Jemand macht etwas, und ich bin wütend

Es gibt sie noch, die coolen, stoischen Menschen

Dieser Text ist ein Plädoyer gegen die Erregung, gemeinhin auch als Gefühl bezeichnet. Das ist eine unpopuläre Herangehensweise an die Dinge dieser Welt, ich weiß. Aber schauen wir einmal, was dabei herauskommt.

Nehmen wir an, eine Person sagt etwas, und eine zweite Person reagiert darauf wütend. Ich schaue mir das an und bin überrascht. Deshalb frage ich die zweite Person, warum sie gerade wütend wurde. Daraufhin wird sie mir vielleicht antworten: "Weil <Person 1> aggressiv geredet hat!" Ok, diese Antwort zeigt allerdings nur, dass es hier offenbar um zwei verschiedene Dinge geht, nämlich (1) um die Einschätzung der Rede als aggressiv und (2) um die emotionale Reaktion darauf. Folglich frage ich die zweite Person nun:

  1. Warum meinst Du, dass die Rede der ersten Person aggressiv war? und
  2. Warum bist du deshalb wütend geworden?

Diese Aufspaltung einer emotionalen Situation in zwei grundlegend verschiedene Sachverhalte ist vielen Menschen unbequem. Das liegt daran, dass die empfundene Einordnung einer Situation z.B. als aggressiv (oder wie auch immer) durchaus nachvollziehbar sein kann, die anschließende Gefühlsregung deshalb aber weder begründet und schon gar nicht gerechtfertigt ist. Viele Menschen haben es allerdings lieber zu behaupten, dass ihre Gefühle unmittelbar und ohne weitere Notwendigkeit, also sozusagen 'logisch' oder gerne auch 'natürlich', aus ihrer sachlichen Einschätzung der Situation folgen. Genau dagegen richtet sich dieser Beitrag.

Der klassisch-empirische Fall einer solchen - aus meiner Sicht unzulässigen - Koppelung ist die Eifersucht: Jemand erwischt seine*n Intimpartner*in bei einem Seitensprung und reagiert sauer. Hier ist zunächst meist unstrittig, dass das Fremdgehen gegen die Vereinbarung der Intimbeziehung verstößt. Aber warum muss man deshalb sauer sein?

... und immer wieder der Rekurs auf die (angebliche) Normalität oder die Biologie

Die üblichste und gleichzeitig lächerlichste aller Antworten auf solche Fragen lautet: Das sei doch 'normal' (gerne mit Hinweis auf 'die Biologie' und ähnliches). Dazu kann ich leider nur ironisch sagen: Was ist schon normal? Was meinst du überhaupt mit 'normal'? Und warum müssen wir beide normal sein? Selbst wenn jemand alle diese Fragen mit vielen (meist ebenfalls aufgeregten) Worten beantwortet, ist damit die weitere und entscheidende Frage, ob man auf bestimmte Ereignisse nicht auch anders reagieren kann, noch nicht einmal angeschnitten, geschweige denn beantwortet.

Um hier voranzukommen, bedarf es zunächst einer grundlegenden Unterscheidung zwischen Empfindung und Erregung. Beides wird umgangssprachlich leider unter dem Begriff des Gefühls zusammengeworfen. Das erzeugt Probleme. Eine Empfindung ist bereits etwas durchaus Subjektives, insofern sie gewisse Eindrücke unter eine Kategorie des Gespürten bringt. Beispielsweise schaut mich jemand Fremdes an und ich empfinde diese Person als freundlich. Entsprechend verhalte ich mich. Diese Empfindung kann mich täuschen, und wenn ich später mit jemand Anderem darüber rede, kann ich zu dem Schluss kommen, dass ich mich geirrt habe. Nichtsdestotrotz ist diese Empfindung auf Nachfrage zunächst objektiv begründbar: Ich kann angeben, warum mir jene fremde Person freundlich erschien.

Anders verhält es sich mit der Erregung. Sie überkommt uns 'automatisch', d.h. einfach so, begründungslos. Plötzlich verlieben wir uns, haben Angst, sind wütend oder traurig etc. Eine entsprechende Erregung kann auf Nachfrage zwar auch begründet werden. Solche Begründungen wirken aber immer 'nachgeschoben', d.h. im Nachhinein rechtfertigend zurechtgelegt. Das generelle Problem unserer Erregungen ist, so meine ich, dass sie sehr häufig neue Probleme erzeugen, statt bestehende Probleme zu lösen. Mit stark erregten Menschen kann man kaum reden. Dies spüren wir heute gerade im politischen Raum deutlich und sehr unangenehm. Ich habe kein Problem damit, dass andere Menschen vollkommen andere Empfindungen, politische Erwartungen und Auffassungen der gesellschaftlichen Situation haben als ich. Wenn sie ihre Empfindungen aber mit starker Erregung vortragen, ist praktisch kein Gespräch mehr möglich. Ihre Erregung blockiert ganz unabhängig vom Inhalt ihrer Auffassungen den Kontakt und das Finden einer gemeinsamen Lösung.

