: Lässt sich die Welt selbst dann nicht retten, wenn es doch für alle, die nicht vollkommen taub und blind sind, gar keine Frage gibt, dass mittlerweile die gesamte biologische Welt in einem furchtbaren Zustand ist und wir womöglich allesamt auf unseren gemeinsamen Untergang zusteuern? Nun ja, vor ungefähr tausend Jahren rauften sich viele Christen bereits aus ähnlichen Gründen die Haare. Sie werden heute als Millenaristen bezeichnet und meinten, der baldige Weltuntergang sei unumgänglich. Die Welt ging allerdings nicht unter, sondern entwickelte sich munter weiter, je nach Perspektive genauso stark im Guten wie im Bösen. Inzwischen haben wir riesige staatliche Bürokratien, minimalinvasive Kleinstroboter, die durch unsere Venen bis zum Herzen hochkriechen und uns vor dem sicheren Tod retten, aber auch einige supermächtige und total durchgeknallte Politiker mit Atombomben, die mit den monetarisierten Überschüssen unserer Arbeit, also Steuern, immer wieder nur ihre Grandezza auf Hochglanz polieren.

Schwierige Sache also, was die Rettung der Welt angeht. Hier hat die alte chinesische Kultur vielleicht auch für uns, die Westler, einiges beizutragen. Es gibt dort die Formel des 無為, transliteriert 'Wu wei'. Sie kommt aus der Schule des Daoismus, genauer: von Laotse, der ungefähr 400 Jahre vor unserer Zeitrechnung lebte. Der Slogan bedeutet wörtlich „Nicht-Tun“ oder „Nicht-Handeln“, meint aber kein simples Nichtstun oder Faulenzen, gar depressives Aufgeben. Er steht eher für ein müheloses, intuitives Handeln im Einklang mit dem natürlichen Lauf der Dinge. Wer, so Laotse, nach dem Prinzip des Wu wei lebt, erzwingt nichts, sondern passt sein Handeln klug und und tolerant an die jeweilige Situation an – wie ein Segler, der sich von den Wellen tragen lässt, anstatt gegen sie anzukämpfen. Nur so erreicht man sein Ziel. Die Intuition hinter dem Wu wei scheint zu sein, dass reale Kraft sich äußert, wenn man Hindernissen nicht mit roher Gewalt begegnet, sondern Konflikte mit kluger Gelassenheit und der dann resultierenden Vermittlung zwischen Sein und Sollen überwindet.

Ja, die Welt ist eigensinnig und lässt sich partout nicht retten. Aber vielleicht hat sie das auch gar nicht nötig. (ws)

Frühere Leitartikel

Weibliche Kultur

Im Jahre 1911, also vor etwas mehr als 100 Jahren und nicht zufällig zu jener Zeit, als auch Sigmund Freud intensiv über Sexualität (dabei "Irgendwie" auch über die gesamte Geschlechterfrage) nachdachte, schrieb der schon zu Lebzeiten berühmte Philosoph und Soziologe Georg Simmel über das Verhältnis des Weiblichen und Männlichen zueinander. Simmels Text ist wegen seiner Subtilität bemerkenswert. Trotz aller Rückständigkeit seiner Zeit in Fragen der Gleichbereichtigung, in der z.B. fast gleichzeitig zu seinem hier abgedruckten Text Otto Weininger im Jahre 1903 sein bösartig-lächerliches Traktat "Geschlecht und Charakter" schrieb, verfasste Simmel einen Aufsatz, der nicht nur soziologische Fakten zu erhellen versucht, sondern vor allem auf die existenzielle Notwendigkeit einer Differenz abstellt, ohne die uns Menschen die Lust am Leben womöglich in erheblichem Umfange vergehen könnte. Er verortet diese Differenz, bei aller Wissenschaftlichkeit, letztlich an seltsam undurchdringlichen Orten, an reichlich unzugänglichen Stellen der kollektiven Psyche. Seine Beschreibung würde in mancher Hinsicht, von heutigen Diskutanten irgendwo auf einem universitären Podium vorgetragen, wahrscheinlich nur Häme ernten. Doch eine solche Verurteilung ist oberflächlich. Denn Simmel schreibt nicht aus mangelndem Respekt oder gar Verachtung für das Weibliche, sondern aus dem ehrlichen und sehr kritischen Versuch heraus, die Notwendigkeit der Geschlechterdifferenz, wie immer man sie auffassen mag, in eine für alle Beteiligten positive Form zu bringen.

Es folgt der gesamte, ungekürzte Text seines Aufsatzes aus dem Jahre 1911.

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