Du kommst, um mich zu töten

 

Bombe vor rotem Himmel

Wenn der Krieg beginnt, zerbricht etwas

"Du kommst, um mich zu töten", sagte am 9. Oktober 1967 Ernesto "Che" Guevara zu Mario Terán Salazar, einem einfachen Soldaten des Manchego-Regiments der bolivianischen Armee, als dieser durch die Tür eines winzigen ehemaligen Schulhauses in dem bolivianischen Andendor La Higuera zu seinem berühmten Gefangenen eingetreten war. In der Tat: Er war von seinem Vorgesetzten bestimmt worden, Guevara zu töten. Nach einigem Zögern, mit Schnaps und viel Schuldgefühl tat er es.

Die Szene ist ikonisch, weil hier ein angeblicher Held sein Ende fand. Warum aber eigentlich nur deshalb? Wenn man einmal von der realen Person Guevaras absieht, die keineswegs ein Heiliger war: Ist nicht die Begegnung eines jeden Menschen mit dem, der ihn töten soll, selber höchst seltsam und widersprüchlich?

Friedliche Menschen, unzivilisierte Menschen und Tiere

Bereits der Satz, mit dem Guevara seinen Henker empfing, bringt diesen Widerspruch auf den Punkt. Die beiden verstehen sich nicht nur, weil sie dieselbe Sprache sprechen. Sie duzen einander sogar, weil sie Kriegskumpel sind, dummerweise auf gegenüberliegenden Seiten. Guevaras Feststellung sagt ferner etwas im Krieg vollkommen Normales, dass es nämlich ums Töten geht. Stellen wir uns dieselbe Szene in anderer Verkleidung vor, beispielsweise einer Ärztin, die an das Krankenbett eines Kindes tritt und mit den Worten empfangen wird: "Du kommst, um mich zu töten." Unvorstellbar; das Kind kann nicht Recht haben. Es hat sicher nur Angst und ist furchtbar traumatisiert. Oder die Situation einer Katze, die eine Amsel gefangen hat und mit ihrer Nase vor dem tödlichen Biss direkt über dem Kopf des Vogels schnuppert. Die beiden Tiere verstehen einander nicht einmal. Das Töten des Vogels ist auch nicht unvorstellbar, sondern sogar ganz 'normal'; wir nennen das Jagdinstinkt.

Wir sind hier mit der vollkommenen Inkommensurabilität dreier Welten konfrontiert, die in unserem zivilisierten Menschenbild auch gar nicht zueinander passen sollen. Wir halten sie fein säuberlich auseinander und erklären jede für sich, in sich, für normal. In ihrem Verhältnis zueinander gibt es aber keine Normalität, ja im Grunde überhaupt kein Verhältnis zwischen ihnen. Wohl aber gibt es eine Stufenfolge der Entwicklung, die von den wilden Tieren über den auf Befehl oder auch aus Lust tötenden Menschen bis hin zum befriedeten Gemeinwesen führt. Wir haben es hier mit einer Schichtung zu tun: Wenn die jeweils obere zusammenbricht, kommt die nächst untere zur neuerlichen, vollen Geltung. Am Schluss sind wir alle Tiere.

Wenn die Zivilisation zerbricht

Die unangenehme Wahrheit einer solchen Schichtung ist, dass die Moral, die Menschenrechte, der Respekt vor dem Leben anderer und all dies großenteils nur zur obersten der drei Schichten gehört. Es bröckelt in riesigen Stücken ab, sobald diese oberste Schicht zerfällt. Im Krieg schuldet der Soldat vor allem Gehorsam und ein bisschen Kameradschaft, und auch das nur den Mitkämpfern auf seiner Seite. Den Gegner soll er töten, nur ausnahmsweise gefangennehmen. Dagegen kennt der zivilisierte Begriff der Menschenwürde nicht einmal einen Unterschied zwischen Soldaten und Zivilisten. Auf dieser hohen Ebene wird einfach ausgeblendet, was nicht in den Begriff passt. Die Wirklichkeit lässt aber nicht so einfach kommandieren. Wer der Zivilisation den Kopf abhaut, zeigt umgehend, dass es darunter noch einen Körper gibt, der offenbar anderen Regeln unterliegt als jenen der Sprache und der Moral.