Erregung als Pseudo-Argument

Meine Rede gegen die häufig schädliche Erregung ist deshalb im erweiterten Sinne auch eine gegen die undeutliche Dominanz der Gefühle im privaten und öffentlichen Gespräch. Denn der unklare Ausdruck 'Gefühl' vernebelt das Verständnis, worum es im jeweiligen Gespräch überhaupt geht: Streiten wir über Sachverhalte und unsere Empfindungen dazu, oder will jemand lediglich seine Erregung loswerden und benutzt mich und die Öffentlichkeit nur als Zielscheibe und Mülleimer ihrer bzw. seiner emotionalen Spannungen?

Hieran schließt sich eine weitere und wichtige Unterscheidung an, nämlich jene, was die Absicht der erregten Person betrifft. Ich rede nicht gegen Erregungen, die einfacher Ausdruck der emotionalen Situation sind, die jemand gerade erlebt oder erlebt hat. Jemanden, der vor Freude laut lacht oder vor Schreck zusammenzuckt, wird man deshalb kaum kritisieren können. Anders sieht es dagegen aus, wenn Erregung zweckvoll eingesetzt wird, z.B. um andere Menschen einzuschüchtern oder mit emotionaler Gewalt zu überzeugen. Grundsätzlich dürfte vielmehr gelten: Erregung ist kein Argument. Sie ist deshalb im Streitgespräch als unzulässiges Mittel formal disqualifiziert. Darüber hinaus mögen emotionale Erregungen ein sehr wertvoller Bestandteil unseres Lebens sein. Das stelle ich nicht in Frage. Man sollte bei ihrer Äußerung aber Bescheidenheit walten lassen. Wer glaubt, ihre oder seine Erregung sei bereits die Rechtfertigung für ein Eingreifen in diese Welt, liegt falsch. Im Extremfall werden solche Personen zu Tyrannen. Und wer mag schon tyrannisiert werden? (ws)

Frühere Leitartikel

Das Zeitalter der Bilder

Wir leben im Zeitalter der Bilder. Jenes der Zeichen haben wir hinter uns. Im Kampf um die Aufmerksamkeit der Medienkonsumenten haben die Zeichen grundsätzlich das Nachsehen: Sie müssen interpretiert werden. Bilder, besonders die bewegten, sind da klar im Vorteil. Ihre suggestive Unmittelbarkeit schlägt alle anderen visuellen Konkurrenten mühelos aus dem Feld. Ob das als Fortschritt zu bezeichnen ist, bleibt abzuwarten.

Weiterlesen …

Ein Toast auf die Vernunft!

Der Zeitgeist meint es gerade nicht besonders gut mit der Vernunft. Lang ist es her, dass Leute vom Range eines Voltaire und Kant sich für sie einsetzten. Die Vernunft ist heute überall in der Defensive. Sie muss sich vor allem in den verwöhnten und reichen Ländern der Erde gegen den Vorwurf der Gefühlskälte, der Langweiligkeit, der Besserwisserei, gar der regelrechten Arroganz verteidigen. Was ist schief gelaufen, dass der vernünftig auftretende Mensch so schlechte Karten hat? - Von Georg Sultan

Weiterlesen …

Weibliche Kultur

Im Jahre 1911, also vor etwas mehr als 100 Jahren und nicht zufällig zu jener Zeit, als auch Sigmund Freud intensiv über Sexualität (dabei "Irgendwie" auch über die gesamte Geschlechterfrage) nachdachte, schrieb der schon zu Lebzeiten berühmte Philosoph und Soziologe Georg Simmel über das Verhältnis des Weiblichen und Männlichen zueinander. Simmels Text ist wegen seiner Subtilität bemerkenswert. Trotz aller Rückständigkeit seiner Zeit in Fragen der Gleichbereichtigung, in der z.B. fast gleichzeitig zu seinem hier abgedruckten Text Otto Weininger im Jahre 1903 sein bösartig-lächerliches Traktat "Geschlecht und Charakter" schrieb, verfasste Simmel einen Aufsatz, der nicht nur soziologische Fakten zu erhellen versucht, sondern vor allem auf die existenzielle Notwendigkeit einer Differenz abstellt, ohne die uns Menschen die Lust am Leben womöglich in erheblichem Umfange vergehen könnte. Er verortet diese Differenz, bei aller Wissenschaftlichkeit, letztlich an seltsam undurchdringlichen Orten, an reichlich unzugänglichen Stellen der kollektiven Psyche. Seine Beschreibung würde in mancher Hinsicht, von heutigen Diskutanten irgendwo auf einem universitären Podium vorgetragen, wahrscheinlich nur Häme ernten. Doch eine solche Verurteilung ist oberflächlich. Denn Simmel schreibt nicht aus mangelndem Respekt oder gar Verachtung für das Weibliche, sondern aus dem ehrlichen und sehr kritischen Versuch heraus, die Notwendigkeit der Geschlechterdifferenz, wie immer man sie auffassen mag, in eine für alle Beteiligten positive Form zu bringen.

