Wider den Menschenkonsum

Enttäuschende Auswahl?
Enttäuschende Auswahl?

Was gibt's denn heute im Regal?

Eine der sehr negativen Folgen westlicher Konsumkultur ist, dass viele Menschen an ihre Mitmenschen, insbesondere die ihnen nahestehenden, mit einer Einstellung herangehen, die derjenigen bei der Auswahl eines Konsumartikels in einem Supermarktregal ähnelt. Es sollte niemanden wundern, wenn eine solche Einstellung nur selten zum Aufbau einer dauerhaften und für beide Seiten befriedigenden Beziehung führt. Das berührt unser Menschenbild auf einer emotional sehr tiefen Ebene.

Die industrielle Konsumgüterproduktion hat Seiteneffekte, die auf den ersten Blick nicht ins Auge fallen. Dies liegt unter anderem daran, dass die Konsumgüterindustrie - von der kleinen Zahnpastatube bis zum maßgeschneiderten, teuren Luxusauto - auf Standardisierung setzen muss, um die jeweiligen Produkte kostengünstig produzieren zu können. Das ist allseits bekannt und grundsätzlich auch gut, weil auf diese Weise auch die technische Entwicklung dieser Produkte viel einfacher ist, als wenn jeder Kunde eine Extrawurst gebraten bekommt. Ein zunächst vielleicht unerwarteter Nebeneffekt dieser industriellen Rationalisierung ist jedoch, dass damit nicht nur unsere Einstellung zu Konsumgütern, sondern auch jene zu unseren Mitmenschen geprägt wird. So sehe ich, dass insbesondere jüngere Leute bei der Wahl ihrer Freunde und Partner stark davon ausgehen, so lange solche Freunde oder Partner suchen zu müssen, bis man die 'richtige' Person gefunden hat. Das ist im Grunde nicht zu kritisieren. Das wird allerdings zum Problem, wenn 'richtig' so eng definiert wird, dass die Chance gegen Null tendiert, eine solche 'richtige' Person überhaupt zu finden. Das wahrscheinliche Resultat einer derart überzogenen Erwartungshaltung an das verfügbare 'Menschenangebot' in unserer Umgebung ist die fortgesetzte Einsamkeit.

Oh, wie bin ich individuell!

Alle Menschen sind verschieden. Der westliche Kulturraum ist zu Recht stolz, die Individualität des Menschen besonders hoch zu schätzen und zu respektieren. Diese Hochschätzung steht hier nicht zur Debatte. Vielmehr verhält es sich hier eher umgekehrt: Je individueller wir unsere Mitmenschen wahrnehmen, umso größer wird auch die Palette der Merkmale, die wir uns von einer 'richtigen' Person als Freund oder Partner machen. Die maximale Individualität von uns selbst und von unseren Mitmenschen wirkt also zurück in Gestalt immer genauerer Wunschbilder der jeweiligen Freund:in oder Partner:in. Dies ist ein perfektes Rezept, um unglücklich zu werden. Wer zu genaue Vorstellungen davon hat, welche andere Person zu ihr oder ihm passt, wird sie wahrscheinlich nie finden.

Die standardisierte Konsumgüterkultur ergänzt hier nun auf fatale Weise einen ins Extrem getriebenen Individualismus. Während uns nämlich die Supermarktregale zwingen, zwischen einer kleinen Variation verschiedener Zahnpastasorten auszuwählen, andernfalls wir leider auf Zahnpasta verzichten müssten, ist die Wahlvielfalt potenzieller Freund:innen und Partner:innen aufgrund der hohen Nicht-Standardisierung (sprich: Individualität) der entsprechenden Personen nahezu unendlich. Wir geraten dadurch in einen falschen Irrgarten, nämlich in eine Suche nach der entsprechend unseren Vorstellung perfekten Person, ohne infolge industrieller Standardisierung (zum Glück!) auf eine nur kleine Anzahl von 'Menschentypen' hoffen zu können, unter denen man auswählen kann.

