Das goldene Kalb der Rationalität

Nicolas Poussin: Das goldene Kalb (1634)

Ziemlich verrückt, aber zumindest ist gute Stimmung (Nicolas Poussin: Das goldene Kalb, 1634)

Was 'Rationalität' im heutigen Sprachgebrauch bedeutet, erklärt sich womöglich am schnellsten, wenn man nach der Bedeutung seines Gegenbegriffs fragt: Was heißt es, irrational zu handeln? Dieser Artikel versucht Licht auf einen überraschend unübersichtlichen Gegenstand zu werfen. Zunächst ein paar knifflige Fragen:

  • Ist es rational, wenn eine westliche Person in durchschnittlicher wirtschaftlicher Lage einen Haushaltsartikel aus China kauft, weil der nur die Hälfte eines vergleichbaren Artikels europäischer Herkunft kostet?
  • Ist es rational, sich auf einer ausgelassenen Party beim Tanzen vollkommen auszutoben, vorausgesetzt, niemand kommt dabei zu Schaden?
  • Ist es irrational, wenn jemand wegen ihrer bzw. seiner Flugangst nicht mehr fliegt, obwohl das sehr umständlich ist und viele interessante Reiseziele verunmöglicht, statt eine von der Krankenkasse bezahlte Therapie zu machen?
  • Ist es irrational, wenn eine Künstler:in ohne konkretes Ziel mit der Arbeit an einem neuen Werk beginnt, und nur von ihrem inneren Schaffensdrang motiviert ist?
  • Ist das Spielen von Kindern durch Ausprobieren und Experimentieren mit unbekannten Materialien rational oder irrational?

Die Antwort auf alle diese Fragen dürfte zunächst im Sinne von 'Das kommt darauf an...' ausfallen. Die wenigen Beispiele zeigen bereits, dass die übliche Vorstellung von Rationalität im Sinne von (a) Zweckbestimmung -> (b) adäquate Mittelbestimmung zur Zweckerreichung -> (c) Ausführung der Aufgabe nur in einer relativ speziellen Fallgruppe plausibel ist, die womöglich gar nicht die im Alltag häufigste ist. Noch schwieriger wird es, wenn wir vor einer Kette von Handlungen stehen, in der jedes Glied für sich gesehen unproblematisch rational ist, die Handlungskette insgesamt aber eher fragwürdig. Auch hier gibt es viele Beispiele: Wie steht es mit der Rationalität eines religiösen Rituals, z.B. einer katholischen Messe, die hochgradig formalisiert ist, deren letztes Ziel aber der Umgang mit einer transzendenten Gottheit ist, für deren Existenz bisher kein Beweis erbracht werden konnte? Oder wie steht es mit der jahrelangen Bemühung einer Person um die Liebe einer anderen Person, deren Erfolg vollkommen ungewiss ist und für unbeteiligte Dritte auch nicht wirklich nachvollziehbar?

In Anbetracht solcher Schwierigkeiten beantwortete die westliche Moderne alle derartigen Fragen, indem sie den materiellen Vorteil als letzten Sollenszweck favorisierte. Dessen relativer Planungsvorteil und die resultierende, erhöhte Erfolgswahrscheinlichkeit scheinen dafür zu sprechen, sein Handeln auf einen solchen engen Begriff von Rationalität zu konzentrieren. Darin setzt sich die westliche Moderne freilich substanziell nicht nur von vielen anderen Kulturen, sondern auch vom eigenen, vorangehenden Mittelalter und der frühen Neuzeit ab, wo ‚das Leben‘ der höchste Wert göttlicher Schöpfung war. Ein solcher transzendente Endzweck fällt damit komplett weg bzw. sinkt zu einer wertneutralen Erscheinung der an sich zwecklosen Natur herab. Dieser kollektive Sinneswandel war freilich mit erheblichen Konsequenzen verbunden, insbesondere einem existenziellen Sinnverlust betreffend den Wert des eigenen Lebens. Der konnte nur kompensiert werden, indem der ‚höchste‘ Zweck allen Lebens in die Innenwelt des einzelnen, jetzt an sich selbst zwecklosen Lebewesens hineinverlegt wurde. Ein entsprechend reduzierter Rationalitätsbegriff erscheint aus heutiger Sicht allerdings etwas hilflos in Anbetracht der möglichen, sozialschädlichen Folgen.

Hurra, das goldene Kalb ist wieder da!

