Rekonfiguration: Wie wir werden, was wir sind

Eine Frau mit zwei Kinder auf dem Weg über einer Landschaft

Den eigenen und gemeinsamen Weg finden

Ein biologischer Mensch und seine soziale Person sind etwas Verschiedenes. Die Person baut zwar auf dem Menschen auf, geht aber weit über seine Existenzform hinaus. Als Menschen sind wir Teil der allgemeinen Biosphäre, d.h. wir haben uns aus dem Tierreich heraus entwickelt. Als Person jedoch stehen wir unserer Existenz reflektierend als ein uns Anderes gegenüber, d.h. wir interpretieren sowohl unsere eigene Existenz als auch die Welt um uns herum und das soziale Gewebe, das uns alle verbindet und das uns zeitlebens bestimmt.

Philosophiegeschichtlich wurde vor allem die Frage untersucht, was 'Bewusstsein' eigentlich bedeutet. Im Unterschied zu höheren Tieren, die zweifellos auch schon über ein sehr differenziertes Bewusstsein und ein reiches emotionales Reaktionsvermögen verfügen, ist die Person, also der sozialisierte Mensch, zusätzlich in der Lage, in symbolischer Form über sich selbst und seine Umwelt nachzudenken. 'Symbolisch' heißt, im Raum der Sprach komplexe Bedeutungen zu erzeugen. Das eröffnet uns, den Personen, im Gegensatz zu allen Tieren ein vollkommen neues Verhältnis zur Welt.

Daraus ergab sich im Zuge der Evolution nicht nur der einzelnen Person, sondern auch der menschlichen Kollektive bis hin zu großen Gesellschaften die Möglichkeit, verstehend auf die eigene Vergangenheit und Gegenwart zu blicken und daraus unsere Zukunft zu steuern. Ob das immer so funktioniert, wie wir uns das vorstellen, ist eine andere Frage. Wenn aber bereits eine junge, noch nicht erwachsene Person darüber nachzudenken beginnt, was sie später einmal werden will, geht das über das Vorstellungsvermögen eines jeden Tieres weit hinaus. Denn Tiere wollen zwar etwas, aber sie wollen nie etwas werden. Sie sind immer das, was sie gerade sind, und als solche mögen sie Hunger oder Aggressionen oder Konkurrenz zu ihrem Herdenboss haben. Auch im letzteren Falle haben sie aber keine von ihren unmittelbaren Impulsen gesonderte Idee davon, was es beispielsweise heißt, 'Boss' zu sein.

Personen sind folglich auf eine besondere Weise unabhängig von ihren biologischen Zuständen entwicklungsfähig, und sogar in dem Sinne, dass sie ihre eigene Entwicklung in gewissem Umfange planen und realisieren können. Dies, so behaupte ich, ist der spezielle Unterschied zwischen dem menschlich-persönlichen und dem tierischen Bewusstsein. In diesem Unterschied liegt auch der Schlüssel zu jener rätselhaften Freiheit, die wir, die Menschen, nur uns selbst zuschreiben, nicht aber der Tierwelt.

Wie funktioniert Selbstentwicklung?

Neuere neurologische Befunden haben geholfen, den funktionalen Zusammenhang der Selbstentwicklung (manchmal auch als 'Selbstbewirkung' bezeichnet) etwas aufzuklären. Zentral ist die Fähigkeit menschlicher Gehirne, sich ein Bild von der Welt zu machen, insbesondere von der Rolle der eigenen Person darin. Den Ausdruck 'Bild' sollte man allerdings nicht wörtlich nehmen. Unser Bild von der Welt setzt sich nicht nur aus visuellen Eindrücken, ja nicht einmal nur aus Sinneswahrnehmungen zusammen, sondern auch aus normativen Kenntnissen und Überzeugungen, also aus dem, was wir sollen, dürfen oder auch nicht tun sollten. Ferner zerlegen wir alles, was wir erlebt haben, in einzelne Ereignissequenzen und Zustandsinformationen, die mit Begriffen verknüpft sind, die ihrerseits wiederum miteinander auf vielfältige Weise in assoziative und logische Beziehungsstrukturen eingebunden sind. Und über all dem liegt noch eine Ebene der Bewertungen, die allen unseren Erfahrungen und dem daraus gewonnenen Wissen unterschiedliche emotionale und instrumentelle Nutzenwerte zuordnen. Diese höchst komplexe Struktur erlaubt es uns, vor unserem inneren Auge das eigene Leben Revue passieren zu lassen, und zwar nicht nur als einfache Erinnerung, sondern als etwas, das auf der sämtlichen der vorgenannten Ebenen qualifiziert ist. Wenn wir dies tun, ziehen wir sozusagen Schlussfolgerungen zweiter Ordnung, d.h. wir bilden uns ein beispielsweise Urteil darüber, ob diese oder jene Erfahrung tatsächlich noch die emotionale Aufmerksamkeit (oder Ignoranz) verdient, die wir ihr bisher zukommen ließen. Wir überprüfen auch unsere bisherigen kausalen und normativen Überzeugungen und aktualisieren sie regelmäßig. Beispielsweise mag uns der Bruch einer engen Beziehung aus größerer zeitlicher Entfernung ganz anders erscheinen als im Zeitpunkt des Ereignisses, sowohl was die Gründe angeht als auch dessen nachträgliche Bewertung.