Es folgt der gesamte, ungekürzte Text seines Aufsatzes aus dem Jahre 1911.

Weiterlesen …

Die Bedeutung der Unterscheidung von Staat und Gesellschaft im demokratischen Sozialstaat der Gegenwart

Während die klassische Staatstheorie den Staat schon seit Thomas Hobbes (als Vertrag der Gründungsmitglieder) über Lorenz von Stein (als Idee des Sozialstaats) bis zum modernen Institutionalismus z.B. bei Francis Fukuyama als Lösung des Problems ansieht, wie man den Einzelnen vor dem ungezügelten Egoismus seinesgleichen schützen kann, gibt es - um mit Freud zu sprechen - ein zunehmendes Unbehagen in der politischen Kultur angesichts einer immer umfassenderen und kaum mehr zu kontrollierenden Staatsmacht, die sich verselbständigt und tendenziell sich die Bürger weit über das Maß hinaus unterwirft, als dies für das Gemeinwohl notwendig ist. Dies gilt keineswegs nur für autoritäre Staaten, sondern zunehmend auch für die westlichen "Kernländer" demokratischer Verfassung. Ernst-Wolfgang Böckenförde hat bereits im Jahre 1972, gegen den damaligen Mainstream, vor einer solchen Entwicklung mit wirkungsmächtigen Argumenten gewarnt. Sein Text hat nichts an Aktualität verloren.

Weiterlesen …

Naturphilosophie im 16. und 17. Jahrhundert und moderner Holismus

Bereits seit ca. 30 Jahren ist ein ständig steigendes Interesse an der Entwicklung des Wissenschaftsbegriffs aus dem ausgehenden Mittelalter und der frühen Neuzeit zu beobachten. Tove Elisabeth Kruse (Forskning - Roskilde Universitet, Dänemark), zeigt in einem Aufsatz aus dem Jahre 1999 einige zentrale Aspekte des faszinierenden Übergangs vom mittelalterlichen zum modernen Denken auf.

Weiterlesen …

Kultur, Logik und Sprache

In diesem Beitrag setzt sich Lennart Lennart Nørreklit kritisch mit der fundamentalen Version des Kulturrelativismus auseinander, die sogar die "westliche" Logik als nicht unversell betrachtet. Er antwortet hiermit auf den Artikel von Wolfgang Sohst ("Hilfe in höchster Not"), der bei MoMo am 23.10.2014 auf der Titelseite erschien.

Weiterlesen …

Auch wir sind Charlie Hebdo (mit: "Schicksal und Charakter" von Walter Benjamin)

Das Attentat auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" und den jüdischen Supermarkt in Paris am 7.01.2015 markieren einen neuen Höhepunkt in einem Konflikt, der im Grunde politischer Natur ist, an der Oberfläche und in den Köpfen vieler Mitläufer aber im religiösen Kontext ausgetragen wird. Zu einem zentralen Aspekt des darauf aufbauenden Denkens hat bereits im Jahre 1919 Walter Benjamin in seinem Aufsatz "Schicksal und Charakter" Stellung genommen. Hier sein Essay im Original.

Weiterlesen …

Lost and Found in Translation

Wie findet paradigmatisch in der Kunst, praktisch aber auch in allen anderen kulturellen Handlungsfeldern die Übertragung von Inhalten in einen anderen Kontext oder in ein anderes Medium statt, also die Umsetzung, Paraphrase, Transformation, Erfindung von Bedeutung? Tasos Zembylas untersucht den kulturwissenschaftlichen Begriff der Translation, um das Phänomen in seinen Ursprüngen zu verstehen.

Weiterlesen …

In höchster moralischer Not

In Anbetracht einer sich immer stärker integrierenden Weltgesellschaft drängt sich die moralische Kernfrage auf: Gibt es absolute Bewertungskriterien, an denen sich die historische Entwicklung einer Gesellschaft oder eines Kulturraums messen lassen muss?

Weiterlesen …

Psychology meets metaphysics

Der amerikanische Philosoph Mark H. Bickhard, hierzulande bisher kaum bekannt, arbeitet seit vielen Jahren an ontologischen Prozessmodellen. Bickhard, der am Department of Psychology der Leigh University in Pennsylvania lehrt, hat zur Fundierung seines kognitionspsychologischen Ansatzes einen prozessmetaphysischen Rahmen ausgearbeitet, der ein wertvoller Beitrag zur zeitgenössischen Ontologie ist.

Weiterlesen …