Könnte es sein, dass der materialistisch reduzierte, westliche Rationlitätsbegriff bei näherer Betrachtung eher der Anbetung eines goldenes Kalbes ähnelt als dem, was man mit gutem Gewissen als 'vernünftiges Handeln' bezeichnen könnte? Wie wir inzwischen wissen, haben andere Kulturen die Frage nach dem sinnvollen Handeln ganz anders beantwortet. Auch der moderne, westliche Materialismus kam im Übrigen erst im mittleren 18. Jahrhundert durch die Verbindung dreier an sich ganz verschiedener Wesensmerkmale der westlichen Kultur zur Blüte, nämlich

  1. der alte, fortwirkende Wille zur symbolisch absoluten Vereindeutigung von Begriffen in ihrem Verhältnis zur Welt. Dieses kulturell sehr auffällige Merkmal des westlichen Kulturraums lässt sich zurück bis auf den Begriff des logos in der griechische Antike zurückverfolgen; ferner
  2. die europäische Industrialisierung im Zuge des Aufstiegs der Naturwissenschaften; und schließlich
  3. die christliche Erlösungslehre, die sich im 18. Jahrhundert zum modernen Fortschrittsdogma wandelte.

Diese drei Komponenten brachten gemeinsam das materialistisch reduzierte Rationalitätsideal hervor, übrigens auch und sogar besonders im Marxismus. Damit wird auch klar, dass die westliche Vorstellung von ‚Rationalität‘ im Grunde nur eine kulturell sehr spezielle Insel in einem unendlichen Meer anderer Weltverhältnisse ist, die ganz andere Rationalitäten aufweisen können, aus der westlichen Sicht allerdings pauschal als das Nicht- oder Irrationale erscheinen. Der westliche Rationalitätsbegriff könnte sich am Ende jedoch nicht nur als zu enge, sondern sogar als manifest schädlich herausstellen, wenn man bedenkt, dass er einen weltweiten Konsumismus befeuert und zum Mantra global agierender Großkonzerne geworden ist, die häufig durch extreme soziale Rücksichtslosigkeit auffallen, nicht durch eine allgemeine, globale akzeptable Vernunft.

Vielleicht sollten wir mit der oberflächlichen, instrumentellen Rationalität etwas vorsichtiger umgehen. Sie lässt sich leicht missbrauchen. Schon eher bietet sich der Maßstab der Vernunft an. Aber was ist Vernunft? In jedem Falle zieht sie den Betrachtungshorizont nicht so eng wie jenen der Rationalität. Und auch die Vernunft wird nicht überall als dasselbe verstanden, weder im Verhältnis der einzelnen Person zu ihrer Gesellschaft, geschweige denn interkulturell. Aber vielleicht ist zumindest die Richtung eines solchens Denkens zumindest vertretbarer als das enge Korsett materiellen Erfolgsstrebens. (ws)

Frühere Leitartikel

Kollektive Identität

Der weltbekannte indische Wirtschaftswissenschaftler und Philosoph Amartya Sen kritisiert in seinem Buch "Die Identitätsfalle: Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt" (dtv, 2010) die üblichen Identitätszuweisungen zu einzelnen Menschen z.B. als Moslems, Christen, Amerikaner, Deutsche etc. als viel zu grob und meint, dass hieraus schwere Konflikte entstehen. Seine Absichten sind zweifellos gut; seine Analyse ist jedoch leider untauglich.

Weiterlesen …

Bei Habermas: Fehlt da nicht was?

Die 'Theorie des kommunikativen Handelns' ist nicht nur das opus magnum von Jürgen Habermas, sondern auch sein wichtigster und weltweit einflussreichster Beitrag zur modernen Gesellschaftstheorie. Der Beitrag weist auf einen zentralen blinden Fleck der Theorie hin, der bisher selten thematisiert wurde: Was ist überhaupt der Sinn von all der Kommunikation, um die es hier geht?

Weiterlesen …

Keine Gleichheit im Unrecht

Es gibt wenige Grundsätze des sozialen Zusammenlebens, die weltweit und kulturunabhängig so starke Geltung haben wie der Satz „Keine Gleichheit im Unrecht“. Merkwürdigerweise ist dieser Satz dennoch, soweit mir bekannt, in keiner aktuellen Rechtsordnung unmittelbar formuliert. Er ist ebenso fundamental wie sein Zwillingssatz, die so genannte „Goldene Regel“, die ebenfalls in praktisch allen menschlichen Kulturen und zu allen Zeiten galt und gilt.

Weiterlesen …

Nachdenken. Lesen. Schreiben.