Ran an den Speck der eigenen Erwartungen

Was hier wie eine üble Zwickmühle ausschaut, ist in Wirklichkeit keine. Des Rätsels Lösung liegt vielmehr ziemlich nahe, ist allerdings mit etwas Mühe und Geduld verbunden. Auf die Zahnpasta übertragen würde die Lösung lauten: Produziere dir deine eigene. Das ist ein schlechter Rat, sofern man nicht gerade Hobby-Chemiker ist. Auf unsere Mitmenschen angewendet macht er allerdings - zumindest näherungsweise - Sinn. Menschen sind keine Ware, die man sich wie in einem Supermarktregal aussucht und zurückgibt, wenn sie nicht den Erwartungen entsprechen. Wenn wir uns auf eine Beziehung einlassen, ist dies vielmehr eine Wechselbeziehung: Sie bildet sich überhaupt erst, indem die Beteiligten (häufig zwei Personen) gegenseitig aufeinander Einfluss nehmen, d.h. sich gegenseitig gestalten.

Die engste übliche Form einer solchen Beziehung ist die dauerhafte Intimbeziehung. Hier begeben sich in der Regel zwei Personen in eine Lebensgemeinschaft, haben vielleicht Kinder und gründen eine Familie. Aber auch ohne diese zusätzlichen Verbindichkeiten erwarten sie hier viel mehr voneinander als in einer einfachen Bekanntschaft. Wer aber viel erwartet, sollte auch mehr investieren. Die Lösung des oben genannten Rätsels lautet also: Wenn es die ideale Partner:in nicht gibt oder es zumindest ziemlich unwahrscheinlich ist, sie bzw. ihn zu finden, dann sollte man sich auf eine Person einlassen, bei der man lediglich daran glaubt, dass in der gegenseitigen Formung im Zuge des Aufbaus der Beziehung eine gute Partnerschaft entstehen könnte. Das ist das Gegenteil einer Konsumeinstellung zum Mitmenschen:

  1. Wer sich in wechselseitiger Gestaltung auf eine Beziehung einlässt, wird lernen, seine Wünsche an die andere Partnerperson so auszudrücken, dass man verstanden wird. Das klingt leichter als getan. Wir müssen uns nämlich Mühe geben, nicht nur einfach Anpassung von unseren Mitmenschen zu fordern, sondern unsere Wünsche an sie auch so herüberzubringen, dass sie annehmbar sind. Sie sollten also nicht nur als tyrannischer Befehl ankommen und tatsächlich erfüllbar sind. Das allein setzt einen Lernprozess in Gang, der unmittelbar die soziale Intelligenz aller Beteiligten trainiert.
  2. Unsere Mitmenschen werden auf solche Verhaltenswünsche, die wir an sie herantragen, symmetrisch reagieren und ebenalls Verhaltenswünsche an uns herantragen. Das ist auch der Sinn einer gegenseitigen Beziehungsgestaltung. Hier müssen wir ebenfalls lernen, auf solche Forderungen tolerant, d.h. nicht nur empört und ablehnend zu reagieren, und uns gegebenenfalls entsprechend verändern. Das ist schwierig, weil hier oft sozialschädliche Verhaltensgewohnheiten kritisiert werden und eventuell überwunden werden müssen.
  3. Wir stehen damit vor einer ganz andere Aufgabe als bei der Wahl eines Konsumprodukts. Diese Aufgabe lautet: Sei großzügig in der anfänglichen Suche nach möglichen Partner:innen. Lege nicht zu enge Kriterien an. Hänge insbesondere deine Geschmacksurteile nicht zu hoch, was Aussehen und und andere Äußerlichkeiten betrifft. Prüfe eher, welche Chancen du siehst, in engagierter wechselseitiger Gestaltung eine langfristig befriedigende Beziehung aufzubauen. Am Ende dieser 'Investition' werden alle Beteiligten eines solchen Prozesses eventuell ganz andere Menschen sein als zu Beginn.

Das klassische Beispiel einer derartigen wechselseitigen Beziehung, sofern sie gelingt, ist die Eltern-Kind-Beziehung. Vorderhand erziehen zwar die Eltern ihre Kinder, d.h. bereiten sie auf ihre kommenden Lebensaufgaben vor. Unter der Hand erziehen die Kinder aber auch ihre Eltern. Keine der an solchen Prozessen beteiligten Personen käme auf die Idee, die anderen als standardisierte Industrieprodukte aufzufassen, die man zurückgeben kann, wenn sie einem nicht gefallen, oder so überzogene individuelle Vorstellungen von der 'Sollbeschaffenheit' der anderen Beteiligten zu haben, dass es von vornherein unmöglich ist, diese Erwartungen zu erfüllen.