Die Rekonfiguration des Selbst

Die entscheidende Frage ist jedoch: Was folgt daraus für unsere eigene Zukunft? Die (zu) simple Antwort lautet: Wir ändern einige Entscheidungen, was wir demnächst zu tun gedenken. Tatsächlich geht es jedoch zumindest manchmal um wesentlich mehr. Dann denken wir darüber nach, ob wir nicht grundsätzlich etwas in unseren Überzeugungen oder gar an in unserem ganzen Leben verändern müssten. Diesen Prozess könnte man als fortgesetzte Rekonfiguration unseres Selbst bezeichnen. Interessanterweise gilt dies nicht nur für einzelne Personen, sondern auch für Kollektive und sogar ganze Gesellschaften. Auf der kollektiven Ebene ist allerdings die Fragmentiertheit jenes Selbst wesentlich deutlicher zu spüren als auf der individuellen. Eine Person nimmt sich bis auf Ausnahmesituationen immer als eine integrale Ganzheit war, obwohl sie das tatsächlich gar nicht ist. Wir gehen mit den Widersprüchen unserer Persönlichkeit aber sehr praktisch um, d.h. wir behandeln sie immer nur dann, wenn sie zum Problem werden. Auf der gesellschaftlichen Ebene gibt es keine solche Fiktion eines integralen Wir, jedenfalls nicht außerhalb fundamental autoritärer Kreise in den heutigen, großen Gesellschaften. Die Rolle der Rekonfiguration einer Gesellschaft fällt überwiegend speziellen Rollen darin zu, z.B. Politikern, Wirtschafts- und Medienleuten, Historikern, Soziologen, allgemein 'den Intellektuellen'. Sie alle sind aufgefordert, über die gemeinsame Zukunft durch Reflexion der gemeinsamen Vergangenheit nachzudenken und daraus Vorschläge abzuleiten, wie es weitergehen soll. Oft erschöpfen sich solche Vorschläge in der Kritik des Bestehenden. Aber selbst jede noch so griesgrämige Kritik enthält zumindest implizit auch die Aufforderung, in den kritisierten Punkten künftig eine Änderung herbeizuführen. Alle solchen Veränderungsvorschläge oder -forderungen bedürfen jedoch einer möglichst plausiblen Begründung. Das unterscheidet die Willkür von der Vernunft.

Begrenzte Freiheit

Das Besondere dieser Rekonfiguration des individuellen und kollektiven Selbst - auch wenn es letztlich immer eine Illusion ist - zeigt sich aber erst, wenn jemand fragt: 'Ja, wer sind wir denn nun eigentlich?' Die Antwort auf diese Frage lautet: Es gibt kein 'eigentliches' Selbst, sondern immer nur die momentane Vorstellung davon. Wir werden ständig neu, wer und was wir sind, und in dieser Fähigkeit liegt unsere - zugegeben begrenzte - Freiheit. Die Grenze dieses Werdensfreiheit ist lediglich durch die so genannten Pfadabhängigkeit bestimmt: Wir können nicht alles werden, sondern nur das, was unsere eigene, individuelle und kollektive Vergangenheit als Möglichkeitsraum offen hält.

Dieser permanente Rekonfigurationsprozess ist eine sehr schöpferische Angelegenheit. Das beginnt schon damit, dass man nie weiß, nicht einmal bei sich selbst, was dabei herauskommt. Im besten Falle wird jemand im Laufe seines oder ihres Lebens vom Saulus zum Paulus, vom Kriminellen zum menschlichen Vorbild; im schlimmsten Falle genau umgekehrt, bis hin zu solchen Wahnsinnsgestalten wie all den gewalttätigen politischen Führern der Vergangenheit und Gegenwart. Wenn aber die Zukunft sowohl meiner Person als auch der Gesellschaft, in der ich lebe, nie im Voraus bekannt ist, ja nicht einmal bekannt sein kann, weil sie tatsächlich infolge der Überkomplexität des Werdensprozesses aller Dinge der Welt ontologisch nicht genau bestimmt ist, dann könnte man fragen, ob es überhaupt Sinn macht, sich ständig um seine Rekonfiguration zu bemühen. Diese Frage ist allerdings müßig. Als lebendige Wesen können wir gar nicht anders, und wer nicht mehr imstande ist, sein eigenes Werden zu erleben und zumindest teilweise zu bestimmen, ist im psychosozialen Sinne nicht mehr sehr weit von seinem Tod entfernt, nicht unbedingt biologisch, aber doch zumindest als Person. Und noch eine letzte Frage: Sind Personen, die sehr geschickt und intelligent mit ihrem ständigen Werden umgehen, auch moralisch bessere Menschen? Keineswegs. Denn die Moral steht auf einem ganz anderen Blatt. Vielleicht wird ein späterer Beitrag an dieser Stelle die Rolle der Moral in den besagten Entwicklungsprozessen noch etwas genauer besprechen. (ws)

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