Das allgemeine, gesellschaftliche Interesse an Philosophie ist zweifelsohne groß. Es ist aber meist nicht die akademische Disziplin dieses Namens, die auf die Menschen anziehend wirkt, sondern etwas anderes… vielleicht etwas Geheimnisvolleres, das mit dem Wort Philosophie einhergeht. Der Beitrag von Wolfgang Sohst beschreibt jene Haltung, durch die man das Land und die Lust an der Philosophie wie von selbst entdeckt:

Weiterlesen …

Die Intelligenz und ihre Ableger, die künstliche Intelligenz

Rainer Reusch, Kunsthistoriker und Kunstphilosoph, reflektiert in diesem Beitrag den Begriff der Künstlichen Intelligenz. Er bezieht sich dabei auf den letztens bei MoMo von Henri Schmitt gehaltenen Vortrag zu diesem Thema.

Weiterlesen …

Der ungesühnte Königinnenmord

Immanuel Kant veröffentlichte 1781 ein schwer verständliches Buch unter dem Titel „Kritik der reinen Vernunft“ und legte damit den Grundstein seiner sog. Tranzendentalphilosophie. Es ist erstaunlich, dass dieses Buches eine so nachhaltige Wirkung hatte, obwohl das darin beschriebene Weltmodell nicht anders denn als philosophischer Coup d’état zu bezeichnen ist: Es ist ein Putsch gegen vollkommen indisponible Merkmale unser aller Weltverhältnis. Kant behauptet nichts Geringeres als die Unerkennbarkeit der Welt außerhalb unserer Köpfe. Sogar Raum und Zeit werden von ihm kurzerhand zu reinen Formen der Anschauung zurechtgestutzt, also – in heutiger Sprechweise – zu neurophysiologischen Funktionen unserer individuellen Gehirne. Wie konnte es dazu kommen?

Weiterlesen …

Warum eine „Philosophie der Kunst“ betreiben?

Warum sollte man über Kunst philosophieren und das gar bis zur „Kunst als Philosophie“ (Pippin) weiter treiben? Die Seele der im Globalen lebenden Menschen retardiert in der diesseitigen geistigen Umnachtung der Welt und ihrer Bilderflut. Die Seele des Philosophen strebt nach Aufklärung in geistiger Helle, wo sich das Paradox der Universalien und ihr dialektischer Mangel auftun (Platon, Höhlengleichnis). Man erinnere sich des Aristoteles, der sagt, da, wo die Vernunft nichts mehr bewirken könne, „Gewalt“ angesagt sei. Mit „Gewalt“ sei hier mal an die zupackende Poesis gedacht.

Weiterlesen …

Gut und Böse sind Geschwister

Das Gespenst vom gesellschaftlichen Ziel der Ausrottung des Bösen durch das Gute ist nicht so leicht zu besiegen. Dieser Wahn, keineswegs nur in extremistisch-islamischen Regionen dieser Welt heimisch, sondern auch in den starkreligiösen USA überwach, ist eine Obsession, die man als Nichtbesessener kaum versteht. Dabei bedarf es nur eines kurzen Blicks in die jüngere Geistesgeschichte, um zu sehen, dass die Rede vom Kampf des Guten gegen das Böse - jenseits religiösen Wahns - nur leerer Schall und Rauch ist. Die Welt funktioniert einfach anders.

Weiterlesen …

Das Menschenbild der neuen intellektuellen Rechten

Wer ist diese intellektuelle Rechte, die mit ihren ununterbrochen apokalyptischen Warnungen vor einer Spaltung und vor einer Überfremdung der Gesellschaft, gerne auch vor einer Ausplünderung der angeblich so fleißigen, kultivierten und treuherzigen Deutschen an die Öffentlichkeit drängt? Im Folgenden geht es nicht um konkrete Namen. Stattdessen wird kurz beschrieben, welches Menschenbild diese Intellektuellen vereint, und was das Giftige ihres geistigen Nahrungsangebots ausmacht.

Weiterlesen …

Amartya Sen und der "Krieg der Kulturen"

Amartya Sen (Nobelpreisträger des Jahres 1998 für Ökonomie) legt in seinem Buch "Die Identitätsfalle" übrzeugend dar, dass es (gegen Samuel Huntington's These) keinen Krieg der Kulturen gibt. Menschliche Kulturen sind zu vielfältig, um sie in die simplen Schemata einer Religion, Nationalität oder was auch immer zu pressen. Wohl aber scheint es, seinen eigenen Beweisen folgend, einen Kampf der Vernunft gegen den Obsukarantismus und die Intoleranz zu geben, soweit wir in der Geschichte aller Kulturen auch nur zurückblicken können.

Weiterlesen …