Wenn der Künstler zur Kunst wird

Personen, die sich in gegenseitige, langfristig orientierte Beziehungen begeben, sollten sich folglich eher als aktive Künstler auffassen, die gleichzeitig Gegenstand der Gestaltung anderer Künstler sind. Wir sind, um in diesem Bild zu bleiben, in solchen Beziehungen sowohl Bildhauer als auch die Tonerde oder der Marmor, die das Material einer intendierten Gestalt anderer Bildhauer sind. Wir sind gleichzeitig Gestalter und Gestaltete.

Konsumkultur und Individualismus sind im westlichen Kulturraum eine ziemlich unheilige Allianz eingegangen. Es liegt an uns, dies zu durchschauen und uns nicht beirren zu lassen, was überhaupt die Bedingungen einer gelingenden zwischenmenschliche Beziehung sind. (ws)

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Was ist ursprünglicher: Qualität oder Quantität?

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Künstliche Unvernunft

Im aktuellen Heft des Economist (Heft vom 21.04.2018, S. 14 oder online hier) wird berichtet, dass die Techniker von IKEA unter großem Aufwand es geschafft haben, einen Roboter so zu programmieren, dass er einen IKEA-Stuhl zusammenbauen kann. Oh Mann! Er braucht dafür allerdings 20 Minuten und somit ein Mehrfaches der Zeit, die ein durchschnittlich begabter Mensch für die Aufgabe benötigt. Auch Tesla, so wird berichtet, schafft seine Produktionsversprechen nicht, weil Elon Musk sich mit der Automatisierbarkeit im Autobau immer wieder massiv verschätzt. Inzwischen gibt er es sogar öffentlich zu. Irgendetwas stimmt nicht mit der Künstlichen Intelligenz.

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Freiheitssehnsucht und Lebenssinn

Es dürfte für wenig Aufregung sorgen zu behaupten, auch wenn es nicht beweisbar ist, dass 'der Mensch' nach Freiheit strebt, und dass er aber auch nach Sinnhaftigkeit seines Daseins verlangt. Diese Auffassung entspringt aber keineswegs nur privaten Empfindsamkeiten. Im weitesten Sinne kann man wohl sagen, dass es in den modernen westlichen Gesellschaften geradezu das oberste Staatsziel ist (neben der materiellen Grundversorgung der Bevölkerung), genau dieses Streben nach Freiheit und Lebenssinn zu befriedigen.

An einer solchen Forderung ist gleichwohl so ziemlich jedes Wort fraglich. Steckt hinter dem Ausdruck 'der Mensch' nicht bereits eine ungeheure Anmaßung, so als ob irgend jemand wissen könne, was für alle einzelnen Menschen gleichermaßen gelte? Streben wirklich alle Menschen nach Freiheit? Und wenn sie das tun, nach welcher? Handelt es sich bei dem Begriff der Freiheit nicht womöglich eine Bedeutungswolke im Wittgenstein'schen Sinne, deren einzelne Felder oder Bereiche nur eine Familienähnlichkeit aufweisen, aber keinen gemeinsamen Bedeutungskern? Und was ist 'Sinn' mehr als eine weitere solche Bedeutungswolke, die kaum zu klarerer extensionaler und intensionaler Vorstellung von ihr zu bringen ist?

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Emergenz: Hoppla, was ist denn das?

Die Einsicht ist inzwischen unvermeidlich, dass die Welt sich entwickelt haben muss, und zwar nicht nur im Bereich des Lebendigen auf unserer heiß geliebten Erde, sondern auch das Universum insgesamt. Denn selbst seit dem Big Bang, also dem Urknall, bis zur Bildung der ersten Atomkerne vergingen in den Zeitbegriffen der modernen Physik bereits Millionen Jahre. Diese kosmische Fähigkeit zur Entwicklung mag uns fröhlich machen, denn immerhin legt sie nahe, dass wir zur Krone einer solchen Schöpfungspotenz gehören. Sie ist aber auch ein tiefes Rätsel, denn der alte Satz "Ex nihilo nihil fit", zu deutsch: "Aus Nichts entsteht nichts", lässt derlei eigentlich nicht zu. Wie kann es also sein, dass sich in einer Ursuppe plötzlich einzelne Elementarteilchen mit Eigenschaften bilden, die in der Ursuppe noch nicht vorhanden waren?

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