Dies ist die Logik eines Vladimir Putin in seinem Krieg gegen die Ukraine. Er schlägt mit Bomben und Schusswaffen auf Millionen Menschen eines so genannten 'Brudervolks' ein, als gäbe es keine Zivilisation, keine Empathie, die das verbietet. Es gibt sie zwar, denn er ist nicht Herr über die ganze Welt. Aber sie ist machtlos gegen seinen Zivilisationsbruch. Die übrige Welt kann, soweit sie überhaupt dazu gewillt ist, nur auf seine Ebene hinabsteigen und Waffen liefern, um den Agressor zurückzuwerfen. Ja, es stimmt: Aus empathischer, menschenrechtlicher Sicht macht es keinen Unterschied, ob ein altes Ehepaar in seiner Wohnung in Mariupol von Bombensplittern getötet wird oder ein russischer Jugendlicher in einem alten sowjetischen Panzer qualvoll verbrennt, weil sein Fahrzeug von einer Panzerfaust getroffen wurde. Wenn der Zivilisationsbruch einmal eingetreten ist, leitet sich der moralisch entscheidende Unterschied auf der Ebene der Gewalt nur noch daraus ab, zu welcher Seite die Opfer gehören und auf welcher Seite diejenigen stehen, die das moralische Urteil fällen. Wer zur Feindesseite gehört, kann mit keiner Gnade rechnen. So ist die Welt unterhalb der Zivilisation. Und es geht noch tiefer, bis hinunter zu den Dinosauriern.

Der Berserker und die Logik

Das Fatale dieser Berserkerlogik ist, dass man ihr nicht entkommt, insbesondere nicht dadurch, dass man die Qualen der Opfer gegeneinander aufwiegt. Wer dies tut, so nachvollziehbar eine solche emotionale Rührung auch ist, verringert damit nur die Heilungschance des bereits eingetretenen Zivilisationsbruchs. Wenn die westliche Welt also die Ukraine unterstützt, muss sie sich zusammen mit den Ukrainern auf die Ebene des Berserkers hinabbegeben, um aus diesen üblen Umgangsformen miteinander der Zivilisation zu neuer Geltung zu verhelfen. Es ist falsch, die Menschenrechte und die gesamte zivilisierte Ordnung der Menschen zum bloßen Schein zu erklären und den Wahnsinn des Krieges zur 'eigentlichen' Wahrheit des menschlichen Zusammenlebens. Es gibt keine Eigentlichkeit in diesen Dingen. Es gibt nur eine sehr fragile Entwicklung der Menschlichkeit zur Aufrechterhaltung einer friedlichen, auf Regeln basierenden Ordnung. Wo diese Entwicklung zurückgeworfen wird, schulden wir ihr im Interesse aller Menschen, ausdrücklich auch den früheren Feinden, die ohnehin größtenteils selbst Opfer sind, die Wiederherstellung dieser Ordnung. Wenn es aus der Sicht jener verletzten Zivilisation also eine Logik des Krieges geben soll, dann wohl nur diese. Ausschließlich dann darf man das Töten Verteidigung nennen. (ws)

Frühere Leitartikel

Von Abraham Lincoln ist der Spruch überliefert: "Man kann einige Menschen die ganze Zeit und alle Menschen eine Zeit lang zum Narren halten; aber man kann nicht alle Menschen allezeit zum Narren halten." Dieser Spruch enthält nicht nur eine auf die einfachste Weise ausgedrückte Wahrheit, die mehr ist als nur ein Spruch. Die Behauptung ist mit logischer Notwendigkeit wahr. Das formale Kalkül dahinter ist aber keineswegs nur eine formale Spielerei. Sie ist das mächtigste Argument gegen jegliche Art von globaler Verschwörungstheorie. Im Folgenden will ich kurz versuchen, den formallogischen Hintergrund des Arguments zu beleuchten.

In seiner 11. These über Feuerbach hinterließ uns Marx den bekannten Spruch: "Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kömmt drauf an, sie zu verändern." Das klingt so, als würden Philosoph*innen - etwas weniger vornehm ausgedrückt - nur schwatzen. Ist dieser implizite Vorwurf an "die Philosophen" gerechtfertigt?

Das Jahr 2020 war vermutlich für die meisten Menschen dieser Erde nicht gerade das angenehmste ihres bisherigen Lebens. Und Besserung steht nicht unbedingt bevor: Nicht nur Covid 19, sondern auch politische Gewalt und Umweltzerstörungen in ungeheurem Ausmaß halten uns in einem Zustand des Schreckens, der nicht wenige Menschen irre werden lässt - irre an der Welt und an sich selbst.

Der Kapitalismus hat in den Landen, wo er erfunden und gepflegt wurde, keinen guten Ruf mehr. Er wird für einen beträchtlichen Teil all dessen verantwortlich gemacht, was inzwischen auf der ganzen Welt schiefläuft: Krasse Ungerechtigkeiten, ungezügelte Umeltzerstörung, konsumistische Massenverdummung. Wer aber ist dafür verantwortlich? Ja, natürlich: 'die' Unternehmer, denn sie sind das, dieKarl Marx als Kapitalisten bezeichnete. Schwere Schuld laden sie tagtäglich auf sich, weil sie ständig und mit großem Eifer am Untergang unserer lieben Welt arbeiten. Sehr böse. Fraglich ist allerdings, welche Rolle solche Schuldzuweisungen selbst bei der Fortschreibung der zugegeben schlechten Aussichten spielen.

Seit Beginn dieses Jahrtausends scheint es mit der Menschheit auf diesem Planeten abwärts zu gehen - das jedenfalls könnte man meinen, wenn man den ständig anschwellenden Chor nicht nur der Mahner und Verängstigten, sondern auch der manifest Unzufriedenen bis hin zu militanten Möchtegern-Umstürzlern und veritablen Terroristen in seinen Kopf hereinlässt. Das Erstaunliche an dem Phänomen ist, dass es gleichzeitig global aufflammt und doch in sehr verschiedener Art daherkommt. Wie können wir uns dies erklären?

Wir leben in extremen Zeiten, neuerdings vor allem in extremen Krisenzeiten. Nachdem der Fall des Eisernen Vorhangs Anfang der 1990er Jahre erst das Paradies auf Erden versprach, nämlich das Ende des Kalten Krieges, verdüsterte sich schon wenige Jahre später der Ausblick erheblich - und nachhaltig. Es folgten vier große Krisen, und keine von ihnen hat sich bisher auflösen lassen.

Bei allen gegenseitigen Anschuldigungen und sogar einem neuerlich beginnenden atomaren Wettrüsten zwischen den beiden Supermächten USA und China sollte man nicht übersehen, dass beide Staaten neben dem heftigen Fieber des Nationalismus auch von beharrlichem Rassismus geschüttelt werden. Was den Nationalismus betrifft, ist er überall auf der Welt immer derselbe: Das Narrativ einer homogenen Herkunfts- und Kulturgemeinschaft wird mit großem Eifer gestärkt, um es daraufhin als Grundlage einer Feindseligkeit gegenüber allem übrigen 'Ausland' und vor allem gegenüber den angeblichen Nicht-Zugehörigen zur jeweils 'eigenen' Nation im Innern zu machen. Der Rassismus steuert zur Illusion des Nationalismus die biologischen Letztbegründungen bei. Ihre Mischung ist gefährlich.

Einer der zentralen ideologischen Angriffspunkte der großen französischen Aufklärer war ihre Kritik am Umgang der katholischen Kirche mit der Natur. Alles Natürlich am Menschen, allem voran seine Lust auf Sex und Luxus, war der katholischen Kirche ein Greuel. Tatsächlich waren ihre diesbezüglichen Methoden erstaunlich erfolgreich, wenn man bedenkt, wie stark die damit bekämpften Triebe sind, insbesondere jener, der angeblich nur der Fortpflanzung dient (dies ebenfalls eine Erfindung der katholischen Glaubenslehre; die Bonobos sind anderer Meinung). Doch die Geschichte nahm eine andere Wendung.

Es gibt wohl wenige Sätze in der politischen Philosophie des 20. Jahrhunderts, die so wirkungsmächtig waren wie der erste Satz der Politischen Theologie von Carl Schmitt. Er lautet: "Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet." (Duncker & Humblot, München und Leipzig, 2. Aufl. 1934, S. 11). Dabei klingt dieser Satz zunächst einmal rätselhaft. Ausnahmezustand? Das war doch damals... 1933. Aber heute?

Es gibt drei grundsätzliche Fragen, die symbolisch agierende Wesen gerne beantwortet hätten, die aber vermutlich auf absehbare Zeit nicht abschließend beantwortet werden können:

1. Wieso gibt es das alles: das Universum, die Erde, die menschliche Welt?
2. Wie verhält sich die Bestimmtheit der Welt (ihre Bedingtheit, Determination, Regeln) zur strukturellen Entwicklungsfreiheit der Dinge und der Menschen?
3. Hat die Welt einen immanenten Sinn (einen Zweck, ein Ziel, eine Bestimmung)?